Schweizer PolitikerDas bisschen Wahnsinn

Wer in der Schweiz Politik gestalten und nicht nur verwalten will, muss ein wenig verrückt sein. von Michael Hermann

Graffiti-Karikatur von Christoph Blocher in Lausanne

Graffiti-Karikatur von Christoph Blocher in Lausanne  |  © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Einerlei, wie man es mit ihm hält, kein Parteiführer hat die politische Landschaft der Schweiz tiefgreifender verändert als Christoph Blocher. Der Parteiführer, der offiziell gar nie einer war. Sein Stern ist mittlerweile am Sinken, und es drängt sich die Frage nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin auf. Nicht alleine in der SVP, sondern ganz generell: Wer könnte die nächste prägende Figur in der schweizerischen Parteienlandschaft sein? Oder, um die Messlatte etwas tiefer zu hängen: Wer hat das Potenzial, um als Parteiführer nicht bloß Spielfigur, sondern echter Spielgestalter zu sein.

Gerade der Blick auf Christoph Blocher zeigt, dass es hierfür neben den offensichtlichen Qualitäten wie schnelle Auffassungsgabe, Kommunikationsfreude oder Zielstrebigkeit noch einer weiteren, eher etwas spezielleren bedarf: Es braucht ein Quäntchen Verrücktheit. Selbstredend nicht im Sinn eines pathologischen Wahnsinns, sondern eher als eine Art positive Unvernunft. Als in sich ruhende, eingemittete Person wäre der Chemie-Unternehmer Christoph Blocher Anfang der neunziger Jahre nicht frontal gegen das gesamte wirtschaftliche und gesellschaftliche Establishment angerannt. Ohne ein bisschen meschugge zu sein, hätte er nicht unermüdlich weitergekämpft – bis zu seiner Wahl in den Bundesrat, dann im Bundesrat und schließlich darüber hinaus. Wäre er nicht von der Wichtigkeit seiner Aufgabe beseelt, er würde nicht derart viel eigenes Geld in die Politik einwerfen.

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Der Generationenwechsel fällt der SVP nicht zuletzt deshalb so schwer, weil niemand von der jüngeren Generation neben dem fachlichen Anforderungsprofil auch das nötige Maß an innerer Getriebenheit mitbringt, um die rechte Großpartei mit neuem Elan zu versehen. Dem erfolgreichen Eisenbahnbauer Peter Spuhler etwa fehlt das bisschen Wahnsinn, das ein Unternehmer braucht, um nebenbei noch eine Partei auf- oder umzubauen. Auch alle anderen haben entweder nicht das Format oder es fehlt ihnen die Getriebenheit.

Michael Hermann

Der Autor ist einer der wichtigsten Politikbeobachter der Schweiz. Er ist Mitbegründer der Forschungsstelle Sotomo.

Die Figur mit der größten transformativen Wirkung in der heutigen Parteienlandschaft findet sich denn auch nicht bei der SVP, sondern bei den Grünliberalen. Natürlich kann es deren Chef Martin Bäumle bezüglich Einfluss noch lange nicht mit Blocher aufnehmen, die Parallelen gerade auch in der Persönlichkeitsstruktur sind jedoch nicht zu übersehen.

Um die Jahrtausendwende hatten viele von der Notwendigkeit einer neuen links- oder ökoliberalen Partei gesprochen. Es war jedoch alleine Martin Bäumle, der den nötigen Irrwitz besaß, aus dem gemachten Nest bei der Grünen Partei auszubrechen, um beinahe eigenhändig eine neue Partei aus dem Boden zu stampfen. Dafür wurde er belächelt, doch mit dem unbedingten Willen, es allen zu zeigen, trieb er sein Projekt zum Erfolg. Wie bei Blocher tat der Erfolg auch bei Bäumle der inneren Getriebenheit keinen Abbruch. Statt in Genügsamkeit und Milde zu erstarren, nährte er bloß den Hang zur Megalomanie.

In Konkurrenzdemokratien folgt das Auf und Ab der Parteien dem Kräftemessen von Regierung und Opposition. Dort geht es vor allem darum, sich als bessere Alternative zu präsentieren. Im schweizerischen Konkordanzsystem, in dem jeder und doch keiner die Regierungsverantwortung trägt, fällt diese Möglichkeit weg. Entsprechend schwer tun sich die Parteileader damit, mehr als bloß die von wechselnden politischen Großwetterlagen getriebenen Trends zu verwalten. Nur Figuren, die sich mit jeder Faser ihrer Sache verschrieben haben und es schaffen, gesellschaftliche Stimmungslagen für ihre Zwecke zu aktivieren und zu bündeln, können wirklich etwas über den normalen Gang der Dinge hinaus bewegen.

Dies ist jedoch nicht die einzige Besonderheit an unserem alles umarmenden Konkordanzsystem. Dazu kommt, dass hierzulande politische Karrieren weitgehend vom Erfolg der Parteien entkoppelt sind. Wer nur Macht und Prestige sucht, tut gut daran, sich von den Niederungen der Parteipolitik fernzuhalten und feilt besser an der persönlichen Regierungstauglichkeit. Parteiämter sind nicht nur schlecht bezahlt, sie sind auch selten Sprungbrett zu Höherem. Und selbst wenn sie einmal in ein Bundesratsmandat münden, bleibt die Machtfülle bescheiden. Der reine Machttrieb, der Personen wie Berlusconi, Sarkozy oder Putin vorantreibt, genügt hierzulande als Treiber nicht. Es braucht auch eine inhaltliche Mission, oder zumindest eine Obsession.

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