Berlin BiennaleDie Ohnmacht der Parolenpinsler

Was war doch gleich der Sinn der Kunst? Eine Erkundung aus Anlass der gescheiterten Berlin Biennale.

Eine Installation im KW Institute for Contemporary Art zur 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Eine Installation im KW Institute for Contemporary Art zur 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Es geht um die »Gruppen am Rande der Gesellschaft«. Es geht um »direkte Aktionen, Demonstrationen und Proteste gegen Nationalismus, Neonazismus und Kapitalismus«. Es geht um »Folter sowie illegale Militärprozesse und -verhaftungen«. Es geht um »die aktuelle Bedrohung der Meinungsfreiheit«. Und natürlich geht es auch darum, »die Rolle der Frau im postsowjetischen Kontext zu verbessern«. Und um »Segregation, Ausschluss und Diskriminierung in Deutschland«. Um all das geht es auf der großen Kunstbiennale in Berlin, so ist es nachzulesen in der Ausstellungszeitschrift. Worum es aber vor allem geht, ist die Vernichtung von Freiheit, es geht um das Ende der Kunst,

»Alles, was keine Politik ist, ist keine Kunst, sondern nur eine tote Vogelscheuche, gefüllt mit Scheiße und Reflexion«, das erklären in schönster Deutlichkeit die beiden assoziierten Kuratoren der Biennale, Oleg Worotnikow und Natalia Sokol. Mit ihren Kollegen von der russischen Künstlergruppe Woina haben sie vor ein paar Monaten ein Polizeiauto in Flammen aufgehen lassen. Gefragt, ob es einen Unterschied gebe zwischen Vandalismus und Kunst, sagen sie: »Es gibt keinen.«

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Und so hat der Chefkurator Artur Żmijewski seine Ausstellung verwandelt: in eine Biennale für zeitgenössische Politik. Denn die Kunst müsse »in der Wirklichkeit aufgehen«. Alle Macht den Plakatemalern, den Parolendichtern und Unterschriftensammlern! Nicht Künstler, sondern Aktivisten der Occupy-Bewegung siedeln nun in den Kunst-Werken, dem zentralen Ausstellungsraum der Biennale, und laden zu Diskussionsrunden über Finanzkapitalismus und zur Erbsen- und Bohnenzucht im Hinterhof. Kein Künstler scheint sich daran zu stören. Niemand okkupiert die Okkupisten, niemand reklamiert den Raum für sich und die Sache der Kunst. Im Gegenteil, die Künstler stimmen begeistert in diese Art der fröhlichen Selbstaufgabe ein. »Keine schwierige Kunst, kein Rätsel, alleine reine Nachricht, reine Information und einfache, direkte Aktion – eben Kunst-Journalismus«, das ist das Programm, mit dem Tomas Rafa bei der Biennale antritt. Derweil lädt Pawel Althamer alle Welt in die Elisabethkirche von Schinkel, um dort nach Herzenslust Pseudoprovokationen an die Wände zu kritzeln. Jonas Staal möchte hingegen möglichst viele Organisationen einbinden, »von kommunistisch bis sozialistisch, von marxistisch bis anarchistisch, nationalistisch, rassistisch, religiös, fundamentalistisch und sektiererisch.« Verschiedene Gruppen, die von der EU als terroristisch eingestuft werden, will Staal am kommenden Wochenende in Berlin zu einem Kongress versammeln – als »Ergänzung zu unserer parlamentarischen Demokratie«.

Offenbar wollen diese Künstler keine Künstler mehr sein, sie wollen raus aus dem Reich des Symbolischen, rein ins Reale. Und keiner sollte sie aufhalten: Gute Erzieher im Kindergarten werden dringend gebraucht. Ebenso wie Sozialarbeiter, die sich mit Neonazis herumstreiten. Auch können sie sich bei Greenpeace engagieren oder bei Amnesty International, oder sie gehen in die Entwicklungshilfe. Es gibt viele Möglichkeiten für einen Künstler, wenn er die Welt verändern will. Nur die Kunst, ausgerechnet, eignet sich dafür so gut wie überhaupt nicht. Denn Kunst beginnt erst dort, wo das bloße Rechthaben aufhört.

