Was für ein Paukenschlag, plötzlich und unerwartet: das »Manifest zur Neugründung Europas von unten« ist eine Überraschung, zumal angesichts der an folgenlosen Unterschriftenlisten von Intellektuellen nun wahrlich nicht armen Geschichte des Kontinents. Berühmte Unterstützer haben die Initiatoren, der Soziologe Ulrich Beck und der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit , für ihr Projekt eines »Freiwilligen Europäischen Jahrs für alle« gewonnen – quer durch die Nationen und politischen Lager, von Elder Statesmen wie Jacques Delors , Joschka Fischer , Javier Solana , Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt bis hin zu Künstlern und Gelehrten wie Jürgen Habermas , Patrice Chéreau, Olafur Eliasson, Herta Müller , Péter Esterházy , Robert Wilson und Wim Wenders.

Wie kam es zu dieser erstaunlichen Koalition? »Alle warteten darauf«, sagt Cohn-Bendit, »es gibt ein riesiges Bedürfnis, sich zu bekennen.« Er und der befreundete Soziologe Ulrich Beck hatten im vergangenen Dezember das Manifest beschlossen; die Kulturstiftung der Allianz AG unterstützte organisatorisch. »In der Krise sind die Pro-Europäer bislang ständig in der Defensive«, meint Cohn-Bendit. »Wie im Halbfinale der Champions League spielen alle Chelsea, nicht Barcelona : immer nur verteidigen.« Stattdessen will man endlich offensiv werden: »Gegen ein Europa ohne Europäer!« Für Beck, der viel über die -aktive Bürgergesellschaft geforscht hat und von dem die Idee zum Freiwilligenjahr stammt, geht es um das bislang unvollen-dete Projekt Europa: »Kulinarischer Kosmopolitismus mit Champagner- und Olivenölkenntnissen darf nicht die ganze europäische Botschaft sein.« Das freiwillige Jahr im europäischen Ausland böte transnationale Blickwechsel für alle Altersschichten, nicht wie bisher meist nur für Studenten – eine »tätige Verfassung von unten«.

Der Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit © Rolf Vennenbernd dpa/lhe

Aber ist es nicht ein Projekt für ohnehin mobile Eliten? »Es funktioniert nur, wenn die Unternehmen mitmachen und ihre Mitarbeiter für dieses Jahr woanders arbeiten lassen«, erklärt Cohn-Bendit; Beck erinnert an den oft ignorierten Mobilitätswillen der Armen, wenn sie in einem Freiwilligenjahr bezahlt würden. Unternehmen sollen für das Programm in einen gemeinsamen Topf mit EU-Mitteln und nationalen Beiträgen zahlen. Gerechnet hat man zwar noch nicht, doch Beck ist zuversichtlich: »Wenn dann nur drei oder fünf Prozent von dem Geld zur Verfügung stehen, was gegen die Finanzkrise mobilisiert wurde, dann würde das einen enormen Schub bewirken.«

Der Soziologe Urlrich Beck © Michael Schörning dpa

Erinnert all das nicht an jene fragwürdigen Arbeitsdienste, mit denen in den dreißiger Jahren in Amerika und Deutschland die Folgen der Weltwirtschaftskrise bekämpft wurden? »Zwang«, sagt Ulrich Beck, »wäre ein Desaster und verkennt zudem die Lage. Für die arbeitslose Jugend wäre das freiwillige Programm schon eine Riesenchance.« Gewiss: Den Generalschlüssel zur Problemlösung haben Beck und Cohn-Bendit nicht hervorgezaubert; mancher »Experte« dürfte angesichts der Rettungsmilliarden-Nöte das Manifest bespötteln. Dennoch: Endlich einmal ist der Bürger auf der Agenda aufgetaucht, nicht als Objekt der Mächtigen, sondern als aktives Subjekt.

Dass »Europa unter den Intellektuellen keine Leidenschaft hervorgebracht hat, keine sprühende Fantasie, nur ein apartes Phlegma auf mittlerem Niveau« (ZEIT Nr. 46/11) – genau dagegen bäumt sich dieses Manifest , das in mehreren europäischen Tageszeitungen erscheinen wird, mit einer überraschend irdischen Idee auf. Auch wenn der FC Chelsea immerhin das Halbfinale gewonnen hat, sollte Europa auf seine Intellektuellen hören: Da bewegt sich etwas.