MietmarktAm Ende der Weserstraße

Findet man in Berlins Innenstadt keine Dreizimmerwohnung mehr für 900 Euro warm? Ein Selbstversuch von Johannes Gernert

An dem Morgen, an dem ich beschließe, die Sache mit der Wohnung noch einmal in Angriff zu nehmen, steht auf der Titelseite meiner Zeitung, dass Mieter in Berlin immer mehr bezahlen müssen. Am Abend stehe ich im Dämmerlicht vor einem grauen Plattenbau und warte.

Vier Zimmer, mehr als 100 Quadratmeter, zweiter Stock, mit Balkon, im sehr beliebten Viertel Prenzlauer Berg. Für 890 Euro. Warm. Der Mann vom Wohnungsunternehmen Gewobag klang freundlich. Besichtigung 18 Uhr. Vielleicht gibt es ja doch noch eine Möglichkeit, im Prenzlauer Berg zu wohnen. Vielleicht übertreiben die Leute, die erzählen, dass ohne Makler nichts mehr geht in diesem Bezirk.

Anzeige

Ich suche mit meiner Freundin schon seit einem halben Jahr, über Immobilienseiten im Netz: zweieinhalb bis vier Zimmer, nicht mehr als 900 Euro warm. Längst bestehen wir nicht mehr auf dem Altbau mit abgezogenen Dielen. Wir bestehen auf kaum noch etwas. Aber wir finden nichts. Bekommt man im Zentrum von Berlin für weniger als 900 Euro warm keine Dreizimmerwohnung mehr? Ich möchte es jetzt systematisch versuchen, mit Excel-Tabelle und Anruflisten.

Mietbelastung

Um zu vergleichen, wie teuer Mietwohnungen für die Bewohner einer Stadt sind, wird von Kommunen eine Mietbelastungsquote errechnet. Sie gibt das Verhältnis zwischen Nettokaltmiete und Haushaltsnettoeinkommen an. In Berlin lag sie zuletzt bei 18,1 Prozent, in Hamburg bei 22,1 Prozent, in München bei 26,7 Prozent. Der Unterschied schmilzt allerdings. In absoluten Zahlen bleibt Berlinern nach Abzug ihrer Wohnkosten am wenigsten

Der Plattenbau der Gewobag liegt zwischen anderen Plattenbauten, alle grau wie ein Regenhimmel. In der Abenddämmerung warten Paare, manche in Jogginghosen, mit kleinen Kindern. Der Gewobag-Mann ist überrascht, dass so viele da sind, zwanzig Leute vielleicht. Das Licht in der Wohnung geht nicht, vielleicht besser so. Tapeten hängen von den Wänden, Schutt liegt auf dem Boden. Die Umrisse sind düster. Das bekommt man derzeit also im Prenzlauer Berg für 890 Euro warm? Eine geräumige Schuttbude in depressionsfördernder Umgebung?

Als ich wieder zu Hause bin, stelle ich fest, dass ein Makler, für dessen Newsletter ich mich eingetragen habe, mich im Jobnetzwerk Xing als Kontakt hinzufügen möchte. Prüft er so seine potenziellen Mieter – wie ein Arbeitgeber den Jobbewerber?

Die Macht auf dem Mietmarkt hat sich verschoben in dieser Stadt. Die Mieten steigen spätestens seit 2007 wie der Kurs der Apple-Aktie. Am stärksten ist der Preisanstieg in Bezirken wie Kreuzberg oder Neukölln. Der Maklerverband IVD stellt fest: Wenn man heute in Berlin eine neue Wohnung mietet, zahlt man im Schnitt 20 Prozent mehr als die Leute, die bereits in einer wohnen.

Um meine aktuelle Wohnung zu mieten, brauchte ich 2005 nur eine Bescheinigung über meine Mietschuldenfreiheit. Heute müssen wir außerdem vorzeigen: Einkommensnachweis, Auskunft der Schufa, manchmal Steuerabrechnungen. Man fühlt sich als Wohnungsbewerber fast wie ein Dschihadist nach der Rückkunft aus dem Terrorlager. Die Schufa-Liste umfasst: Kredit- oder Leasingvertrag mit Betrag und Laufzeit, Eröffnung eines Girokontos, Ausgabe einer Kreditkarte, Einrichtung eines Telekommunikationskontos. Dazu aktuelle und ehemalige Wohnsitze. Geht es für Vermieter darum, pünktlich die Miete zu erhalten oder die Bildung einer Terrorzelle zu verhindern?

Sie würde uns gern zu Hause besuchen, sagt eine Maklerin, bevor sie an uns vermietet. Hm, wir schweigen betreten. »Auf gar keinen Fall«, sagt meine Freundin – als wir draußen sind.

Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ist verantwortlich dafür, dass Makler all das verlangen können. Es gibt 1,6 Millionen Mietwohnungen in Berlin. Jedes Jahr ziehen mehr Menschen in die Hauptstadt, 2010 sind 16.000 hinzugekommen. Aber nur 5.470 neue Wohnungen wurden im selben Jahr gebaut. Etliche Wohnungen sind als Ferienapartments dem Mietmarkt entzogen. Seit der deutschlandfarbenfrohen Fußball-WM 2006 kaufen Investoren besonders gern Häuser in Berlin.

