Christian Lindner: Bloß kein Roboter sein
Christian Lindner, Hoffnungsträger und Spitzenkandidat der FDP in NRW, über seine Vorstellungen von guten Liberalen.
© Ina Fassbender / Reuters

FDP-Spitzenkandidat in NRW: Christian Lindner
DIE ZEIT: Herr Lindner, Sie sagen, die FDP habe seit der Bundestagswahl 2009 in Stil und Inhalt viele Anhänger enttäuscht. Was meinen Sie konkret?
Christian Lindner: Ich will es positiv sagen, wie wir es in Nordrhein-Westfalen jetzt machen. Die anderen Parteien sprechen nicht über Themen, sondern plakatieren etwa, SPD sei Currywurst. Die Spitzenkandidatin der Grünen bestreitet ihren Wahlkampf damit, mich persönlich zu attackieren. Wir sprechen ernsthaft über Richtungsentscheidungen für das Land, bei den Finanzen, beim Gymnasium, in der Energiepolitik. Ich attackiere keinen der Wettbewerber persönlich, weil ich ja auch keinem Kompetenz und ehrliche Motive abspreche. In dieser Weise, im respektvollen, ernsthaften Auftreten, hat die FDP als liberale Partei einen eigenen Stil.
ZEIT: So wie Rainer Brüderle in Karlsruhe? Er pries auf dem FDP-Parteitag marktschreierisch die großartigen Erfolge der Liberalen in der Regierung – und wurde frenetisch gefeiert. Stilistisch das Gegenteil dessen, was Sie beschreiben.
Lindner: Das empfinde ich anders. Parteitagsreden folgen anderen Regeln. Und auf Erreichtes darf durchaus hingewiesen werden, schließlich steht unser Land gut da.
ZEIT: Wo hat die FDP konkret enttäuscht?
Lindner: Wir haben uns an das Versprechen, die Steuern zu senken, sehr lange gebunden gefühlt. Dabei hatten sich durch die Staatsschuldenkrise in Europa die wirtschaftlichen Bedingungen völlig verändert. Situationsadäquates Handeln macht Professionalität aus. Man kann nur dann Vertrauen in jemanden haben, wenn man weiß: Ich gebe ihm Macht, aber er hat die Übersicht, nicht wie ein Roboter stur der Programmierung zu folgen.
ZEIT: Machen Sie jetzt als Spitzenkandidat in NRW die Politik, die Sie als Generalsekretär in der FDP nicht durchsetzen konnten?
Lindner: Die Aufgaben kann man nicht vergleichen. Als ich Ende 2009 Generalsekretär wurde, war der Koalitionsvertrag bereits ausgehandelt, ebenso die Ressortverteilung. Damit musste ich dann umgehen. In NRW haben wir mit einem Prioritätenwechsel einen neuen Anfang begründet. Hier kann ich von Beginn an gestalten.
ZEIT: Als Spitzenkandidat in NRW setzen Sie auf Sparen und Haushaltssanierung. Wollten Sie das auch als Bundeskurs?
Lindner: Ich habe damals sehr begrüßt, dass Philipp Rösler in einem seiner ersten Interviews als Kandidat für das Amt des Vorsitzenden gesagt hat, dass zusätzliche Steuereinnahmen für die Senkung der Neuverschuldung eingesetzt werden sollten. Und seit dem letzten Bundesparteitag strebt die FDP ja nun auch einen ausgeglichenen Haushalt schon für 2014 an.
ZEIT: Wie wollen Sie Vertrauen zurückgewinnen?
Lindner: Viele Menschen, die ich jetzt treffe, sagten noch vor Kurzem: Nie wieder FDP. Jetzt sind sie in NRW aber wieder bereit, uns eine Chance zu geben, vor allem aus einem Grund: Wir haben für eine neue Prioritätensetzung, die Befreiung des Staates aus den Ketten der Verschuldung, unsere Landtagsmandate in die Waagschale geworfen.
ZEIT: Andere sagen, es liegt schlicht an Ihnen. Sie werden gefeiert, als sei der FDP ein Heiland erschienen.
Lindner: An der Debatte beteilige ich mich nicht. Da bauen Beobachter Erwartungen auf, nur um bei nächster Gelegenheit zu sagen: Schaut her – das ist ja gar kein Heiland. Das ist mir zu spielerisch.
ZEIT: Dann liegt es also nicht am Heiland, sondern nur am Spitzenkandidaten.
Lindner: Es geht bei der Wahl nicht um mich. Es geht um eine Frage der Haltung, des Lebensgefühls. Ich mag mein Leben, nehme es gern in die Hand, habe ein Verantwortungsgefühl, das ich nicht an den Staat abgeben will. Ich freue mich auf morgen und erwarte etwas von der Zukunft. Ich will bei großen Fragen, Krankheit etwa, nicht alleingelassen werden. Ansonsten brauche ich persönlich niemanden, der mir sagt, was ich tun soll, mich mit moralischem Zeigefinger belehrt. Wenn von denen, die so fühlen wie ich, viele sagen: »Ja, wir stärken die FDP, weil wir jetzt wieder Potenzial für die Zukunft sehen«, dann hätten wir etwas geschaffen. Im Kern geht es also um das Bekenntnis zu einer liberalen Partei.
