MedizinstudiumErste Hilfe

Das Medizinstudium befindet sich im Umbruch – in Aachen ist man schon weiter von 

Bei der Sache mit dem Schwein ist man vielleicht doch übers Ziel hinausgeschossen. Für rund 20 besonders an Chirurgie interessierte Studenten pro Semester bot die Universität Aachen vor einiger Zeit Kurse an, in denen unter anderem chirurgische Naht- und Knotentechniken bei Operationen gelehrt wurden. Die Teilnahme war freiwillig. Überwiegend übten die Nachwuchsmediziner an Modellen. In einer Stunde des Kurses aber gingen sie in einen Operationssaal und versuchten sich an einem lebenden, betäubten Schwein, das anschließend eingeschläfert wurde. Bei den Studenten war der Kurs beliebt. Bei den Tierschützern allerdings weniger. Und auch in der Lokalpresse sorgte der Kurs für Aufruhr. Nach wenigen Semestern stellte das Studiendekanat ihn schließlich ein.

Es war ein Experiment, das man sich in Aachen leisten konnte. Während in vielen deutschen Universitäten noch darüber diskutiert wird, wie das Medizinstudium modernisiert werden soll, auf welche Weise man Theorie und Praxis mehr verzahnen kann und wie die Studierenden schon von Anfang an besser auf den Arztberuf vorbereitet werden können, ist die medizinische Fakultät in Aachen bereits einen Schritt weiter. 2003 wurde hier das Medizinstudium von Grund auf erneuert und der Regelstudiengang durch einen sogenannten Modellstudiengang ersetzt.

Anzeige

Dass diese Umstellung normalerweise der richtige Weg ist, zeigt sich auch im diesjährigen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung: Die Studiensituation und die Betreuung durch die Lehrenden werden in den Modellstudiengängen überwiegend positiv bewertet – zumindest diejenigen, bei denen schon genügend Daten vorliegen. In Aachen etwa.

»Im dritten Semester kam es vor, dass ich morgens im Präparationssaal beim Körperspender die Schultermuskeln auseinandergenommen und nachmittags einen Patienten mit Schulterschmerzen untersucht habe«, erzählt Jan Brünsing, der im zehnten Semester in Aachen studiert. Statt wie bisher alles nach einzelnen Fächern wie Physik, Biochemie, Pharmakologie und Mikrobiologie zu sortieren, ist der Modellstudiengang in Aachen anhand von zwölf Körpersystemen gegliedert: etwa »Endokrines System« oder »Blutabwehr«. Wer lernt, wie das Immunsystem im chemischen, physiologischen und biologischen Zusammenhang funktioniert, der lernt gleich dazu, wie es von welchen Bakterien überlistet wird und was man dagegen tun kann. »Ich sehe oft gleich, warum manches für mich wichtig zu wissen ist«, sagt Brünsing.

Aber auch Greifswald oder etwa Würzburg schneiden im CHE-Ranking hervorragend ab – obwohl sie keinen Modellstudiengang anbieten. Tatsächlich gibt es bislang nur eine Handvoll Modellstudiengänge, alle anderen Universitäten lehren Medizin nach wie vor im konventionellen Regelstudiengang. »Viele Universitäten versuchen erst einmal, im Rahmen des Regelstudiengangs ihre Ausbildung zu verbessern«, sagt Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Deutschen Fakultätentages. Dazu zählt vor allem eine engere Verknüpfung der zwei großen Studienabschnitte: der ersten vier Semester, in denen es hauptsächlich um die Grundlagen der Funktionen des gesunden Körpers und seine Stoffwechselvorgänge geht, und der anschließenden »Klinik«.

»Nur langsam legt eine Hochschule nach der anderen einen Modellstudiengang auf, in dem alles von Grund auf neu geordnet ist«, sagt Bitter-Suermann, der auch Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover ist, wo ebenfalls vor einigen Jahren erfolgreich ein Modellstudiengang eingeführt wurde. Das macht man allerdings nicht mal eben nebenbei, wie Wolfgang Dott aus Aachen weiß: »Die Fächer müssen ja alle interdisziplinär miteinander verbunden sein. Das erfordert viel Kommunikation und Koordination. Wir haben wöchentliche Sitzungen und haben für jedes Semester einen Koordinator eingestellt.« Doch die Arbeit hat sich ausgezahlt.

