Wolfgang KubickiDer Scharfschütze

Wer Wolfgang Kubickis politischen Kampf verstehen will, muss sich mit ihm eine Nacht vor seinen Fernseher setzen. Bei Kriegsfilmen entspannt er sich von 

Als Wolfgang Kubicki beschließt, die Welt zu befreien, ist er schon sehr müde. Er hat jetzt nicht mehr die Kraft, einen seiner Parteikollegen zu beleidigen oder einen politischen Gegner zu verspotten. Seine Augen haben sich zu Sehschlitzen verengt. Kubicki steht an der Bar eines kleinen Hotels in Strande, einem Dorf an der Ostseeküste in der Nähe von Kiel , wo er seit vielen Jahren lebt. Er bestellt ein Glas Weißwein, und draußen versinkt das Meer in der hereinbrechenden Nacht. Bald, am 6. Mai, wird gewählt in Schleswig-Holstein , der Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki ist der Spitzenkandidat der FDP , und er sagt, dass der Auftrag eines Kriegshelden darin bestehe, das Schlimmste zu verhindern. Aus einer verschwindend kleinen Partei darf nicht eine kleine verschwindende Partei werden, das ist der Auftrag. »Okay«, sagt Kubicki und leert sein Glas in einem Schluck, »also los.«

Er könnte mühelos nach Hause laufen, er müsste bloß das kurze Stück Uferpromenade hinter sich lassen, aber er geht zum Parkplatz des Hotels, steigt in seine schwere BMW-Limousine, startet den Motor und sagt: »Heute bin ich echt fertig.« Heute, sagt er, sei ihm nach Band of Brothers zumute, Wir waren wie Brüder aus dem Jahr 2001, zehn Folgen, 724 Minuten. »Je nachdem, wie ich mich fühle, suche ich die Filme aus. Heute geht bei mir nur noch eines: Identifikation mit einem Helden.«

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Politiker haben unterschiedliche Methoden, sich zu entspannen. Horst Seehofer , der CSU-Chef, spielt mit seiner Modelleisenbahn. Peter Ramsauer , der Bundesminister für Verkehr, geht angeln. Wolfgang Kubicki schaut sich Kriegsfilme an. »Ich gucke mir die nicht an«, sagt er und manövriert sein Auto aus der Parklücke, »ich spiele da mit.« Am Ende, sagt er, werde er schweißnass vor dem Fernseher sitzen.

Kubicki parkt den Wagen vor einem weiß getünchten Eckhaus, steigt aus, öffnet die Gartenpforte, dann die Tür seines Hauses und ruft hinein: »Vaddi, wo steckst du?« Es brennt Licht, irgendwo muss Vaddi sein. Vaddi gehört zu den drei Menschen, die Kubicki seine besten Freunde nennt. Vaddi ist nur ein Spitzname, eigentlich heißt er Hans-Jürgen Nehm und führt einen Weinladen im Kieler Hafen. Als Kubicki ins Wohnzimmer kommt, hat Vaddi gerade eine Flasche Roten entkorkt. Vaddi ist auch Schatzmeister der FDP im Ort, 1.500 Einwohner, 34 FDP-Mitglieder. Eine gigantische Quote. Vaddi ist Wolfgang Kubickis Bastion.

Kubicki eilt ins Schlafzimmer, und als er zurückkehrt, trägt er keinen Anzug mehr und keine Krawatte, sondern ein rotes Polohemd und eine bequeme Hose. In Socken sitzt er in seinem Fernsehsessel, die Nacht des Krieges könnte jetzt beginnen, aber Kubicki flucht leise vor sich hin. »War das Annette?«, fragt er gereizt, »hat Annette den Fernseher verstellt?« Annette ist Kubickis Frau, eine Rechtsanwältin, die ein paar Tage verreist ist und ihn mit dem Fernseher allein gelassen hat. Annette mag die Filme nicht, für die sich ihr Mann begeistert. Legt er einen dieser Streifen ein, verschwindet sie nach wenigen Minuten in der oberen Etage und schaut sich was anderes an. An Fernsehern mangelt es nicht in diesem Haus. Manchmal bringt Annette ihm noch eine Tafel Vollmilchschokolade mit Nüssen, dazu ein Glas Milch. Wenn dann die Filmmusik erklingt und die Schokolade in Kubickis Mund langsam schmilzt, fühlt er sich wie neu geboren.

Kubicki wühlt in der obersten Schublade einer Kommode, in der seine Schätze liegen. Die Brücke am Kwai . Sniper – Der Scharfschütze . Men of Honor . Tora! Tora! Tora! Klassiker wie Der Soldat James Ryan hat er, ganze Sammlungen wie »Kriegsfilme XXL«. Seit der Party im März dieses Jahres, als er mit 280 Gästen seinen 60. Geburtstag feierte, sind wieder ein paar Filme hinzugekommen, in dieser Hinsicht kann er sich auf die FDP verlassen.

