Noch haben die Franzosen gar nicht entschieden, wer sie künftig regiert. Dafür weiß SPD-Chef Sigmar Gabriel bereits, wer die Wahl am kommenden Sonntag verloren hat: Angela Merkel . Die deutsche Kanzlerin sei mit ihrer bisherigen Krisenpolitik in Europa "krachend gescheitert", erklärte Gabriel mit dem Blick auf die französische Präsidentschaftswahl . Nun bereite sie "den nächsten 180-Grad-Schwenk in der Euro-Politik vor".

Alle Umfragen deuten darauf hin, dass der künftige Präsident Frankreichs François Hollande heißen wird . Merkel hingegen hat ausdrücklich dessen Kontrahenten Nicolas Sarkozy unterstützt . Insofern hätte Gabriel recht: Eine Niederlage Sarkozys wäre auch eine Absage an Merkel.

Schwieriger ist allerdings die Frage zu beantworten, was genau das für Europa bedeuten würde. Endet mit Merkozy auch die bisherige Krisenpolitik? Oder ändern sich lediglich die Worte?

François Hollande hat im Wahlkampf große Erwartungen geweckt . Er hat den Franzosen nicht nur die Erlösung von dem weithin unbeliebten Sarkozy versprochen, sondern auch eine grundlegende Veränderung der europäischen Politik. "Ihr, das Volk Frankreichs , werdet Europa sagen, welchen Weg es gehen soll!", rief er am vergangenen Sonntag auf einer Wahlversammlung seinen Anhängern zu. Das ist Balsam auf die Wunden einer Nation, die es nicht verwindet, dass andere sie mittlerweile als zweitrangig sehen. Und es ist eine Botschaft, die weit über Frankreich hinaus gern gehört wird. Viele Spanier, Griechen oder Portugiesen hoffen, dass Hollande der Mann sein wird, der Merkels "Spardiktat" beendet.

Das wichtigste Symbol für einen Kurswechsel war lange Zeit der Fiskalpakt , das Kernstück der Merkelschen Krisenpolitik. Ihn versprach Hollande neu zu verhandeln. Doch wer auf eine grundsätzliche Änderung gehofft hatte, wird enttäuscht werden. "Weder die SPD noch Hollande wollen den Fiskalpakt und die Schuldenbremse verhindern ", erklärte SPD-Chef Gabriel am Wochenende. Auch der Franzose hat längst eingesehen, dass er seine ursprüngliche Forderung nicht wird durchsetzen können. Statt den fertigen Vertrag neu zu verhandeln, wollen Sozialdemokraten und Sozialisten ihn nun um einen "Wachstumspakt" ergänzen.

Viel Druck im Kessel

Merkel wäre nicht Merkel, wenn sie nicht erkennen würde, dass sich die Kräfteverhältnisse in Europa verschieben. In Frankreich steht die Linke vor der Rückkehr an die Macht; in den Niederlanden wird im September neu gewählt ; in Rumänien ist gerade eine konservative Regierung gescheitert ; in der Slowakei regieren die Sozialdemokraten seit Neuestem mit Zweidrittelmehrheit . Und in Deutschland braucht die Regierung die Stimmen der SPD, um den Fiskalpakt im Bundestag mit Zweidrittelmehrheit zu ratifizieren. Es ist also ziemlich viel Druck im Kessel, weshalb Merkel vorsorglich schon einmal angedeutet hat, dass sie sich eine Ergänzung der Schuldenregeln durchaus vorstellen könne. Ein Kurswechsel? Kaum hatte sie das Wort "Wachstum" in den Mund genommen , jubelte der Kandidat Hollande: "Alles spricht nun vom Wachstum", und darauf sei er "stolz".

Gewiss, in der Politik zählt auch die Sprache, insofern hat der Präsident in spe einen symbolischen Erfolg errungen. Ein "180-Grad-Schwenk", wie Gabriel behauptet, wird daraus allerdings nicht. Wachstum wollen alle, strittig ist allein, wie man es erreicht. Und wenig deutet darauf hin, dass Merkel sich von ihrem grundsätzlichen Kurs verabschieden wird. Aus ihrer Sicht sind stabile Haushalte und Strukturreformen die wichtigste Voraussetzung für künftiges Wachstum; eine Lockerung der Defizitziele oder gar neue kreditfinanzierte Konjunkturprogramme kommen für die Kanzlerin hingegen nicht infrage.