Leserkommentare
  1. »Man weiß ja nie, was der Patient hat, der da angekarrt wird«

    Da wird also kurz gesagt am Patienten herumgeschnippelt, statt am lebendem nachher zu verwurstenden Testobjekt? Das nennt man dann eine ganz arme Sau!

    Toll auch der Hinweis warum: "Wir wollten den Ruf unseres Studienganges nicht gefährden"

    Denk mal überspitzt, die Zeiten, wo die Friedhöfe noch neben den Krankenhäusern waren, sind noch nicht vorbei - Dank Tierschutz.
    Übrigens, der Mensch ist auch ein T....

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...statt sich über den interessanten Artikel über Aachens eindrucksvolle Verbesserungsanstrengungen zur Verbesserung des Human-Medizin-Studiums zu freuen, kommt wieder die alte und für mich eindeutig überzogene Platte zum arroganten Tierschutz.
    Keiner in dem großen Universum kümmert sich um den Schwächeren, weder belebte noch unbelebte Natur, man muß ihn natürlich nicht geistlos und unnötig quälen, das stimmt schon.
    Aber mein persönlicher Gradmesser für die "edlen" Tierschützer ist sowieso immer der Fischfang, seit ich mal bewußt gesehen habe wie erbarmungslos und selbstverständlich Fische angelandet werden und nach Luft schnappend ganz leise, aber massenhaft verenden, so als würde man einen Tierschützer solange unter Wasser drücken, bis er Ruhe gibt...nein?!

    bezieht sich doch nicht auf die Ausbildung, sondern eben genau auf die Herausforderung im medizinischen Alltag, dass ein Arzt eben nie weiß, mit welcher Krankheit er als nächstes konfrontiert wird. Man kann auch im besten Medizinstudium wohl niemals ALLE möglichen Fälle einüben,dafür braucht es Erfahrung.

  2. ...statt sich über den interessanten Artikel über Aachens eindrucksvolle Verbesserungsanstrengungen zur Verbesserung des Human-Medizin-Studiums zu freuen, kommt wieder die alte und für mich eindeutig überzogene Platte zum arroganten Tierschutz.
    Keiner in dem großen Universum kümmert sich um den Schwächeren, weder belebte noch unbelebte Natur, man muß ihn natürlich nicht geistlos und unnötig quälen, das stimmt schon.
    Aber mein persönlicher Gradmesser für die "edlen" Tierschützer ist sowieso immer der Fischfang, seit ich mal bewußt gesehen habe wie erbarmungslos und selbstverständlich Fische angelandet werden und nach Luft schnappend ganz leise, aber massenhaft verenden, so als würde man einen Tierschützer solange unter Wasser drücken, bis er Ruhe gibt...nein?!

    3 Leserempfehlungen
  3. ist meiner Meinung nach für einen Arzt extrem wichtig, damit er Neuereungen und Bewegungen in seinem Fach einschätzen kann.

    Daher finde ich es nicht gut, dass die einzelnen Fächer wegfallen und deren Inhalte unter den Teppich "interdisziplinär" gekehrt werden, unter dem man die Kürzungen nicht sieht.

    Als Student sollte man die leidliche Frage des Schüles, wozu er denn beispielsweise Mathe bräuchte, nicht stellen, denn dann ist man meiner Meinung nach nicht für ein Studium geeignet. Ich verstehe, dass jemand, der Mediziner werden will, vielleicht nicht unbedingt begeistert Physik und Chemie paukt, aber da muss man eben durch, jedes (Studien-)Fach hat seine Grundlagen und Seitenlinien, die man zwar braucht, aber nicht in erster Linie interessant findet.

    Was man auf diese Art nämlich bekommt, sind Knöpfchendrücker, die ähnlich wie in der früheren Schiffsapotheke im "heiligen" Buch die Symptome nachschlagen und dann, weil die Flasche 40 alle ist, zweimal die 20 geben.
    Nicht nur in der Medizin so, sondern meiner Beobachtung nach an vielen Stellen trend.

