Nostalgie schwingt immer mit und damit sicher auch eine zuweilen irritierende Verherrlichung der einstigen, glorreichen Journalistenzeiten. Und doch: Da trafen wir morgens um sechs Uhr in unserem Bieler Pressebüro in der Schweiz ein, zuerst ein gemeinsames kräftigendes Frühstück (für Frank A. Meyer Spiegelei mit Schinken), dazu wurde erstmals diskutiert, was der Tag dem Lande so alles bringen könnte. Jeder Journalist war verpflichtet, zumindest mit einer Idee aufzuwarten, damit wir den großen Schweizer Zeitungen auch als die Ersten entsprechende Angebote unterbreiten und die anderen freien Journalisten ausstechen konnten. Wie die Artikel auszusehen hatten, welche Akteure wir auf der Bühne auftreten und wieder abtreten lassen sollten (»Jeder Artikel muss wie eine Theatervorführung mit Sprechrollen aufgebaut sein«), wo die Kritik anzusetzen hatte, wo gefährliche Fallen im Recherchieren sein könnten – das kam als Nächstes dran.

Die eigentliche journalistische Arbeit bestand jetzt darin, um Wörter zu ringen – um das beste Adverb, das beste Adjektiv –, die treffendste Formulierung zu setzen. »Einen gewöhnlichen Satz gibt es nicht«, lautete eines unserer Credos. Grenzen gab es auch fast keine, wollte man das Statement haben: deshalb einen Bundesrat kurz vor Mitternacht aus dem Bett holen? Bundesrat Rudolf Gnägi hasste uns dafür. Und zur Zeit des kalten Krieges gab Justiz- und Polizeidirektor Kurt Furgler dem Bundesanwalt Hans Walder noch so gerne grünes Licht, als dieser unsere Telefone abhören, unsere Post öffnen und in unserem Stammrestaurant Mikrofone und Tonbänder installieren lassen wollte. Wer in den siebziger Jahren kritischen Journalismus machte, geriet schnell in Verdacht, von Moskau gesteuert zu sein. Die zwei Kilo schweren Dossiers und Fichen, auf denen die politisch legitimierten Schnüffler ihrer Fantasie über uns freien Lauf lassen konnten, bleiben Zeugnis, wie sehr die Obrigkeit damals den Journalismus, der aufdeckt und hinterfragt, mundtot machen wollte.

Man kann die Misere nicht nur auf die Verleger abschieben

Unser Medienbüro war damals wirklich etwas Besonderes in der Schweizer Medienlandschaft. In unseren Gründerjahren waren wir Journalisten gleichzeitig auch Unternehmer. Das Büro gehörte allen zu gleichen Teilen, jeder neue Journalist war ab sofort Mitbesitzer. Ziel war eine eigene Zeitung, später ein eigenes Fernsehen. Journalisten als Verleger. Ja, wir hatten damals noch ein Ziel, aus heutiger Sicht vielleicht zu idealistisch geprägt, aber wir wussten, für was und wen wir kämpften.

Heute ist der Schweizer Journalismus – mit ein paar Ausnahmen – zahm geworden. Ziemlich genügsam. Ohne großes Herzblut. Ein Beruf fast wie jeder andere, kaum noch Berufung. Schnüffler für Fichen braucht es keine mehr. Es reicht, wenn man bisweilen auf Feindbilder einhaut – vom ungeliebten Politiker Christoph Blocher bis zu den Banken. Das ist legal und unproblematisch. Die Erfindung des Newsrooms nimmt uns viel von der Eigeninitiative ab: Da wird schon irgendeiner eine brauchbare Idee bringen, man darf sich ruhig ein bisschen zurücklehnen. Für fehlerfreies Schreiben reicht das Computerkorrekturprogramm. Früher? Da lagen unzählige zerknüllte Papierblätter am Boden, weil man auf der Schreibmaschine mit einer noch treffenderen Formulierung des Leads kämpfte. Beim gegenseitigen Lesen der Entwürfe wurde wieder gerungen, der Text erneut verbessert. Peter Rothenbühler wird sich erinnern, wie er als junger Volontär einen uns ungenügend scheinenden Artikel immer wieder beginnen musste – bis tief in die Nacht hinein. Nur um dann um Mitternacht von Frank A. Meyer zwecks Verbesserungen noch einmal in sein Büro zurückgeschickt zu werden. Am nächsten Morgen jedoch wartete die Redaktion vergeblich: Peter Rothenbühler, genervt, zerknirscht und frustriert, hatte sich zwischenzeitlich nach Südfrankreich zu erholsamen Tagen abgesetzt! Dennoch ist aus ihm einer der besten Journalisten aus unserem Büro geworden, vorerst Chefredaktor von Ringier-Erzeugnissen, jetzt in leitender Funktion im Westschweizer Medienkonzern Edipresse, seit Kurzem zu Tamedia gehörend.

