Zuwanderung und Ausländeranteil sind in jedem Einwanderungsland ein Thema. Angst vor dem Fremden und vor den Fremden gehört zur menschlichen Natur. Was und wer aber als fremd beurteilt wird, ist nicht naturgegeben. Das wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Karl Valentin hat es auf den Punkt gebracht: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.

Aber was macht uns den Fremden fremd? Meist wird die Sprache als entscheidendes Merkmal erwähnt. Sie gilt deshalb auch als Voraussetzung für die Integration. Bund und Kantone haben in ihren Integrationsprogrammen der letzten Jahre dem Erwerb der Sprache Priorität eingeräumt. In einem mehrsprachigen Land ist das aber nicht so einfach. Ist eine Schweizerin französischer Muttersprache mit schlechten Deutschkenntnissen in Dübendorf fremder als ihr deutscher Nachbar?

Vielleicht kommt es darauf an, dass man weiß, dass sie Schweizerin ist. Die Tessiner in der Deutschschweiz haben immer darauf hingewiesen. Das hat deshalb funktioniert, weil die Deutschschweizer wissen, dass es Italienisch sprechende Menschen gibt, die aber nicht Italiener, sondern Schweizer sind. Sie waren in ihren Lebensgewohnheiten zwar ziemlich italienisch und den Einheimischen auch ziemlich fremd, aber eben keine Fremden.

Das ist eines der schwer erklärbaren Phänomene des Nationalstaats: Man kann das Staatsvolk nur formal nach der Staatszugehörigkeit definieren. Gleichwohl gibt es ein Nationalbewusstsein, das sich irgendwie diffus inhaltlich definieren will. Meist ist dabei der kleinste gemeinsame Nenner die Abwehr gegen das Fremde. Die Schweizer haben da die Schwierigkeit, dass sie drei unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen angehören. Das zwingt auch zur Abgrenzung gegenüber dem großen Nachbarn – trotz derselben Sprache. Man kann das Thema deshalb immer mal wieder bewirtschaften. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass es eine eigentliche Feindlichkeit gegenüber den Deutschen in der Schweiz gibt. Im Gegensatz dazu gab es gegenüber den Zuwanderern aus Südeuropa in den fünfziger und sechziger Jahren und jenen aus dem Balkan in den achtziger Jahren Reaktionen von Fremdenfeindlichkeit. Italiener wurden als »Tschinggen« beschimpft. Oft erzählen Migranten aus Italien, heute meist Schweizer, wie die Schwarzenbach-Initiative sie gekränkt hat. Man war für jede Drecksarbeit gut genug, aber man sollte danach gefälligst von der Bildfläche verschwinden. Und dass Schulabgänger mit jugoslawisch klingenden Namen schwerer eine Lehrstelle finden, ist skandalös. Heute sind die Italiener die guten Ausländer. Man hat sich an sie gewöhnt und ihre Kulinarik übernommen. Das ist ein Indiz für gelungene Integration. »Wess Brot mir schmeckt, dess Lied ich sing.« Deshalb warten wir auf das deutsche Brot.

Anstelle einer Angst vor Zuwanderern stelle ich vermehrt eine Angst vor Zuwanderung fest. Die starke Bevölkerungszunahme wird ein Thema. Auch bei Leuten, die offen sind gegenüber Veränderung und die zu den Gewinnern der wirtschaftlichen Entwicklung gehören. Dabei wird außer Acht gelassen, dass die Bevölkerungsentwicklung und die Zuwanderung nicht linear verlaufen. Je nach Phase dominiert die Angst vor Überbevölkerung mit hohen Mieten und Infrastrukturüberlastung oder die Angst vor Bevölkerungsrückgang mit Wirtschaftskrise und Kollaps der Altersvorsorge. Eigentlich müsste man mit der einen Angst die andere austreiben können.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Dr. Dr. h.c. Markus Notter