Kriegsfotografen: "Mitten im Aufstand, im Qualm"
Der Fotoreporter Dominic Nahr will "Bilder machen, die man nicht wegblättern kann". Ein Gespräch über den Alltag in der Gefahrenzone.
© Dominic Nahr/AFP/Gettyimages

Soldaten in Osttimor, fotografiert von Dominic Nahr
DIE ZEIT: Herr Nahr, Sie fotografieren in Krisengebieten, unter anderem waren Sie in jener Zone in Japan, die heute niemand mehr betreten darf.
Dominic Nahr: Dass die Gegend verstrahlt war, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Als ich in Japan ankam, war ich in einem kleinen Hotel nördlich von Fukushima untergebracht, zusammen mit ein paar Fernsehteams. Es gab keine Übersetzer, keine offiziellen Informationen. Niemand wusste, was genau passiert war. Ich wollte sehen, wie sich das Leben der Menschen seit dem Tsunami verändert hat. Irgendwann sind wir einfach losgezogen.
ZEIT: Gewöhnt man sich an die Gefahr?
Nahr: Ich glaube, die eine Gefahr gibt es nicht. Jede Krise, jede Katastrophe hat ihre eigenen Gefahren, und die sind nicht überall gleich groß. Als ich mit 23 Jahren nach Osttimor ging und zum ersten Mal im Krieg fotografiert habe, bekam meine Mutter wahnsinnige Angst. Sie hatte auf BBC die brennenden Straßen gesehen. Was sie nicht sehen konnte: Zwei Häuserblocks weiter saßen die Leute seelenruhig vor ihren Häusern und tranken Kaffee.
ZEIT: Ist der Krieg also harmloser, als er in den Medien dargestellt wird?
Nahr: Nein, das nicht. Es ist eher so, dass man in den Nachrichten nicht sieht, dass der Krieg auch einen Alltag kennt. Und natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall: Jemand macht ein Bild, das so schlimm ist, dass er es niemals zeigen würde.
ZEIT: Ist Ihnen das auch schon passiert?
Der 28-Jährige ist gebürtiger Schweizer, hat in Toronto Fotografie und Theaterregie studiert. Seit 2010 arbeitet der Fotoreporter für die Agentur Magnum.
Nahr: Ja, gerade wenn es schnell gehen muss, wenn es gefährlich ist. Später, wenn ich meine Gedanken wieder beisammenhabe, entscheide ich, ob ich das Bild veröffentliche oder nicht. In Haiti, wo ich kurz nach dem Erdbeben fotografiert habe, sah ich inmitten von Hunderten Leichen einen toten Körper, der grausam entstellt war. Ich konnte nicht hinschauen, aber ich musste ihn fotografieren. Ich habe mich weggedreht und die Kamera einfach in die Richtung gehalten und auf den Auslöser gedrückt. Das Bild habe ich nie wieder angesehen.
ZEIT: Warum haben Sie es dann aufgenommen?
Nahr: Ich glaube, es ist der Drang zu dokumentieren. Ich will, dass irgendwo festgehalten wird, was auf dieser Welt passiert.
ZEIT: Es passieren auch andere Dinge – gute, schöne. Warum fotografieren Sie nicht die?
Nahr: Es ist nicht so, dass ich die nicht auch einfangen würde. Aber das sind private Momente, Bilder von Freunden. Nichts zum Veröffentlichen.
ZEIT: Wie verarbeiten Sie das, was Sie sehen?
Nahr: Es hilft, dass die Arbeit nicht nur psychisch, sondern auch körperlich anstrengend ist. Ich arbeite von frühmorgens bis spät in die Nacht, oft bleibt kaum Zeit zum Essen und Trinken, fast immer ist die Arbeit ein logistischer Albtraum: ohne fließendes Wasser, ohne Strom, kein Internet. Wenn der körperliche Stress vorbei ist, kommt der Abstand zu den Bildern fast automatisch.
ZEIT: Sie sind ständig als Kriegsfotograf unterwegs. Wo ist Ihr Zuhause?
Nahr: Es gibt Städte, da habe ich Familie und Freunde, bei denen ich manchmal wohne. Nairobi oder Hongkong, wo ich aufgewachsen bin, zum Beispiel. Aber ich bleibe nie lange an einem Ort. Ich bin dort zu Hause, wo ich gerade arbeite.





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