Seit Beginn der Zweiten Republik wurde Österreich immer wieder von Korruptionsaffären gebeutelt. Der Wille zur Aufdeckung war stets bescheiden. Doch für kurze Zeit war das anders: 1966 ernannte Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP) den parteifreien Professor für öffentliches Recht, Hans Klecatsky, zum Justizminister seiner Alleinregierung. Unter dessen Ägide wurde der mächtige niederösterreichische ÖVP-Politiker Viktor Müllner wegen Amtsmissbrauch und Untreue angeklagt. Klecatsky stimmte auch einem Verfahren gegen schwarze Beamte zu, die Straßenbauprojekte zum Nachteil der Steuerzahler abgewickelt hatten. In beiden Fällen gab es Verurteilungen. Doch der Einsatz des heute 91-jährigen Ex-Ministers zeigte auch: Parteinahe Korruption aufzudecken wird vom Wähler nicht honoriert. Die Nationalratswahlen 1970 verlor die Volkspartei haushoch.

DIE ZEIT: Wie kam es, dass Sie als Parteiloser Justizminister wurden?

Hans Klecatsky: Josef Klaus kannte mich als Hofrat des Verwaltungsgerichtshofs. Es gab Gerüchte, dass ich als Minister im Gespräch bin. Doch erst einen Tag vor der Angelobung rief Klaus an und fragte nur: »Sind Sie bereit, in die Regierung Klaus II. einzutreten?« Und bevor ich etwas sagen konnte, fügte er hinzu: »Morgen, zehn Uhr, Angelobung beim Bundespräsidenten, gestreifte Hose!« Ich hatte keine Zeit nachzudenken und sagte zu – obwohl ich weder in Wien war noch eine gestreifte Hose hatte.

ZEIT: Wie war Ihr Einstand im Ministerium?

Klecatsky: In meinem Büro gab es neben einem normalen Telefon eines mit Direktverbindung zum Kanzler. Der erste Anruf darauf kam von einem Wiener Juwelier, der meinte, er hätte irgendwelche Preziosen zu verkaufen. Auf meine Nachfrage, was er eigentlich wolle, fragte er nur: »Ist der Broda (Christian Broda, SPÖ, Justizminister von 1960–66 und 1970–83, Anm. d. Red.) nicht mehr Minister?« Als ich ihm sagte, dass ich das jetzt sei, legte er auf und meldete sich nie wieder (lacht).

ZEIT: Haben Sie eigene Mitarbeiter mitgebracht?

Klecatsky: Nein, ich habe alle in ihrem Amt belassen und den Sekretär von Broda übernommen. Schon am zweiten Tag kam der Anruf des Kanzlers: »Klaus hier. Du, da sind ein paar Leute bei mir, die erzählen, du umgibst dich mit lauter Roten. Aber sag nichts, das sind alles Schweine.« Er meinte damit die, die mich denunzieren wollten. Das waren Mitglieder des Cartellverbands, die meinten, im Justizministerium die Macht übernehmen zu können. Die fanden es nicht gut, dass ich die Roten behielt.

ZEIT: Warum haben Sie das gemacht?

Klecatsky: Das war wichtig für mich. Dadurch hatte ich immer alle Informationen und wusste viele Dinge schon vor dem SP-Parlamentsklub.

ZEIT: Wurden Wünsche an Sie herangetragen?

Klecatsky: Gleich nach der Angelobung wollte mir ein Abgeordneter Gnadengesuche zustecken. Ich habe ihn gebeten, mir die auf offiziellem Weg zu schicken. Er ging, und ich habe nichts mehr von ihm gehört. Ein Staatssekretär meinte, ich hätte mir nun einen Gegner gemacht.

ZEIT: Schon bald ließen Sie Ermittlungen gegen Mitglieder der Volkspartei zu.

Klecatsky: Ich habe gar nichts getan, ich habe nur dem Recht seinen Lauf gelassen. Im Herbst 1966 fand der ÖVP-Bundesparteitag statt. Ich war nicht dabei, sondern fuhr nach Salzburg. Kaum komme ich im Hotel an, läutet das Telefon: Ich solle sofort nach Wien kommen, am Parteitag sei Trubel ausgebrochen. Ein Untersuchungsrichter fliege durch Österreich und verhafte Spitzenleute der Partei, und ich hätte das auch noch genehmigt und geheim gehalten – es ging um den damaligen Bauskandal. Das war ein Riesending. Ich fahre also nach Wien, und Klaus sagt, ich soll mich neben ihn setzen, damit jeder sieht, dass wir einer Meinung sind.