Lange Zeit galt Luzern als Steuerhölle der Innerschweiz. Ebenso lang schielten die Bürgerlichen der Stadt neidisch auf die nahen Steueroasen Zug, Schwyz und Nidwalden. Ende 2009 ging ihr Traum endlich in Erfüllung: Das Stimmvolk stimmte einer drastischen Steuersenkung zu. Nun hat die Stadt Luzern tiefere Einkommensteuern als die steuergünstigste Gemeinde Zürichs und der Kanton die landesweit tiefsten Unternehmensgewinnsteuern. Außerdem sind die Luzerner pleite.

Wie schlecht es finanziell um Luzern steht, zeigte sich Ende März, als es im Kantonsrat darum ging, das klaffende Millionenloch in der Staatskasse zu stopfen. Mit Müh und Not konnten 28 Millionen Franken eingespart werden. Darunter auch Kleinstbeträge wie die 100.000 Franken bei den Sozialen Beratungszentren, 40.0000 Franken beim öffentlichen Verkehr und der jährliche kantonale Betriebsbeitrag für das MAZ in der Höhe von 50.000 Franken.

Für schweizweite Schlagzeilen sorgten nur die 50.000 Franken. Die führende Schweizer Journalistenschule, bekannt unter dem Namen Medien-Ausbildungs-Zentrum, wurde 1984 in Luzern gegründet. »Es fällt uns schwer, zu akzeptieren, dass uns der Kanton Luzern als Mitbegründer und Stifter des MAZ nicht mehr unterstützen will«, sagte Sylvia Egli von Matt, Direktorin der Ausbildungsstätte. Aus diesem Grund wolle man beim MAZ nun andere Standorte prüfen. Unter anderem kontaktierte die Schule Luzerns Erzrivalen Zug, der nur allzu gerne einspringen würde. Auch Zürich wurde als möglicher Standort genannt.

Die Heuchler erkannten bald die Gunst der Stunde. Den Auftakt machte Martin Merki, Innerschweiz-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und FDP-Fraktionschef in Personalunion. Er reichte ein Dringliches Postulat ein. »Wenn das MAZ wegzieht, verliert Luzern eine Bildungsperle«, schreibt der Stadtluzerner Parlamentarier und fordert im Namen seiner Fraktion, dass sich der Kanton und die Stadt für den Erhalt des MAZ einsetzen. Dazu muss man wissen: Am kommenden Sonntag finden in der Stadt Luzern Gesamterneuerungswahlen statt. Der NZZ-Redaktor möchte für die FDP in die Stadtregierung einziehen – logisch, dass man die »Errungenschaften« der Tiefsteuerstrategie nicht an die große Glocke hängen möchte. Merki und seine FDP kämpften an vorderster Front für Steuersenkungen, obwohl damals selbst Bürgerliche vor drastischen, nicht verkraftbaren Steuerausfällen warnten.

Merki figuriert auch auf der Unterstützerliste des Komitees »Nicht ohne MAZ – Die Schweizer Journalistenschule gehört zu Luzern«. Ins Leben gerufen wurde die Unterschriftensammlung vergangene Woche von der Nidwaldner PR-Agentur Akomag. Sie zeichnet auch verantwortlich für ROI Return on Investment – eine Beilage der Neuen Luzerner Zeitung (NLZ), ein Tochterblatt der NZZ . Es handelt sich um eine Postille, die in erster Linie »tiefe Steuern«, »gutes Steuerklima« oder »eine Entlastung hoher Einkommen« fordert.

Im Copräsidium des Unterstützungskomitees sitzt auch Stefan Ragaz, bis vor wenigen Tagen stellvertretender Chefredaktor der NLZ, eines stramm bürgerlichen Monopolblatts und publizistischen Wegbereiters der Luzerner Tiefsteuerstrategie. Ragaz persönlich hat sich in seinen Kommentaren seit Jahren für tiefe Steuern und einen schlanken Staat eingesetzt. Ebenfalls ein Unterstützer ist Stadt-Ressortleiter und Steuerwettbewerbsbefürworter Christian Bertschi.

Bertschi wie Ragaz gehören zum Dozententeam des MAZ. »Am MAZ wird Qualitäts-Journalismus gelehrt«, heißt es im Leitbild der Schule. Dazu gehört auch kritischer Journalismus, also »Fakten und Meinungen unabhängig ermitteln und hinterfragen«. Auf einen Hintergrundartikel der NLZ über die negativen Auswirkungen des Steuerwettbewerbs werden deren Leser wohl noch lange warten müssen.