»Ich werde noch wahnsinnig«, zischt Kubicki, als im Fernseher die Aufzeichnung eines Basketballspiels erscheint, danach eine Folge von Gute Zeiten, schlechte Zeiten . Es ist doch alles vorhanden, was er zum Glück braucht. Da hängt ein großer Flachbildschirm, da stehen zwei DVD-Player, da liegen vier Fernbedienungen, da lagern 80 verschiedene Kriegsfilme, aber es ist wie in seiner Partei: Kubicki glaubt, er habe alles richtig gemacht, doch der Apparat wehrt sich.

Leserkommentare
    • Shura
    • 03. Mai 2012 9:19 Uhr

    Ja, wie schon im Bericht erwähnt, am Sonntag ist in Schleswig Holstein Landtagswahl. Schön das die Zeit ein wenig (unbezahlte) Wahlwerbung für Herrn Kubicki & die FDP macht...
    Ich finde sowas geschmacklos!

    2 Leserempfehlungen
  1. persönlich hege ich sogar sympathien für herrn lindner und herrn kubicki (wählen sie doch was sie wollen).
    nur: der fdp glaube ich nix mehr. steuersenkung in zeiten der schulden, wachstumsmantra, staat abschaffen etc...
    hinter beiden steht dieser neoliberale verein. die fdp ist nicht kubicki...
    übrigens: the pacific ist auch eine spannende miniserie von hbo.

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    Liebe bellafigura, die Liberalen in Schleswig-Holstein lehnen für die nächste Zeit Steuersenkungen ab, da die Haushaltskonsolidierung und Investition in Bildung Vorrang haben. Weiter ist Wachstum natürlich nicht grundsätzlich gut und kein Ziel an sich, schafft doch aber Mehreinnahmen, die weitere Investitionen oder später auch Entlastungen möglich machen. Insofern ist wachstumsfördernde Politik durchaus vernünftig, ganz gleich, wie einem die Wachstums-Kampagne der FDP auch zusprechen. Dass die FDP nun ferner den Staat abschaffen will, ist mir völlig neu. - Die FDP ist sicher mehr als Kubicki, aber als Spitzenkandidat verkörpert er die Position der FDP Schleswig-Holstein und ist letztendlich repräsentativ.

  2. Liebe bellafigura, die Liberalen in Schleswig-Holstein lehnen für die nächste Zeit Steuersenkungen ab, da die Haushaltskonsolidierung und Investition in Bildung Vorrang haben. Weiter ist Wachstum natürlich nicht grundsätzlich gut und kein Ziel an sich, schafft doch aber Mehreinnahmen, die weitere Investitionen oder später auch Entlastungen möglich machen. Insofern ist wachstumsfördernde Politik durchaus vernünftig, ganz gleich, wie einem die Wachstums-Kampagne der FDP auch zusprechen. Dass die FDP nun ferner den Staat abschaffen will, ist mir völlig neu. - Die FDP ist sicher mehr als Kubicki, aber als Spitzenkandidat verkörpert er die Position der FDP Schleswig-Holstein und ist letztendlich repräsentativ.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "trojanische pferde"
    • SarahA
    • 03. Mai 2012 11:48 Uhr

    Ein seltsamer aber doch interessanter Artikel über den spannendsten Mann der FDP.

    Respekt.

  3. "wir kamen, wir sahen, und wir traten ihn in den.....!"

    • Shura
    • 03. Mai 2012 16:44 Uhr

    pünktlich vor der NRW-Wahl:

    "Bambi" im Märchenland ein Portrait über
    Christian Lindner. ;)

    Eine Leserempfehlung
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    man sollte ihn nicht niederschreiben, das machen die Wähler am Sonntag schon - villeicht mit der gleichen punktgenauen Prognose wie im Saarland - Monate wurden die reingeschrieben und lagen dann bei 1,5 %. Jetzt noch das selbe Resultat bei der SPD und meine Welt ist wieder in Ordnung!

  4. man sollte ihn nicht niederschreiben, das machen die Wähler am Sonntag schon - villeicht mit der gleichen punktgenauen Prognose wie im Saarland - Monate wurden die reingeschrieben und lagen dann bei 1,5 %. Jetzt noch das selbe Resultat bei der SPD und meine Welt ist wieder in Ordnung!

    Antwort auf "Und nächste Woche..."
  5. Nun bin ich aber neugierig geworden :-)

    Könnte recherchiert werden, wie sich z. B. Philipp Rösler oder Christian Lindner entspannen?

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