Freiwilliges Jahr : Wir sind Europa*

Manifest zur Neugründung der EU von unten.
Occupy-Demonstrantin in London © Ben Stansall/AFP/Getty Images

Ein Freiwilliges Jahr für alle – für Taxifahrer und Theologen, für Angestellte, Arbeiter und Arbeitslose, für Musiker und Manager, für Lehrer und Lehrlinge, Künstler und Köche, Richter und Rentner, für Frauen und Männer – als eine Antwort auf die Euro-Krise!

Die Jugend Europas, besser ausgebildet denn je, erfährt mit den drohenden Staatsbankrotten und dem Niedergang der Arbeitsmärkte ihr »europäisches Schicksal«. Jeder vierte Europäer unter 25 Jahren ist arbeitslos. Dort, wo das jugendliche Prekariat seine Zeltlager errichtet hat und seine Stimme öffentlich erhebt, geht es um die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Ob in Spanien, Portugal, in den Ländern Nordafrikas oder in den amerikanischen Großstädten oder in Moskau – diese Forderung wird überall machtvoll vorgebracht. Es wächst die Wut über eine Politik, die mit riesigen Summen Banken rettet, aber die Zukunft der Jugend verspielt. Doch welche Hoffnung bleibt dann für ein Europa, das immer älter wird?

Der US-Präsident John F. Kennedy versetzte einst die Welt in Erstaunen mit seiner Idee, ein Peace Corps ins Leben zu rufen. »Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt.«

Wir, die Erstunterzeichnenden, möchten der europäischen Bürgergesellschaft eine Stimme geben. Wir fordern deshalb die Europäische Kommission und die nationalen Regierungen, das Europäische Parlament und die nationalen Parlamente dazu auf, ein Europa der tätigen Bürger zu schaffen und sowohl die finanziellen wie auch rechtlichen Voraussetzungen für ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle bereitzustellen – als Gegenmodell zum Europa von oben, dem bisher vorherrschenden Europa der Eliten und Technokraten. Europa droht zu scheitern an der unausgesprochenen Maxime der Europapolitik, das Glück des europäischen Bürgers notfalls auch gegen seinen Willen zu schmieden.

Es geht darum, die nationalen Demokratien europäisch zu demokratisieren und auf diese Weise Europa neu zu begründen. Nach dem Motto: Frage nicht, was Europa für dich tun kann, frage vielmehr, was du für Europa tun kannst – Doing Europe!

Kein Vordenker – von Jean-Jacques Rousseau bis Jürgen Habermas – wollte eine Demokratie, die sich in periodischen Abstimmungen erschöpft. Die Schuldenkrise, die gegenwärtig Europa spaltet, ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern eine politische. Um sie zu lösen, bedürfen wir der europäischen Bürgergesellschaft und der Vision der jüngeren Generationen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Europa dabei zum Feindbild wird, dass eine »Wutbewegung« der Bürger gegen ein Europa ohne Europäer entsteht. Europa kann nicht ohne engagierte Europäer funktionieren, und Europäer können ihre Sache nicht tun, ohne die Luft der Freiheit zu atmen.

Die nationale, ethnische und religiöse Grenzen übergreifende Praxis, die das Freiwillige Europäische Jahr stiftet, dient nicht als Feigenblatt für politische Versäumnisse. Sie soll vielmehr schöpferische Räume eröffnen. Das Europäische Freiwilligenjahr für alle ist also ein Selbstbegründungsakt der europäischen Bürgergesellschaft und nicht ein Almosen an die arbeitslosen Jugendlichen, ein Selbstgründungsakt, mit dem sich Europa eine neue tätige Verfassung von unten gibt und damit seine politische Kreativität und Legitimität begründet. Politische Freiheit schließt Furchtlosigkeit ein, welche nur dort wächst, wo die Menschen ein Dach über dem Kopf haben und heute wissen, wovon sie morgen und im Alter leben. Daher bedarf das Europajahr einer soliden Grundfinanzierung. Wir rufen die europäische Wirtschaft auf, dazu ihren Beitrag zu leisten!

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Kommentare

57 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Weshalb nicht verpflichtend?

Eine im Ansatz sehr gute Idee!
Allein, sollte es nicht sogar verpflichtend sein?
Ja, Verfassungsgründe sprechen in einigen Ländern dagegen, aber was wurde nicht schon für den "europäischen Geist" an anderen Stellen an Verfassungen geändert!
Dadurch würden auch Probleme der Pflege etc. aufgrund der Demographie abgefedert (Biedenkopf-Vorschlag) und die EU-Eliten und Bürokraten wären ebenso gezwungen, einmal bspw. soziale Tätigkeiten aktiv "kennen zu lernen".

Och, das ist doch nett!

Sowas machen jüngere Leute doch gern - und vielleicht eine Möglichkeit auch für Nichtakademiker, ein Auslandsstudien-Erasmus-Jahr zu haben. Das gibt Fremdsprachenkenntnisse, die Kenntnis der europäischen Alkoholvielfalt, vielleicht einige langandauernde Freundschaften und ein paar Europa-Babys.

Aber *helfen* wird es außer denen, die mitmachen, kaum jemandem. Dem Klimawandel oder der Eurokrise nützt so etwas gar nichts. Im Gegenteil, das erste, was man braucht, ist jemand, der es finanziert! Vielleicht eine zentrale Behörde in Brüssel?

