Das Bundesinnenministerium musste einräumen: Ja, Ende Februar, da hat die Bild-Zeitung doch ein Vorabexemplar der Studie Lebenswelten junger Muslime in Deutschland erhalten. Sie nannte das Ganze eine »Schock-Studie«, Innenminister Hans-Peter Friedrich setzte mit schnittigen Äußerungen (»Wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten«) und mit einem Interview (»Multikulti-Illusion ist gescheitert«) im selben Medium nach.

Schade eigentlich, dachten viele. Da machen sich Wissenschaftler drei Jahre lang die Mühe und interviewen einige Hundert Muslime; schreiben dann 760 Seiten darüber (alles in allem geht es gut voran mit der Integration, muslimische Jugendliche bewerten ihre Religion sehr unterschiedlich, sehnen sich nach Anerkennung; eine Minderheit lehnt den Westen ab und ist streng religiös); und die Bild verbrät das zu 50 Zeilen gewohntem Alarm gegen Muslime. Doch auf die Frage, woher die Zeitung als Einzige die Studie hatte, dazu sagte Friedrich nur: Von mir nicht, nicht aus meinem Haus. Keine Woche später wiederholte sein parlamentarischer Staatssekretär vor dem Parlament: Von uns haben die das nicht.

Doch, hatten sie. Die Linke wollte Antwort in einer Kleinen Anfrage, und zusammen mit den Grünen lud man den Minister vergangene Woche vor den Innenausschuss. Jetzt heißt es: »Zur Vorbereitung eines Interviews (...) wurde der Redaktion vom Pressereferat (...) ein Vorabexemplar übersandt.« Der Minister aber habe nichts davon gewusst.

Das kann gut sein. Die Mitarbeiter von Politikern sind ja dazu da, ihnen den Rücken frei zu halten. Minister können nicht jede Aktion aus ihrem Haus selbst kontrollieren. Und dennoch bleibt hier ein schales Gefühl zurück. Ob Friedrich von der Weitergabe der Studie wusste oder nicht, ist nicht der entscheidende Punkt; sondern, dass er ohne Not und ohne den Inhalt zu kennen dem eh schon hoch emotionalisierten Thema eine bestimmte Richtung gab – Hand in Hand mit der Bild.

Friedrich hat es schwer. Er kann einen inneren Widerspruch nicht auflösen: Eigentlich fühlt er sich mit dem Ressort nicht wohl, noch unwohler mit den Themen Integration und Islam; er findet, dass er nicht zu Deutschland gehört – und muss nun in Studien, die sein Haus in Auftrag gibt, sehen, dass die Muslime vielschichtiger und komplexer sind, als er es vielleicht verkraften kann. Er vergisst, dass es bei Untersuchungen auch Untersuchte gibt und dass die und ihresgleichen auch denken und fühlen – und sich nach dieser Erfahrung in Zukunft für Studien vielleicht nicht mehr zur Verfügung stellen.

Ein Innenminister, der sich auch um die Integration kümmern muss, ist dafür da, einen kühlen Kopf zu behalten, wenn es andere nicht wollen. Im NRW-Wahlkampf plant nun beispielsweise die populistische Pro-Partei Koranverbrennungen und will Mohammed-Karikaturen vor Moscheen veröffentlichen. Diese Provokationen werden die Extremisten der anderen Seite sicher freudig entgegennehmen. Die Verlierer sind die ganz normal lebenden Muslime. Da könnte sich der deutsche Innenminister doch mal vor einer Moschee blicken lassen, oder?