Gewiss, Künstler dürfen tun und lassen, was sie wollen. Auch steht es ihnen frei, alles und jedes als Kunst zu bezeichnen. Selbst die Freiheit, ihre Freiheit wegzuschmeißen und sich anderweitig zu verdingen, wird ihnen niemand verbieten. Doch gerade das, diese totale Freiheit, die von Beliebigkeit kaum mehr zu unterscheiden ist, scheint viele Künstler zu bedrängen, zumindest in den liberalen Gesellschaften des Westens.

Die Künstler suchen nach einer Aufgabe, die ihnen die Gewissheit verschafft, dass ihr Tun nicht wirkungslos verpufft. Niemand sagt ihnen, was zu tun sei. Niemand weiß, wozu es ihre Kunst überhaupt braucht. Und es sind keineswegs nur die Künstler dieser Berlin-Biennale dankbar für alles, was nach einer klaren Arbeitsplatzbeschreibung aussieht. Die einen verlegen sich darauf, möglichst dekorative Statussymbole zu produzieren. Andere halten es für den Sinn der Kunst, über den Sinn der Kunst nachzudenken. Und nicht wenige suchen ihr Heil jenseits der Galerien und Museen und verstehen sich – wie der Kurator Żmijewski – als Agenten eines politischen Projekts. Sie wollen eine Kunst, die »tatsächlich wirksam ist«. Alles andere erscheint ihnen dekadent und vorgestrig.

Und in gewissem Sinne haben sie ja recht: Eine Kunst ohne Halt und Ziel endet meist in der Belanglosigkeit. Außerdem wird kein Künstler behaupten können, er sei tatsächlich autonom. Jeder ist irgendwie ein- und angebunden und abhängig von Geldgebern, Galeristen, Sammlern. Doch wie absurd ist es, deshalb die Kunst gleich zum Werkzeug zu degradieren! So als sei das Museum nichts weiter als ein gesellschaftlicher Reparaturbetrieb, in dem der moderne Mensch wieder flottgemacht wird. Einmal Getriebewechsel! Und die Reifen ausgewuchtet! Dann geht die Fahrt endlich wieder in die richtige Richtung.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für diesen Artikel, es ist eine Erleichterung, nach den ersten euphorischen Kommentaren selbst im Deutschlandradio, ein Statement zu lesen, dass sicherlich auch allen Künstlern und anderen Besuchern aus dem Herzen spricht. Nochmals vielen Dank!

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  2. Danke für den Artikel, ich sehe es genauso wie mein Vorredner: eine Erleichterung. Endlich gibt mal jemand zu, dass etwas gescheitert ist. Ich wünschte alle Berliner Künstler würden sofort aufhören und nach Hause fahren.

  3. Berlin Biennale = Paraphrasenkitsch

  4. Ein Satz von Godard. Neben den hilflos und grobschlächtig wirkenden Gesten dieser Biennale fällt auf, dass ein bestimmter Bereich der Gegenwartskunst sich noch immer nicht darauf versteht, den elementaren Unterschied zwischen "Kunst politisch zu machen" und "politische Kunst" zu machen zu vergegenwärtigen. Das Genre "Politische Kunst" agiert in seinem Versuch, Politik zu adressieren, leider häufig sehr reduktionistisch. "Politische Kunst" verfehlt häufig, eine Wirkungsweise über simple Illustration hinaus zu erreichen. Nehmen aber in dem Zusammenhang zwischen Kunst und Politik Generalisierungen den Platz von ausreichender Analyse ein, tappt der Künstler häufig in die Falle spektakelhafter und unterkomplexer Illustration. Die politische Kraft der Kunst liegt aber nicht in agitativem Spektakel, sondern vielmehr in ihrer Wirkung vergleichbar einer Brausetablette, die in einem großen Wassergefäß aufgelöst wird: Durch feines Dispersieren, durch sich entfaltende Inhalte und Vektoren, die sich als Bilder schrittweise einschreiben und denen nachgespürt werden will. Die Währung der Gegenwartkunst ist Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeitsökonomie führt auch in der politischen Kunst zu einem 'höher-schneller-weiter', welches sie zu einem Phyrrussiege produzierenden Spektakel gerinnen lässt. Guter Artikel übrigens.