Haben heute junge Journalisten wirklich noch das Bedürfnis, etwas kritisch auszuloten, wenn es mehr Aufwand benötigt, als die gewöhnliche Routine? Kann man es nur auf die Verleger abschieben, die zu wenig Geld zur Verfügung stellen für profunde Recherchen? Ist es denkbar, dass Journalisten heute noch sieben auf sieben Tage arbeiten und rund um die Uhr an ihren Beruf denken? Bei Einstellungsgesprächen fragen Journalisten meist als Erstes: Wie viel verdiene ich, wie viele Ferien habe ich, arbeitet man am Samstag – und abends? Kann man Überstunden kompensieren? Und wenn man sie fragt, ob sie Egon Erwin Kisch, Hemingway und Tucholsky gelesen haben, fragen fast alle: Wer ist Tucholsky? Kisch – nie gehört. Sprachbilder? Was meinen Sie damit? Die Bewerbungsschreiben sind immer mehr im SMS-Stil abgefasst, und symptomatisch scheint jener Bewerber, der uns schrieb: »Ich war jetzt lange Jahre als Matrose auf See und habe viel erlebt. Jetzt möchte ich etwas Ähnliches an Land erleben. Wäre Journalist da nicht der richtige Beruf?«

Mein Appell an die jungen Kollegen: Haltet inne, hört zu, schaut hin!

Die heutige Generation von Journalisten tauscht sich – das beobachte ich jedenfalls bei uns – viel zu wenig untereinander aus. Lieber ins Internet tauchen und von dort Unmengen von Informationen herunterladen, als eingehend zusammen zu diskutieren. Lieber von der betreffenden Person ein neues Statement zu damaligen Geschehnissen einholen, als sich die Mühe zu machen, in den echten Zeitungsarchiven nachzuschlagen, wer was wann gesagt hat. Bequemlichkeit dazu: Statements per Mail einholen, statt am Telefon, wo im Gespräch ja auch die Zwischentöne die Musik ausmachen können.

Oberflächlichkeit. Früher mussten für eine scharfe Behauptung mindestens zwei verschiedene Quellen vorhanden sein, heute genügt oft die im Internet eingeholte Bestätigung. Und für den Online-Journalismus gilt es einfach, schnell zu sein, beim Schall und Rauch des Netzes braucht nichts in Stein gehauen zu werden.

Bitterkeit über eine mediale Entwicklung, wie sie in den letzten zwanzig, dreißig Jahren geschehen ist, soll aber nicht aufkommen. In diesen Zeiten scheinen wir Medienschaffenden dazu verdammt, den Ereignissen hinterherzurennen, die elektronischen Helferchen scheinen mehr Zeit zu fressen, als zu geben, chronische Erschöpfungszustände sind an der Tagesordnung, die Welt scheint zu stöhnen. Der Journalist, früher ein wichtiges Rad im Informationsgefüge, wird immer mehr zum unbedeutenden Rädchen degradiert, das gezwungen ist, automatisch im Takt von Technologie und Globalisierung zu drehen. Und im Nacken sitzt die Angst vor einer papierlosen Zukunft, die nach all den Rationalisierungsmaßnahmen nochmals Arbeitsplätze kosten wird. Wer möchte da – mit einem Blick in die Zukunft – als Journalist auch noch Unternehmer sein? Und doch wäre vielleicht ein Appell angebracht: wieder vermehrt innezuhalten, hinzuhören und hinzuschauen, in angemessenem Tempo. Kurzum: Herkunft und Nostalgie als neue Werte für alte Weisheiten. Vielleicht würde uns dann wieder ein Bundesrat hassen ob der nächtlichen Störung, aber welche Befriedigung, den einzig wichtigen und richtigen Satz in die Maschine tippen zu können!