Erstsemester : Die neue Fürsorge

Nur die Hälfte der Erstsemester fühlt sich aufs Studium vorbereitet. Nun stellen sich die Hochschulen dem Problem

Sie ist eine Frau. Sie kommt von einem altsprachlichen Gymnasium. Und im Abitur hatte sie in Mathe eine Vier. Es lag nicht unbedingt nahe, dass Laura Fröhlich ausgerechnet an der Technischen Universität München ihr Studium beginnt. Aber sie wohnte nun einmal bei München, und »irgendetwas mit Naturwissenschaften« sollte es schon sein.

Biologie kam infrage, ihr erster Leistungskurs, aber auch Chemie. Oder sollte sie vielleicht doch eine Ingenieurwissenschaft wählen, die Sicherheit im Job versprach? Und was sollte sie von diesem Bachelor halten, von dem in Zeitungen zu lesen war, dass er an den Hochschulen das reinste Chaos anrichte?

Es ist ein Jahr her, dass sich Laura Fröhlich derart den Kopf zermarterte. Ihre Schule hatte sie bei der Studienwahl weitgehend alleingelassen. Irgendwann in der zehnten Klasse hatte »Berufsorientierung« auf dem Stundenplan gestanden. Danach war das Leben nach dem Abitur für die Lehrer kein Thema mehr gewesen.

Heute weiß Laura Fröhlich genau, was sie will: Biochemie studieren und später als Toxikologin im Umweltschutz arbeiten. Ihre Schwächen in Mathematik hat sie ausgebessert. Und die Universität ist für sie auch kein fremdes Universum mehr.

Entscheidungshilfe leistete ihr das »Studium Naturale« der TU München. Seit zwei Jahren bietet die Hochschule Abiturienten ein Orientierungsstudium an, wenn sie nicht wissen, ob sie eine Naturwissenschaft studieren sollen – und wenn ja, welche. In zwei Semestern erhalten die Zweifler Grundlagenwissen in Mathematik, Physik und Chemie.

All das ohne Leistungsdruck, aber mit der Chance, dass ihnen Kurse später angerechnet werden. Die Schnupperstudenten absolvieren Laborpraktika, erlernen Methoden wissenschaftlichen Arbeitens – und füllen so die Bruchstelle, die in Deutschland zwischen Schulabschluss und Studienbeginn klafft.

Wie notwendig das ist, beweisen bislang unveröffentlichte Zahlen des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Danach fühlt sich nicht einmal die Hälfte der Erstsemester von der Schule inhaltlich gut auf ihr Studium vorbereitet. Dabei ist das der eigentliche Zweck der Hochschulreife: die Studienbefähigung. Noch unsicherer zeigen sich Schulabgänger, wenn man sie zu ihrer Studien- oder Ausbildungsentscheidung befragt: Nur ein Drittel von ihnen fühlt sich genügend informiert.

Diese Ahnungslosigkeit erhöht das Risiko, »das falsche Fach zu wählen und das Studium nicht zu beenden«, sagt HIS-Experte Christoph Heine. Nach den neusten Abbruchquoten des Bundesbildungsministeriums, die der ZEIT vorliegen, schaffen 19 Prozent der Fachhochschulstudenten keinen Abschluss. Diese Quote hat sich gegenüber den Vorjahren stetig verbessert. An den Universitäten ist die Schwundrate hingegen weiter gestiegen, auf jetzt 35 Prozent.

Das »Übergangsproblem« gehört zu den Dauerbrennern der Bildungskritik. Obwohl sich Gymnasien wie Universitäten der höheren Bildung verschrieben haben, obwohl es oft nur wenige Monate dauert, bis aus Schülern Studenten werden, bestimmt seit je gegenseitiges Desinteresse das Verhältnis zwischen den Institutionen.

Schon vor 20 Jahren einigten sich die Kultusminister mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) auf eine bessere Zusammenarbeit. 2004 bemängelte der Wissenschaftsrat das »Verhältnis von Informationsnutzung, Informationsstand und Entscheidungsfindung« zum Hochschulzugang als »außerordentlich unbefriedigend«. Beide Appelle blieben wirkungslos.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ja G8 macht die Sache nicht besser

Mittlerweile kommen die Abiturienten mit solch mangelnden mathematische Wissen an die Universitäten, dass man gar nicht mehr weiß, auf was man noch aufbauen soll.

Aber wie sollte mit G8 auch tieferes Wissen vermittelt werden. Es ist hauptsächlich ein Turboabi ohne wirkliche Spezialisierung in seinen Talenten.