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  5. diese Biennale als eine Plattform zum doppelten Unterstreichen seines kruden Werkbegriffes. Dies mag für den Künstler Zimijweski eine gelungene überdimensionale Vergrößerung seines künstlerischen Schaffens sein, aber auf mich wirkt seine zutiefst antidiskursive Vorgehensweise gegenüber den durchaus lebendigen Diskursen in der Gegenwartskunst autoritär und, in seinem parolenhaften und egomanen Breserkertum, einfältig bis zur Schmerzgrenze. Meiner Meinung nach trägt die Hauptverantwortung für das Scheitern dieser Biennale eher ein spektakelhungriges Auswahlgremium als die Künstlerschaft, die in dem sehr pyramidal gestalteten Kunstsystem hauptsächlich als Lieferanten von Kunst zum Zweck der Setzkasten-artigen Ausgestaltung Ihrer Ideen herangezogen werden. Vielleicht wäre es in diesem Fall empfehlenswert, für die folgende Biennale ein sachkundigeres Auswahlgremium mit der Kuratorensuche zu beauftragen.

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  6. und auch die Vorkommentatoren ja recht. Aber was ist gegen antidiskursives, plattitüdenhaftes, egomanisches Berserkertum - um mal an cultureisnotyourfriend anzuschließen - einzuwenden? Gerade ein solches Großexperiment, so infantil viele der künstlerischen Positionen, die daran teilhaben, auch sein mögen, provoziert doch letztlich jenen mehr oder minder ästhetischen Diskurs, der geführt werden muss. Insofern: Mission accomplished!

  7. Als zeitgenössische Gesellschaft, brauchen wir eine Kunst, die »tatsächlich wirksam ist«. Alles andere ist dekadent und vorgestrig. Ob das in Berlin optimal umgesetzt wurde, wer sollte ein eindeutiges Urteil darüber fällen?
    Dass heute eine scheinbar totale Freiheit, von Künstlern in kreative Impulse heterogener Vielfalt umgesetzt wird, bei Institutionen und im Handel hingegen kaum mehr von einer homogenen Beliebigkeit zu unterscheiden ist, rückt uns die aktuelle Tragik der Kunst ins Bild.
    Ein Vergeistigungsprozess von Kunst kann aber nie als linearer Fortschritt stattfinden, und er sucht sein Maß darin, wie Kunst das von der bürgerlichen Gesellschaft Verfemte in ihrer Formsprache sich zuzueignen vermag. Um in Folge im Gebrandmarkten jene Natur aufzudecken, deren Unterdrückung das wahrhaft Böse ist ... so ähnlich steht es bei Adorno, und behauptet sich also noch heute oder eben wieder in unserer Aktualität.
    Herr Rauterberg, es ist immer wieder interessant wie Sie ihre ganz persönliche MEINUNG offenbaren.
    Jeder kann in Ihren Texten lesen: Die aktuellen Kontexte erschreiben sich immer weiter jenseits Ihres Schriftbildes ...
    Lesenswert zu diesem Thema:
    http://jetzt.sueddeutsche...
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  8. Ich glaube nicht, dass der Staat und seine Politik mittels seiner "Kunstförderung" die Kunst nicht inhaltlich beeinflusst. Wenn ich schon die schlimmen "Finanzmärkte" als inhaltliche Aussage von "Kunst" höre. Genau die Ablenkung die Politik von seiner Staatsverschuldungskrise braucht, Kunst und Künstler sind für alles zu missbrauchen.

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