Der Vorschlag ist einfach sooo naiv. Das einzig Gute, das man sagen kann: er drückt ein Unbehagen mit der jetzigen obrigkeitlichen, undemokratischen Verfassung Europas aus. Er löst das Problem aber nicht.

Es würde der europäischen Idee schon sehr nützen,

wenn sich die EU-Enthusiasten weniger leichtfertig über Sinn und Buchstaben der nationalen Verfassungen hinwegsetzten.

Das weckt nämlich zu Recht Mißtrauen:
jedesmal, wenn man ein zu ambitioniertes Projekt in den Sand gesetzt hat (EURO), sucht man sein Heil in der Flucht nach vorn und startet ein noch größeres Projekt (das dann wieder in den Sand gesetzt wird) - und "tant pis" für die demokratischen verfassungen (soviel französisch muß unter "Europäern" schon sein!)

Es sind aber immer dieselben Politiker, welche der Komplexität dieser Probleme offenbar schlecht gewachsen sind.

Wo bleibt übrigens der "Sanierungsplan" (nicht "Rettungsplan" - das überlassen wir der Heilsarmee) für Griechenland - damit man endlich weiss, wofür das Geld ausgegeben und garantiert werden soll?

I am your fan!

Recht haben Sie!.Es ist mir ausserdem aufgefallen,dass die Erstunterzeichner des Projektes "Grosskolchose EU" entweder etablierte,ältere Künstler oder hohe Beamten sind.Lauter Menschen also,die aus dem kuscheligen Ledersessel mit Feuerkamin im Hintergrund von anderen Opfer verlangen können.Da bin ich gespannt ob sich genug Jugendliche sich als Arbeitsvieh für Gotteslohn gewinnen lassen um dort einzuspringen wo der Staat aufgrund klammer Kassen nicht weiterkommt.

Die Idee Bürger dort einzusetzen wo der Staat aufgrund von zerütteten Finanzen nicht kann,wurde schon unter Cameron in Grossbritanien ausprobiert und war ein Misserfolg.Der Grund:Viele merkten,dass der Staat fast unbegrenzte Mittel zur verfügung stellte um Banken zu retten,aber keine Kohle hatte um Bibliotheken zu unterhalten.

Dafür hatte Cameron sein Projekt "great society" nach J.F.Kennedy genannt,ja,genau...der selbe Kennedy,der Amerika wirklich ändern wollte und endete wie wir es wissen.

Zwangsintegration Europas durch den Euro

Die "Intellektuellen" sollten mal klar sagen, dass der Euro ein riesiger Fehler war. Der Euro kann nur durch eine Transferunion erhalten bleiben. Jede Umfrage zeigt, dass eine Transferunion nicht im Ansatz demokratisch legimitiert ist. In einer Demokratie kann nicht dauerhaft gegen das Volk regiert werden. Ein weiteres wichtiges Argument gegen eine Transferunion ist, dass Steuern eine gewisse Legitimation brauchen. Fehlende Legitimation für Steuern bedeuten das Ende der bürgerlichen Gesellschaft, denn für den Erhalt des Sozialstaates ist nicht Primär die Höhe der Steuern und Abgaben entscheidend, sondern die Bereitschaft der Bürger ihren Beitrag zu leisten.

Sie sehen die Richtigen Probleme...

.. ziehen aber die falschen Schlüsse daraus. Ja, die Transferunion ist die einzige Möglichkeit den Euro noch zu retten und ja, es ist ein finanzielles Fiasko. Aber die Einführung des Euros war kein Fehler. Sie war richtig. Wo wäre Deutschland und Europa heute ohne den Euro? Die DM wäre genau wie viele andere kleine Währungen ein Spekulationsobjekt geworden und würde den für Deutschland so wichtigen Export extrem belasten. Auch außenpolitisch hat der Euro, Europa insgesamt gestärkt. Wir müssen uns über kurz oder lang von unserer eingeschränkten deutschen Sicht verabschieden und einsehen dass nur Europa internationales Gewicht hat.
Das Problem ist nicht die Einführung des Euros, sondern das schnelle Wachstum der Eurozone. In Zeiten des Wachstums hat man allzu gerne davon geträumt die EU zu erweitern. Das ausgerechnet Diejenigen, die heute auf unsere Hilfe angewiesen sind damals nur durch gefälschte Bilanzen überhaupt zur EU beitreten konnten ist kein Wunder. Die EU ist zu schnell angewachsen und wurde im Kern zu wenig reformiert. So ist das Europaparlament in allen wichtigen Punkten durch die Bedingung der Einstimmigkeit in Beschlüssen handlungs- und reformunfähig.
Es gibt also meiner Meinung nach keinen Zweifel an der Richtigkeit der Euro Einführung. Die Ursachen für die Probleme die wir momentan haben sind leider viel komplizierter. Obwohl die Transferunion ein Moloch ist war nicht die Einführung des Euros der Fehler.

zu No 6 Ookehh,

ich lerne. Nach Durchsicht der Kommentare hier haben wir genau das richtige Europa. Lassen wir´s wie´s ist. Damit der tatenlosen Depri das Futter nicht ausgeht. Klar, dieser Aufruf wird die EU evtl. nicht retten. Aber er ist wichtig und richtig, angesichts der auch hier vielbeklagten Mängel des Konstruktes EU. Nur, wer wird das sein, der diese zu beheben sich anschickt? Schneewittchen? Die sieben Zwerge?
... bin dann mal weg. Habe zu tun.