Ukrainische OppositionSie gibt nicht auf

Europa bangt um die inhaftierte Julija Timoschenko. Das Schicksal der kranken Politikerin hat kurz vor der Fußball-EM heftigen Streit mit der Ukraine ausgelöst. Wer ist diese Frau – machtbesessene Oligarchin oder Nationalheilige? Eine Reise in ihre Heimat von 

Julija Timoschenko im Januar 2008

Julija Timoschenko im Januar 2008  |  © JOHN THYS/AFP/Getty Images

Natürlich hätte sie es verhindern können, sie hätte einlenken können, einfach still sein. Sie hätte ihn treffen können, ihn persönlich, nicht seine Kläffer. Auch zahlen hätte sie können.

Seit vier Monaten hält er sie hier gefangen, in der Frauenstrafkolonie Nummer 54, tief im Osten des Landes, in Charkow, dieser sowjetischsten aller ukrainischen Städte. Sie, die immer gen Westen strebte und deren Namen man hier nur mit Verachtung ausspuckt. Rund um die Uhr brennt Licht in ihrer Zelle, ihr Bett wird von einer Videokamera beobachtet. In ihrem Kopf formuliert sie zornige Reden. Aber in der Zeitung steht, dass das Volk nicht für sie auf die Straße geht. Im Fernsehen kann sie sehen, wie der Generalstaatsanwalt Mordvorwürfe gegen sie erhebt. Sie weiß, sie kann für immer in diesem Kerker verschwinden. Doch Julija Timoschenko war schon immer am besten, wenn sie nah am Abgrund stand. Sie hat in ihrem Leben noch nie einen Kampf verloren gegeben.

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Im Internet kursieren jetzt Fotos von Timoschenkos Hämatomen – von den Schlägen ihrer Wärter sollen sie stammen. »Ich dachte, dies sind die letzten Minuten meines Lebens«, schreibt sie in einem Brief aus dem Gefängnis. Von Tag zu Tag wird sie schwächer, der Bandscheibenvorfall macht ihr zu schaffen, die chronischen Rückenschmerzen, inzwischen kann sie sich nur noch mit fremder Hilfe anziehen, nicht einmal ihren legendären Zopf legt sie sich noch um den Kopf. Es ist Freitag, der 20. April, als Julija Timoschenko ihren Einsatz noch einmal erhöht. Die große Digitaluhr auf dem Kiewer Boulevard Kreschtschatik zählt noch 48 Tage und 20 Stunden bis zur Europameisterschaft, als sie verkündet, dass sie in den Hungerstreik tritt.

»Ich will die demokratische Welt darauf aufmerksam machen, was in der Mitte Europas geschieht«, schreibt sie. »Ich bitte die demokratische Welt und alle gesunden Kräfte in der Ukraine darum, sofort etwas zu tun, um diese gesamteuropäische Bedrohung zu vernichten. Ich sage bewusst vernichten – denn die herkömmliche Diplomatie ist bereits unmöglich.« Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagt prompt seinen Staatsbesuch ab. Europäische Politiker reden plötzlich von einem EM-Boykott. Obwohl Timoschenko im hintersten Winkel der Ukraine schwer krank hinter Mauern liegt, hat sie es wieder mal auf die Titelseiten der Weltpresse geschafft, von der Kyiv Post bis zur New York Times. Es ist ein gefährlicher Poker, den sie und ihr Erzfeind, der Präsident der Ukraine, eröffnet haben: Viktor Janukowitsch spielt um die Zukunft des Landes. Julija Timoschenko spielt um ihr Leben.

Zu ihren Füßen das wogende Volk in Orange

Beinahe acht Jahre ist es her, dass sie auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum Kiews, die Revolution ausrief – zu ihren Füßen das wogende Volk in Orange. Aus dem Präsidentenpalast jagte sie ihn zum Teufel, Janukowitsch, diesen grobschlächtigen Ostukrainer, der mit der Hilfe seiner Schergen die Wahl gefälscht hatte. Der für alles steht, was sie inzwischen verachtet, und den sie nur »den Banditen aus Donezk« nennt. Sie fügte ihm die bitterste Demütigung seines Lebens zu, im November 2004, als Putin ihn schon als neuen Präsidenten der Ukraine begrüßt hatte. Fast zwei Jahre musste er abtauchen, weil sie ihm und seinen Freunden den Krieg erklärt hatte. Seitdem, heißt es, fürchte er niemanden mehr als diese kleine blonde Frau, deren Namen er nicht in den Mund nimmt: diese Popikone, diesen Liebling der westlichen Medien. Gerade erst hat er den Feiertag zu Ehren der Orangenen Revolution abgeschafft. Seine Widersacherin ließ er im vergangenen Herbst zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und drei Jahren Arbeitsdienst verurteilen. 142 Millionen Euro Schadensersatz soll sie zahlen, weitere sieben Jahre darf sie kein politisches Amt bekleiden. Es ist die Stunde der Vergeltung, sagen die einen. Endlich Zahltag, sagen die anderen.

Im Jahr 2009, so stellte das Gericht in Kiew fest, habe Timoschenko als ukrainische Ministerpräsidentin einen Gasvertrag mit Putin ausgehandelt, der dem Land schweren wirtschaftlichen Schaden zugefügt haben soll: 450 Dollar pro Tausend Kubikmeter Gas, das ist mehr, als Deutschland zahlt.

