Anita gehört zu den Mapuche, Chiles größter indigenen Ethnie. Schon als Kind hat sie bei ihrer Oma in die Töpfe geschaut. Später sammelte sie Rezepte, die nur noch greise Mapuche kannten. Wann immer Gäste kamen, verlangten sie Nachschlag. »Warum machst du das Kochen nicht zu deinem Beruf?«, fragten sie häufig. Die Dorfchefs waren zunächst skeptisch. »Für uns Mapuche ist Essen ein Geschenk, das man anderen bereitet«, erklärt Anita, »keine Ware, für die man Geld verlangt.« Aber irgendwann setzte sie sich durch. Kochen, sagt Anita, sei ja auch ein Weg, die alte Kultur zu erhalten. Heute versammelt sie Touristen um ihren Herd, die in dieser Gegend üblicherweise Vulkane besteigen. Und sie gibt Kurse für Mapuche-Teenager, die lieber Hotdogs essen als Araukarienmus.

Im Rest des Landes galten die Mapuche jahrzehntelang vor allem als aufmüpfige Ureinwohner, die notfalls per Hungerstreik ihre in Kolonialzeiten verlorenen Ländereien zurückforderten. Doch allmählich wandelt sich das Denken. Eine junge Generation von Chilenen fordert eine offenere Gesellschaft, die sich auch zu ihren vorkolonialen Wurzeln bekennt. Studenten buchen Kurse in Mapudungun, Anitas Muttersprache. Und Merquén, eine alte Würzmischung der Mapuche, ist inzwischen auch in Chiles Gourmetküchen gefragt.

Nie käme Anita auf die Idee, einen Supermarkt zu betreten. »Tomaten essen, wenn gar keine Tomatensaison ist – ich finde das bizarr.« Sie tötet auch keine Tiere, nur weil die Söhne Lust auf Würstchen haben. »Leben nehmen, das darf man nur als Teil einer religiösen Zeremonie. Bei diesen Gelegenheiten kommt bei uns dann auch mal Fleisch auf den Tisch.« Im Alltag ist dafür keine Schote in Tagesmarschnähe vor Anita sicher. Alle paar Monate steigt sie mit der Familie hinauf auf die Berge, um Araukariensamen zu sammeln. »Wichtig ist es, mit dem Baum zu sprechen und ihm zu danken. Sonst ist er sauer und lässt im nächsten Jahr keine Samen mehr wachsen.«

Wer mit Anita einkaufen gehen will, muss sie mit einem Henkelkorb in den Garten begleiten. Überall grünt und rankt und blüht es, Dutzende Arten wachsen über- und nebeneinander. Die Mapuche will Pflanzen nicht in Beete zwängen oder mit Dünger bestechen: »Die Natur soll selbst entscheiden, wie viel sie uns schenken möchte.« Und heute zeigt sie sich spendabel. Anita pflückt ein Menü zusammen, bunt wie eine Tüte Smarties: pinkfarbene Bohnen, grüne Tomaten, lila Salatköpfe und blaue Kartoffeln, die sie in Autoreifen pflanzt, »dort wachsen sie besonders gut«.

Allmählich werden wir Kochschüler unruhig: Nach all dem Sammeln und Zuhören wollen wir selbst ans Schneidebrett. Schulter an Schulter drängeln wir uns in Anitas Küche, pulen Bohnen aus den Schoten, stechen Fladen aus, rösten Piñones, bis ihre Schalen platzen und Anita sagt: »Jetzt sind sie fertig.« Ein paar Stunden später ist der Esstisch randvoll gedeckt mit Köstlichkeiten: wilde Artischocken in Beeren-Essig. Maisbrote mit einem Dip aus geräuchertem Chili, Koriander, Knoblauch und Basilikum – ein Rezept, das sich alle notieren. Allerlei Gemüseeintöpfe, die duften, als seien sie mit Blüten parfümiert. Was Anita in ihrer kleinen Küche zusammenzaubert, würde auch Santiagos Nobelköchen Ehre machen.

Nach dem Essen lädt uns die Köchin zu einem Verdauungsspaziergang durch die Nachbarschaft ein. Vor ein paar Monaten hat die Regierung der Gemeinde einen Landstrich am Fluss zurückgegeben. Auf den Wiesen haben junge Männer eine Ruca errichtet, eine traditionelle Holzhütte. Wärter, aus einem Stamm geschnitzt, hüten die Pforte, im Innern knistert ein Feuer. Anita schüttet Weizenkörner in einen gusseisernen Schober, schwenkt ihn über den Flammen, hin und her, her und hin. Getreidekaffee zu rösten ist nichts für Eilige. Aber Anita bekümmert das nicht. »Kochen ist Kultur, natürlich«, sagt sie und lässt sich neben einer Amerikanerin auf ein Schaffell sinken: »Und der ideale Vorwand, stundenlang mit anderen Frauen zusammenzusitzen und zu quatschen.«