ZEIT: Ist das ein bürgerliches Lebensgefühl? Das Leben selbst in die Hand nehmen, sich nichts vorschreiben lassen?
Lindner: Für mich hat Bürgerlichkeit zwei Dimensionen, die man nicht trennen darf. Die eine ist der Wunsch, sich in die Gesellschaft einzubringen, in der Politik und in der Öffentlichkeit mitzusprechen. Die andere Dimension ist, das Private zu verteidigen, Sorge für den eigenen Lebensunterhalt zu tragen. Der Philosoph Odo Marquard hat einmal exakt seziert, dass linke Ideen stets versuchen, die beiden Dimensionen zu trennen. Wer nur den Citoyen sieht, aber nicht die Verwurzelung des Bürgers in Beruf und Leistungsethos, verkennt Bürgerlichkeit, sagt Odo Marquard. So sehe ich das auch.
ZEIT: Gehört zur Bürgerlichkeit auch ein bestimmter Stil?
Lindner: Für mich schon. Der politische Diskurs ist mitunter so vergiftet, dass gar nicht über die Unterschiede in der Sache gesprochen wird, sondern nur mit Unterstellungen, Etiketten, Vereinfachungen gearbeitet wird. Ich finde das unangenehm. Es ist allzu oft auch Ausdruck eigener Ratlosigkeit. Die NRW-Grünen attackieren in ihren Wahlkampfspots vornehmlich die FDP, mit lächerlichen Witzen. Das ist eine programmatische Kapitulation, eine Bankrotterklärung.
ZEIT: Ist es ein bürgerlicher Umgang miteinander, wenn der FDP-Vorsitzende der Kanzlerin mit Froschvergleichen kommt?
Lindner: Das wurde ihm in den Mund gelegt.
ZEIT: Man konnte das im Fernsehen sehen.
Lindner: Er hat das Wort Frosch nicht in den Mund genommen. Meine Erfahrung ist: Wir hatten in NRW eine erfolgreiche Regierung mit der CDU. In der Schlussphase 2010 hat die CDU angefangen, mit den Grünen zu flirten. Das ist ihr am Wahltag nicht gut bekommen. Auch bei dieser Landtagswahl hat die CDU den Anspruch aufgegeben, eine bürgerliche Alternative zu Rot-Grün sein zu wollen. Das Erbe treten wir gerne an.
ZEIT: Woran machen Sie das fest?
Lindner: Die CDU sagt, sie wolle in eine Koalition mit einer der beiden bisherigen Regierungsparteien eintreten, egal welcher, also Rot-Schwarz oder Schwarz-Grün. Die Schattenenergieministerin von Norbert Röttgen bezeichnet die unwirksame, hoch bürokratische rot-grüne Klimaschutzpolitik als im Grunde richtig, die Klagen über steigende Energiepreise seien unbegründet.
ZEIT: Die FDP war immer dann attraktiv für Wähler, wenn sie eine Machtperspektive hatte. Müssen Sie nicht, da Röttgen und die CDU sich abwenden, offensiv für die Ampel werben?
Lindner: Wenn die CDU beliebig wird, sollte die FDP umso eindeutiger ihre Unabhängigkeit unterstreichen. Dazu gehören bestimmte Werte, die man bürgerlich nennen kann: Selbstbestimmung, Verantwortungsgefühl, gesunder Menschenverstand. In diesem Sinne sehe ich die FDP als einen eigenständigen Faktor in der Landespolitik: Für diese FDP werbe ich, nicht für diese oder jene Koalition.
ZEIT: Wenn die Piraten so stark werden, dass Rot-Grün es nicht allein schafft, landet die für tot erklärte FDP am Ende auf der Regierungsbank – dieser Clou muss Sie doch reizen.
Lindner: Koalitionen brauchen Gemeinsamkeiten. Gegenwärtig sehe ich vor allem mit Blick auf die Grünen Unterschiede. Nehmen wir nur mal die Finanzen. Die Grünen wollen nicht sparen, sondern Steuern erhöhen, sagen sie. Damit zeigen sie genau die Mentalität, die das Kernproblem der Politik ist und die wir mit der NRW-FDP verändern wollen. Wir können nicht auf Dauer als Politiker das Geld schneller ausgeben, als Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, es uns zur Verfügung zu stellen.
ZEIT: Ist das eine Absage an die Ampel?
Lindner: Das ist die Beschreibung fundamentaler Unterschiede zu den Grünen.
ZEIT: Sie haben eine Koalitionsaussage vor der Wahl angekündigt.
Lindner: Ich habe gesagt, dass ich einen Vorschlag mache, wie sich die FDP zur Koalitionsfrage positioniert. In NRW ist offensichtlich, dass die programmatischen Gemeinsamkeiten mit der Union trotz allem am größten sind.
