Vereinigte Arabische EmirateWild auf Abu Dhabi
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Ein verlassener Gesteinsklumpen im Persischen Golf

Was der Besucher mit Blick auf das Gewimmel am Futtertrog auch begreift, ist das zweite Problem des Parks: Das Dekret des Scheichs verbot ja jede Tötung, und so explodierte mit den Jahren der Bestand. 2007 hätten schon 25.000 Tiere auf der Insel gelebt, sagt Matt. Die Biologen siedelten zunächst einige Tausend davon in andere Naturschutzgebiete um und griffen dann zu einem Trick: Das Gebot des Scheichs Said bezog sich schließlich nur auf den Menschen, deshalb brachte man eine Reihe natürlicher Feinde auf die Insel. Fünf Geparden, 17 Streifenhyänen und ein paar Goldschakale halten heute die Gazellenbestände kurz.

Matt hat zwei der Gepardenmännchen am Vortag gesehen, im Süden der Insel. Toll, denkt der Safaritourist. »Nicht so gut«, murmelt der Ranger. Dort im Süden lebt nämlich auch ein halbwüchsiges Männchen, vorsichtshalber in einem eingezäunten Areal. Seinen Bruder haben die beiden erwachsenen Geparden bereits totgebissen – so gehen die Raubtiere eben mit Konkurrenz um. Tatsächlich, als wir das Gehege erreichen, streifen die beiden Männchen am Zaun entlang, hinter dem das Jungtier in Deckung liegt. Dann kommen die Raubkatzen auf den Jeep zu. Sie machen zwar nicht den Eindruck, als wollten sie gleich in den Wagen springen, aber dennoch: lieber erst mal das Fenster hochkurbeln. Einer der Geparden legt sich auf den Rücken, strampelt mit den Beinen und suhlt sich im Sand. Matt sagt: »Wenn ich wählen könnte, möchte ich von denen erwischt werden. Die Streifenhyänen fressen ihre Opfer bei lebendigem Leib. Die Geparden töten mit einem Biss.«

Wir fahren zurück ins Inselinnere, kurven zwischen Felsen und Kegeln aus Tuffstein hinauf auf 150 Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Spätestens beim Ausblick von hier oben erschließt sich dem Besucher, warum Sir Bani Yas für lange Zeit die größte naturbelassene Insel der Emirate war: weil hier einfach niemand existieren konnte. Ein verlassener Gesteinsklumpen im Persischen Golf, so lebensfeindlich wie der Mond. Ein paar Überreste menschlicher Behausung allerdings fanden Archäologen, vor allem ein kleines Kloster aus dem 6. oder 7. Jahrhundert. Matt sagt, dass die Mönche wohl aus Syrien kamen. Die öde Landschaft muss ihnen wie das Purgatorium erschienen sein.

Wahrscheinlich gab es zu Zeiten der Mönche eine kleine Quelle auf der Insel, die allerdings schon vor Jahrhunderten versiegte. Das völlige Fehlen von Trinkwasser ist das größte logistische Problem des Wildlife Park. Von einer Entsalzungsanlage am Festland wird Wasser durch Rohre auf die Insel gepumpt, die in Bewässerungsanlagen und Kanalisationssystemen enden. Sir Bani Yas hängt am Tropf. Was passiert, wenn die Trinkwasserleitung einmal ausfällt? Es gebe Reservoirs, mit denen man einige Tage überbrücken könne, sagen die Ranger. Aber niemand kann sich vorstellen, dass wirklich einmal der Hahn zugedreht wird. Es ist schließlich die Insel des Scheichs.

Sir Bani Yas: Anreise

Nach Abu Dhabi mit Lufthansa, Etihad oder Air Berlin. Weiter per Mietwagen oder Abholservice, den das Hotel organisiert (einfache Strecke ca. 130 Euro pro Wagen). Fähre von 8 bis 22 Uhr alle zwei Stunden von Jebel Dhana

Unterkunft

Desert Island Resort, Tel. 00971-2/8015400, www.desertislands.anantara.com. DZ ab ca. 155 Euro

Wildlife Park

Für Besucher kostet der Tagesausflug ca. 95 Euro (inklusive Fähre), für Hotelgäste ca. 36 Euro, www.desertislands.com

Aus dieser Hölle auf Erden einen Garten Eden zu machen, das erfordert Entschlossenheit und finanzielles Rückgrat. Über beides verfügt die königliche Familie. Der amtierende Präsident der Emirate und Sohn des verstorbenen Said, Chalifa bin Said al-Nahjan, besitzt angeblich ein Vermögen von 19 Milliarden Dollar. Und er beabsichtigt, die Insel weiter zu erschließen: Die Vegetation soll besser durchmischt werden, damit die Bäume nicht wie Zinnsoldaten in einer Reihe stehen. Neben dem Hotel ist ein kleines Kongresszentrum geplant. Und Matt erzählt, dass es bald auch möglich sein werde, mit Pferden auf geführten Touren durch den Arabian Wildlife Park zu reiten.

Wir sind jetzt auf dem Rückweg zum Hotel. Wieder flitzen potenzielle 100.000 Dirham über die Straße. Diesmal sind es Klippschliefer, die aussehen wie Murmeltiere, jedoch mit den Elefanten verwandt sind. Giraffen trotten zu einer Futterstelle – aber sie haben nicht mit dem Straußenweibchen gerechnet, das seine Küken beschützen will und die viel größeren Tiere attackiert, bis die sich an einen anderen Futtertrog zurückziehen.

Nach zwei Stunden Morgensafari fühlt man sich in der unwirklichen Welt von Sir Bani Yas angekommen. Zurück im Hotel, wandert der Blick vom Azurblau des Swimmingpools zum Tiefblau des Persischen Golfs, in dem Delfine, Karettschildkröten und Seekühe schwimmen. Auf der anderen Seite der Landzunge spazieren Hotelgäste an der Lagune entlang, sehen den wilden Rosaflamingos zu, wie sie das Wasser nach Plankton durchpflügen, und beobachten die Kropfgazellen, die über den schlammigen Mangrovenboden staksen. Wie hat Marius Prinsloo, der biologische Leiter des Parks, gesagt? »Es ist eine künstliche Umwelt, aber wir versuchen, sie so natürlich wie möglich zu erhalten.«

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Leserkommentare
  1. im Gegensatz zu der Gigantonomie der Dubai'schen
    Herrscherträume, ist dieses Projekt sehr sympathisch.

  2. als von der Hybris in der Architektur von Ökonomietempeln und Prunkabsteigen oder gar künstlichen Inseln!

  3. Es ist irgendwo klar, dass das Projekt bzw. die Ausführung von einem Süd-Afrikaner stammt. Die Emirate müssen sich einiges mehr als wie nur Shopping-Malls und Hotelburgen einfallen lassen um auf die Dauer als luxuriöses und anspruchsvolles Reisegebiet wahrgenommen zu werden...

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