Zuerst fährt die schwere Schere durch den Stoff. Dann rattert die Nähmaschine. Es dampft, Dutzende Hände klopfen, drücken und zerren. Ein Regenschirm entsteht. Je nach Modell dauert das zehn bis zwanzig Minuten. Um Michael Lackner setzen Mittfünfzigerinnen in Bluejeans und bunten Blusen Schirm um Schirm zusammen. »Ich hatte früher wenig Erfahrung mit diesen Produkten«, sagt der Chef und sieht dabei so aus, als würde er sich noch immer wundern, dass er hier gelandet ist.

Es ist Mittag in der oberösterreichischen Provinz, und die Sonne scheint über die weiten Lagerhallen, zehn Minuten Autofahrt von der 16.000-Einwohner-Stadt Braunau entfernt. Ein paar Kilometer entfernt fließt der Inn an der Grenze zu Deutschland entlang. Auch der Beton zwischen den 12.500 Quadratmeter großen Hallen, in denen die Regenschirme entstehen, ist gleichsam Grenzland. Vom Dach der einen Produktionsstätte prangt auf einem meterhohen Schild der Name Doppler. Auf der anderen ist ein roter Punkt zu sehen, daneben steht Knirps. Es sind die zwei bekanntesten Marken für Regenschirme, die es noch in Europa gibt. Die erste ist österreichisch, die zweite war jahrzehntelang deutsch. Früher kämpften sie um jeden Kunden. Heute können sie nicht mehr ohneeinander.

Michael Lackner schlendert durch seine Fabrik. Der blonde 33-Jährige im marineblauen Sakko hat in Kopenhagen und London Wirtschaft studiert. Heute kümmert er sich als Geschäftsführer um den Knirps: jenen Schirm mit Teleskopgestänge, der auf der nördlichen Seite des Inns Kult ist. In den Regalen vor Lackner liegen Tausende Griffe, dicke Stoffballen, handbeschriftete Kartons voller Stangen. Weichselholz, Hirschgeweih, Lodenstoff, Burberrymuster. Kastanienholz und auch viel Polyester. Es schimmert blutrot, in elegantem Violett und knalligem Froschgrün – hier scheint alles erlaubt.

Lackner bleibt bei einem Regalfach stehen und zieht einen schweren Schirm aus einem schwarzen Samtbeutel. 150 Swarovski-Kristalle glitzern im Sonnenlicht. Die Stange ist mit Klavierlack veredelt, darüber italienischer Satin. Rund 300 Stück werden jährlich von dem Edelschirm verkauft, meist an reiche Russen. Mit einem Preis von 300 Euro ist es der teuerste Knirps im Sortiment. Doch es gibt auch solche, deren Preis ein Betriebsgeheimnis bleibt. Papst Benedikt XVI. hat so ein Exemplar: einen weißen Schirm mit Fiberglasstange. Das Wappen hat der Vatikan extra schicken lassen, hier hat man es nur noch angenäht. Der Papst ist Deutscher; sein Schirm ist von Knirps. Der Österreicher Michael Lackner lächelt.

Die Geschichte des Knirpses beginnt mit dem Bergassessor Hans Haupt. Im Ersten Weltkrieg verwundet, will er nicht mit Gehstock und einem langen Schirm aus dem Haus gehen. Also erfindet er den zusammenklappbaren Taschenschirm. 1928 meldet er das Patent an. Vier Jahre später beginnt die norddeutsche Firma Bremshey in Solingen nahe Düsseldorf mit der Produktion. Der Knirps ist geboren und mit ihm ein deutscher Designschick. Sogar John F. Kennedy bestellt ihn für seine Bodyguards. Als die niederländische Kronprinzessin Beatrix Mitte der Sechziger heiratet, liegt ein Knirps mit Krokodillederetui im Handschuhfach des Hochzeitsautos. Schließlich wurde der Schirm im Duden erwähnt: »Knirps, der; -es, -e (kleiner Junge od. Mann; ein zusammenschiebbarer Regenschirm)«. Bis heute sollen 200 Millionen Stück verkauft worden sein.

Billigware verdrängte den Schirm mit dem roten Punkt

Die Produktpalette wird rasch erweitert: vom Damenschirm mit Quasten bis zum langen Stockschirm. Auch Modemagazine bilden ihre Models mit den Schirmen von Bremshey ab.

Als Ende der Siebziger eine Jumbo-Variante vorgestellt wird, wirbt der Schirmproduzent im Fernsehen mit einem Elefanten. Es sind die Tage des Pomps; doch die norddeutschen Schirmherren waren selbst zum Elefanten geworden. 1982 ist damit Schluss. Der Schirmbauer ist bankrott, der Knirps wurde von Schirmen aus dem Regal verdrängt, die für wenige D-Mark oder Schilling zu haben waren. Bremshey verhökert das Unternehmen. Doch auch die neuen Besitzer scheitern: 1999 folgt der nächste Konkurs, wieder wird verkauft. Nur sechs Jahre später steht die Traditionsmarke abermals vor dem Aus. Es scheint, als ob die Marke mit dem roten Punkt zum Auslaufmodell geworden ist.

Michael Lackner sitzt mittlerweile an einem Besprechungstisch im Schauraum neben seinem Büro. Hier hat alles einen roten Punkt: die Modelle mit Fiberglas, die schwarzen Klassiker, die Poster, die Regenjacken, die langen Schirme mit den Kristallen, die Teller mit dem Prosciutto, die Kaffeetassen, die Wassergläser. Seit sieben Jahren kümmert sich Lackner darum, der Marke wieder Flair zu verleihen. Eine Million Schirme verkauft Knirps im Jahr, der Umsatz beträgt rund sieben Millionen Euro. Aber nur die Sondermodelle werden in Braunau gefertigt. Der junge Geschäftsführer hat Lieferanten in China gewechselt, den Fachhändlern gut zugeredet und eine Forschungsabteilung gegründet. »Die alten Eigentümer haben sich zu wenig um das Produkt gekümmert und sich auf der Marke ausgeruht«, erklärt er den Misserfolg seiner Vorgänger. Die Marke sei ein bisschen angestaubt gewesen. Man müsse eine jüngere Zielgruppe erreichen. Für Lackner heißt das: Menschen von der 40-jährigen Geschäftsfrau bis zum 25-jährigen iPhone-Nerd, die sich die Knirpse leisten wollen. Das billigste Modell kostet immerhin 39 Euro.

Der meiste Ertrag kommt aber von der anderen Marke: Doppler. »Das ist der VW , und Knirps ist unser Audi «, sagt Lackner – und am anderen Ende des Tisches grinst ein anderer Oberösterreicher entspannt in sich hinein. Hermann Würflingsdobler nennt sich selbst »Hausmeister«. Getrimmter Schnauzer, gestreiftes Hemd in Pastellfarben. Der 50-Jährige ist Besitzer der Doppler Gruppe, zu der auch die Marke Knirps gehört. Er ist der Vater des österreichischen Regenschirmimperiums.

Seit 1947 sitzt der Familienbetrieb in Braunau. Würflingsdobler war 24 Jahre alt und studierte Steuerrecht in Wien , als der Anruf des Vaters kam: Die Firma stehe vor dem Zerfall, der ältere Bruder wolle nicht übernehmen. Es dauere nur ein paar Tage. Heute ist Würflingsdobler ein Vierteljahrhundert im Unternehmen. Fast genauso lange kämpfte er gegen Knirps, das norddeutsche Kultobjekt. Bis er die Firma 2005 mit einem Schweizer Geschäftspartner kaufte.