ZEIT: Sie rennen also der CDU hinterher, die von Ihnen nichts wissen will. Ist das Ihr neues Selbstbewusstsein?
Lindner: Wenn jemand irgendwem nachläuft, dann die Union Rot-Grün. Ich zeige nüchtern Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf.
ZEIT: Kommen sich FDP und Grüne nicht über den gemeinsamen Gegner, die Piraten, näher?
Lindner: Bei den Bürgerrechten im Internet fordern die Piraten, was wir in der Regierung bereits umsetzen – Stichwort Vorratsdatenspeicherung. Ansonsten zeigt deren Kostenmentalität eine Verwandtschaftsbeziehung zu linken Positionen, vielleicht mit einer Prise Anarchie. Ich sehe nicht, dass FDP und Grüne Seit an Seit im Wettbewerb stünden. Dazu sind die Unterschiede in ihrem jeweiligen Bild von Bürgerinnen und Bürgern zu unterschiedlich. Die Grünen treten oft auf wie die Kindergärtnerinnen, die erwachsene Menschen zu ihrem Glück zwingen wollen.
ZEIT: Betonen Sie die Unterschiede zu den Grünen vor allem, um enttäuschte CDU-Wähler nicht abzuschrecken?
Lindner: Wodurch sollten wir sie abschrecken? Durch unser Eintreten für die soziale Marktwirtschaft? Das schätzen eher die ehemaligen Friedrich-Merz-Wähler. Ich begreife die FDP nicht als Teil irgendeines Lagers, sondern als echte liberale Partei der Mitte. Mit einem Liberalismus ohne Bindestrich. Und in einer Tradition, die von Otto Graf Lambsdorff über Hans-Dietrich Genscher bis zu Gerhart Rudolf Baum reicht.
ZEIT: Sie haben sich für Ihren Wahlkampf von Berlin professionelles, geräuscharmes Regierungshandeln gewünscht. Die Koalition streitet aber über Betreuungsgeld, Quote, Praxisgebühr, Vorratsdatenspeicherung.
Lindner: Es schwächt das Vertrauen in eine Regierung, wenn sie öffentlich fortwährend streitet. Die Leute wollen nicht täglich durch das Betonen der Unterschiede genervt werden. Umfragen zeigen, dass überwiegend die FDP für Streit in der Koalition verantwortlich gemacht wird ... ob das so ist oder nicht. Daraus muss man Konsequenzen ziehen. Man muss sich nicht alles vom Partner gefallen lassen, aber man muss auch nicht bei jeder Äußerung aus der fünften Reihe alle Abfangjäger aufsteigen lassen.
ZEIT: Hat die Kanzlerin überhaupt ein Interesse an der Stabilisierung der FDP? Wenn die FDP unter fünf Prozent bleibt, droht im Bund keine Ampel, dann kann Angela Merkel nach der Wahl 2013 auswählen, mit wem sie regieren will.
Lindner: Ich habe die Frau Bundeskanzlerin nie als ängstliche Person kennengelernt. Deshalb kann ich solchen Gerüchten keinen Glauben schenken.
ZEIT: Wenn Sie Erfolg haben: Bleiben Sie dann fünf Jahre in NRW?
Lindner: Ich möchte Partei- und Fraktionsvorsitzender der FDP in NRW werden. Das ist eine spannende Aufgabe, auf die ich mich sehr freue.
ZEIT: Gibt es einen Kick, Nummer eins zu sein?
Lindner: Nein. Aber es ist ein anderes Gewicht. Einer hat am Ende die Verantwortung, und auf einen wird gezeigt, wenn es nicht gut läuft.
ZEIT: Wenn es gut läuft auch.
Lindner: Wenn es gut läuft, sind es meistens viele.






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ich glaub ihm nicht
Irgendwie Überflüsig?
Um die Menschen in unserem Land, gehts es ja auch nicht!
" FDP im Höhenflug - Die FDP steht bei sechs Prozent."
(nach Welt)
... ich war früher immer ein Musterschüler - mehr als 6% hatte ich bei Tests immer richtig ... ... !!!
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...erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache."
(Hanns Joachim Friedrichs)
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ein Sich-gemein-machen der interviewenden Journalisten? Und wo sehen Sie Verlogenheit? (Und nein, es ist kein Argument, dass das FDP-Parteibuch qua Automatismus Verlogenheit bedeute.)
ein Sich-gemein-machen der interviewenden Journalisten? Und wo sehen Sie Verlogenheit? (Und nein, es ist kein Argument, dass das FDP-Parteibuch qua Automatismus Verlogenheit bedeute.)
Schade, daß Lindner das Nichtschwimmerbecken nicht verlassen kann. Er wäre der bessere NRW Kandidat für die CDU gewesen, und könnte allgemein darüber hinaus die "traditionelle" Politik an der Bundesspitze bestens beerben.
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