Nun klafft eine riesige Lücke zwischen Schule und Universität. Warum sollte diese die Unis schließen? Auch die Schule sind gefragt.

Teufelskreis

Die Schüler wollen ja nicht alle Abitur machen, weil sie so gerne lernen und studieren wollen. Sondern sie wollen zumindest die Chance bekommen, ihre Kinder einmal ernähren zu können. Und solange die Wirtschaft mittlerweile für jeden Rotz das Abitur fordert, dreht sich das Karussel weiter. Es müsste die Politik einschreiten und für bestimmte annerkannte Ausbildungsberufe den Bildungsabschluss festlegen und dabei auch den Hauptschulabschluss nicht vergessen.

Gut, weil freiwillig

Solange diese Angebote freiwillig sind und nicht aus irgendeinem falsch verstandenen Gutmenschentum zur Pflicht werden damit wirklich alle diese Chance auch nutzen ist das mit dem Vorstudium doch eine gute Sache. Aber bitte bitte bitte: Lasst diejenigen daraus, die bereits mit 18 einen gesunden Menschenverstand und Orientierung ausgeprägt haben. Wir haben wirklich keine Lust in irgendwelchen Beraterstunden die Zeit totzuschlagen!

gesunder Menschenverstand

Es mangelt jemandem, der ein solches Vorstudium absolviert wohl kaum an "gesundem Menschenverstand".
Wer nach mit 18/19 schon einen konkreten Plan hat, was er später machen möchte, der soll sich glücklich schätzen, gehört aber (meiner Erfahrung nach) eher zur Minderheit.

Solche Kurse anzubieten finde ich von daher durchaus sinnvoll, auf der anderen Seite aber ist es unmöglich, dass die Universitäten ausbügeln müssen, was die Schulen versäumt haben.

Hochschulreife?

Was soll das ewige Gejammere über die Problematik der Studienwahl? Von einem 18jährigen - immerhin volljährig und so reif, politisch mitbestimmen zu können - kann erwartet werden, dass sich Vorstellungen über den Berufsweg konkretisiert haben, dass die Studienwahl getroffen ist. Wer ziellos durch den Campus streift kann kaum für sich beanspruchen, bereits hochschulreif zu sein. Für mich hat die Schule keine Bringpflicht - es muss ja wohl etwas geben, was in der alleinigen Verantwortung des Heranwachsenden liegt. Das geht dem noch jüngeren Lehrstellensuchenden ja auch nicht anders.

Was nicht sein darf, das kann nicht sein?

Offenbar ist es doch aber so, dass 35% der Studierenden nicht mit dem Unibetrieb klar kommen, wie Sie gelesen haben. Und weil dies nicht in ihr Weltbild passt, sollen die sich nicht so haben?
Offenbar ist es ja ein Symptom, dass Orientierungslosigkeit vorherrscht. Immerhin haben sich die Berufe, Zukunftsgarantien und Perspektiven auch geändert, sind diffuser geworden in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Und in vielen Fällen geht das Problem auch nach der Uni weiter, die oft auch kaum aufs Berufsleben vorbereitet.

Hochschulreife

Die Schule hat eine Bringpflicht. Im Falle des Gymnasiums ist es die, Schüler zur allgemeinen Hochschulreife zu bringen.

Das bedeutet neben der Vermittliung von Grundkenntnissen (Mathe, Deutsch, Englisch, Physik, Geschichte usw) aber auch das Erlernen von Eigenständigem Arbeiten (zb Informieren, Recherchieren, Berufswahl - Orientieren)

An meinem Gymnasium gab es damals keine Orientierungsveranstaltungen oder sonstiges, um mal eine Hochschule oder Studienfächer kennenzulernen. Gemäß dem muss ich ja schon sagen, war es abzusehen, das etwas mehr als die Hälfte meines Jahrgangs eine Beamtenausbildung eingeschlagen hat (Man macht halt, was man kennt).

Die Universität dagegen hat keien solche Bringpflicht, allerdings eine Angebotspflicht: Wissen, und Personen, die diese vermitteln können - wenn man da ist und aktiv bemüht ist, es zu verstehen. (Hier soll nicht davon Rede sein, in wie weit einzelne Personen oder Unis ihrer Pflicht nachkommen)

Es traut sich keiner zu sagen

aber viele Abiturienten sind offenbar nicht studierfähig. DAs hat nichts mit g7 zu tun. Im Studium zählt die Fähigkeit, sich schnell selbst um alles zu kümmern, Referate halten zu können und halbwegs strukturierte schriftliche Arbeiten abzuliefern. Wobei BAMA ja eher von Klausuren dominiert wird, die jeder schreiben kann.