    • JJ_HH
    • 06. Mai 2012 15:04 Uhr

    Auch im Modellstudiengang Aachen gibt es die ganz "klassischen" Kurse Chemie und Physik mit den entsprechenden Praktika. Das ist im Artikel ein bisschen missverständlich beschrieben. Biochemie, Biologie, Histologie und Physiologie sind in einem zusammenhängenden Kurskonzept namens Zellbiologie vereint, aber innerhalb dieses Kurses getrennt.

    Diese Fächer fallen nicht weg.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    für diese Berichtigung, ich war anhand des Artikels davon ausgegangen, dass Kurse aus dem Bereich simplifizierend zusammengefasst wurden, wie es in anderen Standorten und Fächern durchaus passiert.

  4. 5. Danke

    für diese Berichtigung, ich war anhand des Artikels davon ausgegangen, dass Kurse aus dem Bereich simplifizierend zusammengefasst wurden, wie es in anderen Standorten und Fächern durchaus passiert.

  5. für Bachelor-Mediziner.
    3 Jahre Grundausbildung und dann fleißig learning by doing.
    Das spart Schweine und Studienkosten und wer weiß, vielleicht entlastet es auch die Gesundheits- und Rentenkassen .... nur Gewinner also.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • M81atz
    • 07. Mai 2012 17:43 Uhr

    ... auch die Patienten? Gerade bei der so komplexen Medizin möchte ich auch jemanden haben, der weiß, wie er mich behandelt. Anders als in anderen Wissenschaften kann in der Medizin der feine Unterschied zwischen Wissen und Nicht-Wissen als Konsequenz den Tod bedeuten.
    "Learning by doing" erscheint mir da nicht als nützliches Rezept für einen Arzt zu sein, sondern vielmehr für den Studienbetrieb.

    • M81atz
    • 07. Mai 2012 17:43 Uhr

    ... auch die Patienten? Gerade bei der so komplexen Medizin möchte ich auch jemanden haben, der weiß, wie er mich behandelt. Anders als in anderen Wissenschaften kann in der Medizin der feine Unterschied zwischen Wissen und Nicht-Wissen als Konsequenz den Tod bedeuten.
    "Learning by doing" erscheint mir da nicht als nützliches Rezept für einen Arzt zu sein, sondern vielmehr für den Studienbetrieb.

    Antwort auf "Ich bin ja voll"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Ewok
    • 08. Mai 2012 16:03 Uhr

    Ich bin ziemlich sicher Grellseher meinte das mit dem Bachelor-Mediziner ironisch. Falls nicht: ROFL. Ich bin gerade im 10. Semester des Medizinstudiums und habe immernoch das Gefühl einen riesigen Teil der Medizin kaum zu kennen. Was sicher auch stimmt. Den das gesamte Medizinische Wissen ist mittlerweile so umfangreich dass ein einzelner Mensch es unmöglich verinnerlichen kann (und die Halbwertszeit des Wissens wird immer kürzer). Daher gibt es ja Fachärzte, und die Ausbildung dazu dauert weitere 4-7 Jahre. Und dass nach 6 Jahren Studium.

    • Ewok
    • 08. Mai 2012 16:03 Uhr

    Ich bin ziemlich sicher Grellseher meinte das mit dem Bachelor-Mediziner ironisch. Falls nicht: ROFL. Ich bin gerade im 10. Semester des Medizinstudiums und habe immernoch das Gefühl einen riesigen Teil der Medizin kaum zu kennen. Was sicher auch stimmt. Den das gesamte Medizinische Wissen ist mittlerweile so umfangreich dass ein einzelner Mensch es unmöglich verinnerlichen kann (und die Halbwertszeit des Wissens wird immer kürzer). Daher gibt es ja Fachärzte, und die Ausbildung dazu dauert weitere 4-7 Jahre. Und dass nach 6 Jahren Studium.

    Antwort auf "Nur Gewinner..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Student | Hochschule | Hochschulabschluss | Medizin | Mediziner | Aachen
Service