Das Helsinki-Komitee für Menschenrechte kommt in seiner Untersuchung des Falles zu dem Schluss, Timoschenko habe keine Straftat begangen, sondern eine normale politische Entscheidung getroffen. Die Europäische Union, die Vereinigten Staaten und Russland kritisierten das Urteil als politisch motivierten Missbrauch der Strafjustiz. Timoschenkos Anhänger schlugen sie Anfang des Jahres für den Friedensnobelpreis vor, Hillary Clinton schrieb ihr einen Brief ins Gefängnis.

Mehr als 20 hochrangige Minister und Beamte der früheren ukrainischen Regierung sitzen mittlerweile hinter Gittern: der Umweltminister, der stellvertretende Justizminister, der Verteidigungsminister – und der Innenminister Juri Luzenko, der sich im berüchtigten Isolator von Kiew, einem Kerker aus der Zarenzeit, mit Hepatitis B infiziert und 35 Kilo verloren hat. Vier Jahre bekam er – weil er seinem Fahrer eine um 2600 Euro überhöhte Pension verschafft haben und eine Jubiläumsfeier der Polizeibehörde zu teuer ausgefallen sein soll. Was geht vor in diesem Land, das die Fußballeuropameisterschaft austragen wird? Das in die EU strebt?

»Ich habe Angst, dass sie meine Mutter umbringen«, sagt Jewgenija Timoschenko. Es ist Anfang April, als sie auf dem Kiewer Flughafen in eine Maschine der Ukrainian Airlines nach Charkow steigt. Sie ist 32 Jahre alt, aber sie sieht jünger aus. Fast die Hälfte ihres Lebens hat sie in England verbracht, erst im Internat, dann an der London School of Economics. Sie ist mit Privatflugzeugen aufgewachsen, mit Bodyguards. Jetzt besucht sie alle zwei Wochen ihre Mutter im Gefängnis. Die blonden Haare trägt sie offen, ihre müden Augen versteckt sie hinter einer großen Burberry-Sonnenbrille. Ihren Oberkörper umhüllt eine flauschige Kunstfelljacke.

"Es ist mein Leben. Ich muss das machen, für die Ukraine"

Jewgenija war 15, als ihre Mutter zur erfolgreichsten Oligarchin des Landes aufstieg. Sie war 16, als sie zum ersten Mal vom Geheimdienst verhört wurde, sie war 20, als ihre Mutter, ihr Vater und ihr Großvater ins Gefängnis geworfen wurden. Immer wieder schaut sie sich nervös um. Sie weiß, sie wird verfolgt, ihr Telefon wird abgehört, ihre E-Mails werden mitgelesen. Immer wieder hat sie die Mutter angefleht: »Bitte, lass die Politik bleiben, Mama, sie wird uns kaputt machen.« Doch ihre Mutter sagte: »Es ist mein Leben. Ich muss das machen, für die Ukraine.« Jahrelang hatte Jewgenija die Welt ihrer Mutter so weit wie möglich hinter sich lassen wollen. Sie hatte sich in einen tätowierten Rockmusiker verliebt, den Sohn eines Schusters aus Leeds, und als sie ihn heiratete, tauschte sie den Namen Timoschenko gegen Carr ein.

Noch vor einem Jahr eröffnete Jewgenija in Kiew einen Wellness-Salon. Jetzt ruft sie im italienischen Fernsehen zum EM-Boykott auf und bittet Barack Obama beim Lunch um Hilfe. Vor dem EU-Parlament hält sie eindringliche Reden über die Haftbedingungen in der Ukraine. Sie ist die wichtigste Waffe im Kampf ihrer Mutter um weltweite Aufmerksamkeit. Seit dem Urteil im Herbst fliegt sie rastlos um den Globus. Sie sitzt im ZDF-Morgenmagazin und beim Hard Talk der BBC. Sie weiß, es muss etwas passieren – jetzt. Vor der EM schaut die Welt noch auf die Ukraine, danach könnte es zu spät sein, danach könnte ihre Mutter wie der russische Oligarch Michail Chodorkowski enden, ein politischer Gefangener, mit dessen Einkerkerung sich die Welt abgefunden hat.

»Zwei Stunden war meine Mutter im Januar bewusstlos«, sagt Jewgenija leise, »trotz Videoüberwachung. Erst nach 20 Minuten sind sie gekommen und haben ihr Injektionen gegeben.« Sie könne den Gefängnisärzten nicht trauen: »Erst hieß es monatelang, meine Mutter sei völlig gesund, dann gaben sie plötzlich zu, dass das nicht wahr ist.« Mitte Februar hatten Karl Max Einhäupl und Norbert Haas, zwei Professoren der Berliner Charité, ihre Mutter untersucht. Sie attestierten ihr ein Schmerzsyndrom, dessentwegen sie sich kaum noch rühren kann. Aufgrund der langen »Unterbehandlung« sei mit einer »vollständigen Restitution der beschädigten Nerven« nicht mehr zu rechnen, schrieben die Ärzte in ihrem Gutachten. Die Patientin leide unter einer schmerzhaften Schleimbeutelentzündung am Hüftgelenk, einer »sekundär entstandenen Folge der Vernachlässigung«. Sie müsse dringend in ein Krankenhaus.

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