Leserkommentare
  1. ... hat mehr als 4 Bezirke! Berlin hat auch einen - trotz S-Bahn-Pannen - hervorragenden ÖPNV! Es gibt keinen plausiblen Grund, seine Wohnungssuche auf zwei Bezirke zu beschränken (und als einzig machbare zwei Underdog-Bezirke zu nehmen).

    6 Monate sind eigentlich Zeit genug, ausreichend Berlinkenntnis aufzubauen. Vielleicht einfach mal aufs Fahrrad setzen, die Temperaturen erlauben es ja, und radelnd den Wohnungshorizont erweitern. Dann klappts sogar mit 3 Zi Altbau für unter 900 warm, mit Parkett und Balkon!

  2. Wohnung als Luxusgut - Plattenbauten kommen wieder

    http://goo.gl/1h3eR

  3. Jede zweite Immobilie die ihren Eigentümer in Berlin, München oder Hamburg wechselt, wird von ausländischen Anlegern gekauft,denn internationale Investoren und Fonds haben Wohn-u.Geschäftshäuser als inflationssicheren Hafen für ihre Geldanlagen entdeckt.Die Folge sind rasant steigende Preise und in absehbarer Zeit eben auch höhere Mieten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer heute immer noch nicht den Zusammenhang zwischen Immobilienblase, Inflation, steigenden Lohnforderungen und damit abnehmender Wettbewerbsfähigkeit erkannt hat, glaubt wahrscheinlich auch, dass die Spanier heute so schlecht dastehen, weil sie früher so viel geprasst haben (ihre Schuldenquote ist heute noch besser als die Deutschlands).

    Es gäbe nichts leichteres, als durch gezielte Besteuerng der Gewinne Immobilienblasen zu verhindern - bauen Sie mal das Jugendstilensemble im Prenzlauer Berg ab und auf den Cayman Islands wieder auf... Die Abschöpfung der Produktivitätssteigerung durch internationale Investoren und deren steigende Renditeerwartungen werden schon auch noch Deutschlands Volkswirtschaft an die Wand drücken, sollten die Politiker dies hier nicht zu verhindern wissen.

    Allein: Es geschieht da nichts.

  4. Hab gerade mal Immoscout befragt. In ganz Berlin sind z.Z. 7157 Wohnungen mit bis zu 4 Zimmern und bis 800€ kalt zu haben. Im Stadtteil Mitte 138.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    der deutschen (Online-) Presse lassen sich inzwischen unter der Rubrik Meinung einstellen.
    Zumeist schlecht recherchiert, schreibt offensichtlich jeder Redakteur mal so, mal so. Scheinbar ist da nur noch die momentane Aufmerksamkeit gefragt.
    Bei der derzeitigen Situation in Europa und der Welt, ist es kein Wunder, das selbst in Berlin die Nachfrage nach interessanten Anlageobjekten steigen kann.
    Angesichts der Unwägbarkeiten des kaputten Finanzsystems sucht das viele Geld halt noch schnell was vermutet werthaltiges.

    Da gehört auch Wedding dazu und da will man in einigen Ecken bestimmt nicht wohnen!

    Nur weil in dem Portal so viele Treffer sind, heißt das nicht das das Angebot da ist. Am ende ist da sicher schon die hälfte vermietet, viele andere doch teuerer, manche erst in einem halben jahr frei und so weiter.

    Daher ist so ein selbstversuch schon wichtig. Nur treffer ist höchstens ein hinweis.

    dass Sie offenbar der Meinung sind, man kommt mit 100 Euro Nebenkosten bei einer Wohnung dieser Größe aus.

    Damit offenbaren Sie genauso wenig Ahnung vom Wohnungsmarkt, wie der Artikelschreiber.

    Richtig ist nur, wie ich bereits kommentiert habe, dass es ausreichend 3-Zimmerwohnungen gibt unter 900 Euro WARM, darunter sehr attraktive mit Balkon, Terrasse, Parkett, hohen Räumen, Stuck etc.

  5. der deutschen (Online-) Presse lassen sich inzwischen unter der Rubrik Meinung einstellen.
    Zumeist schlecht recherchiert, schreibt offensichtlich jeder Redakteur mal so, mal so. Scheinbar ist da nur noch die momentane Aufmerksamkeit gefragt.
    Bei der derzeitigen Situation in Europa und der Welt, ist es kein Wunder, das selbst in Berlin die Nachfrage nach interessanten Anlageobjekten steigen kann.
    Angesichts der Unwägbarkeiten des kaputten Finanzsystems sucht das viele Geld halt noch schnell was vermutet werthaltiges.

    Antwort auf "Komisch"
  6. Da gehört auch Wedding dazu und da will man in einigen Ecken bestimmt nicht wohnen!

    Antwort auf "Komisch"
  7. ...da will man in den Szenebezirken für lau wohnen und findet im Test heraus, dass die eigenen Vorstellungen um 180° von der Realität abweichen. Hohenschönhausen, Marzahn, Hellersdorf - da gibt es auch guten und bezahlbaren Wohnraum. Gut angeschlossen via ÖPNV sind alle Stadtteile allemal. Aber es ist natürlich hipper, in den Szenebezirken zu wohnen. Muss Papa aus dem Ländle eben den monatlichen Unterhalt auf 1.500€ erhöhen - dann klappts auch mit der Wohnung am Kollwitzplatz ;-) ...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Miete | Wohnen | Berlin | Immobilien
Service