Ein Druck aufs Gaspedal – und Matt wäre um 100.000 Dirham ärmer. Fünf Kropfgazellen kleben fast an der Stoßstange seines Jeeps und hüpfen erst bei einer sanften Berührung mit dem Blech beiseite. Die ziegengroßen, hellbraunen Tiere scheinen zu wissen, dass von Menschen keine Bedrohung für sie ausgeht. Aufreizend langsam traben sie über die Piste des Arabian Wildlife Park, kauen Akazienblätter, wedeln mit dem Schwanz.

Der verstorbene Herrscher Abu Dhabis, Scheich Said bin Sultan al-Nahjan, erließ vor gut 40 Jahren ein Dekret, dass hier auf der Insel Sir Bani Yas kein Tier von Menschenhand getötet werden dürfe. Weil sein Wort noch heute gilt, müsste der Parkranger Matt umgerechnet 20.000 Euro Strafe zahlen, würde er eine der Gazellen mit seinem Wagen überrollen. Also fährt der Brite nie schneller als 50 Stundenkilometer und drosselt sofort das Tempo, sobald ein Tier am Wegrand auftaucht.

Gazellen, Antilopen, sogar Giraffen und Geparden in einem Naturschutzgebiet – so etwas gibt es sonst nirgends in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und das an einem Ort, der so abseits der Touristenströme liegt, dass von seiner Existenz kaum jemand weiß. Lange Zeit durften nur die Scheichfamilie und ein paar arabische Tagesausflügler die Insel Sir Bani Yas, 200 Kilometer westlich von Abu Dhabi, betreten. Das soll sich nun allmählich ändern: Vor fünf Jahren eröffnete ein erstes Resort, jetzt plant die Tourismusbehörde den Bau zweier Lodges und eines kleinen Flughafens. Heute erreichen Besucher die Insel per Fähre, das Auto müssen sie auf dem Festland abstellen, und in den Park, der fast die gesamte Fläche ausmacht, kommt man nur mit einer geführten Safaritour.

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Die Insel, mit 87 Quadratkilometern etwas größer als Sylt, ist im doppelten Sinn eine Oase: für die Emirat-Besucher, denen sie eine Zuflucht vor den landesüblichen Belustigungsstätten, den riesigen Einkaufszentren und Vergnügungsparks gewährt. Und für die Tierwelt: Scheich Said legte 1970 seinen ganzen Ehrgeiz – und viel von seinem Geld – in die Waagschale, um der kargen Insel Leben zu entlocken, sie mit vom Festland herbeigepumptem Wasser und Tausenden angepflanzten Bäumen bewohnbar zu machen. Dann ließ er Arten ansiedeln, die im Landesinneren bereits ausgerottet waren: die neugierigen Kropfgazellen, die scheuen Arabischen Berggazellen und die mannsgroßen Oryx-Antilopen. 20 Tiere dieser seltenen Antilopenart kaufte der Scheich damals in einem Zoo im texanischen Phoenix und startete ein Zuchtprogramm. Mittlerweile streifen 500 der Tiere mit der schwarzen Gesichtsmaske und den säbelartigen Hörnern über das Eiland. Zuweilen vernachlässigte Scheich Said auch wissenschaftliche Maßstäbe zugunsten seiner persönlichen Vorlieben: So machte er vier Giraffen auf der Insel heimisch, seine Lieblingstiere, später kamen Elen-Antilopen und Kronenkraniche hinzu, alles Arten, die aus einer anderen Umgebung stammen, der afrikanischen Savanne.

Die Oryx seien die »flagship species« der Insel, sagt der biologische Leiter des Wildlife Park, Marius Prinsloo. Der Südafrikaner lebt seit knapp fünf Jahren auf Sir Bani Yas, zuvor hat er in Johannesburg Artenschutz studiert und in mehreren Nationalparks gearbeitet. Prinsloo spricht nur in den höchsten Tönen von »His Highness«, dem Scheich. Ihm gefalle die Idee, sagt er, dass da jemand mit so viel Geld und Einfluss der Natur etwas zurückgeben wolle. Auch wenn die Umsetzung etwas holprig geraten und der Aufwand verrückt hoch ist.

Davon kann sich jeder überzeugen, der morgens mit Matt auf Safari fährt. Die Sonne scheint schon um sieben Uhr so milchig hell vom Himmel wie auf Ibiza in der Mittagsglut. Im Park verteilen Angestellte auf dem offenen Verdeck eines Lastwagens Heu und Pellets an einer Futterstelle, sie tragen Gesichtsmasken, des Staubes wegen. Die Oryx versammeln sich um die Tröge wie zum Gebet. 50 Helfer seien auf Sir Bani Yas jeden Morgen mit der Fütterung beschäftigt, sagt Matt. Ohne diese zusätzliche Nahrung würde kein Pflanzenfresser auf der Insel überleben, dafür gebe sie nach wie vor zu wenig her.

»Steig lieber nicht aus«, warnt der Ranger, »die Hörner der Oryx sind nicht zu unterschätzen.« Das wissen auch die Kropfgazellen, die sich flink und scheu an den Futtertrog stehlen und von den Oryx mit Drohgebärden verscheucht werden. Perlhühner gackern zwischen den Hufen. Die dunkelbraunen Berggazellen warten auf einem Hügel, bis ihre Zeit gekommen ist.