Das erste Bild zeigt einen Nacken, zentral und nah gefilmt. Man sieht die Wirbel am Haaransatz, die feinen Knochenlinien, die Kurvung vom Hals zu den Schultern. Man sieht die Empfindlichkeit und die Schönheit dieser Partie des menschlichen Körpers. Nur eines sieht man nicht: dessen Geschlecht. Es ist der Nacken eines vorpubertären Kindes mit blondem Kurzhaarschnitt, das die Ausformung in die erwachsene Gestalt noch vor sich hat.

Die Einstiegssequenz von Tomboy verrät viel über Céline Sciammas souveränen Umgang mit der Optik physischer Sinnlichkeit. Und sie verrät, was mindestens so wichtig ist, viel über die Intelligenz der französischen Nachwuchsregisseurin, Jahrgang 1978, im Umgang mit optischer Semantik. Der Blick auf den Kindernacken erzeugt ja, geradezu reflexhaft, eine Erwartung. Die Erwartung, dass sich im nächsten Moment eine Hand um den Hals legt, zärtlich oder gewaltsam, beides archaische Gesten.

Und tatsächlich: Das zweite Bild von Tomboy zeigt eine Hand in Großaufnahme – nur eben gegen die konventionelle Erwartung. Denn es ist nicht die Hand eines anderen, die nach dem Kind greift wie nach einem Objekt. Es ist die Hand des Kindes selbst, das in die Welt greift, und zwar dorthin, wo sie ohne Grenzen ist, in die Luft. Die zehnjährige Laure sitzt auf dem Beifahrersitz neben ihrem Vater, streckt den Arm aus dem geöffneten Autodach, lässt den Fahrtwind durch die Finger sausen, fühlt das Freiheitsglück des Unterwegsseins. Dieses Kind, das von hinten betrachtet ein Mädchen und genauso gut ein Junge sein könnte, ist auf alle Fälle ein Subjekt. Es bestimmt über seine Bewegungen und, wie sich im Lauf des Films zeigen wird, auch über den Ausdruck seiner Gestalt.


So leicht, so natürlich lässt sich das erzählen. So wenig, nicht mehr als zwei minimalistisch-elegante Bilder und ein paar dialogfreie Leinwandminuten benötigt Céline Sciamma, um ihre Geschichte über das Freiheitsgefühl geschlechtlichen Unterwegsseins zu entwerfen. Einen Sommer lang wird die schlaksige Laure so tun, sich so bewegen, so kleiden, so herumprügeln, als sei sie ein schmaler Knabe namens Michael. Laure ist jung genug, um äußerlich als dieser Michael durchzugehen, und alt genug, um sich mit voller Absicht in das Gender-Abenteuer zu stürzen; inklusive einiger praktischer Details wie der Auspolsterung der am entscheidenden Punkt verräterisch flachen Badehose mithilfe eines zur Wurst gerollten Stücks Knetmasse. Laure schaut sich im Spiegel von der Seite an – und hat Spaß an der Michael-Silhouette samt Schniedel.

Sie ist, darin liegen Zauber und Pointe dieses Films, kein gestörtes Problemkind, dessen Fall zwingend auf therapeutische Obhut zuliefe. Sie ist sogar, möchte man sagen, das Gegenteil eines Problemfalls. Voller Lust aufs Leben, auf Fußballspielen mit freiem Oberkörper, auf hemmungsloses Rennen, auf Spuckesammeln und Rausrotzen. Voller Neugier auf sich selbst und die Alternativen dieses Selbst. Laure will einfach wissen, wie es zugeht jenseits der Mädchengrenze, was passiert, wenn man sich eines Tages Michael nennt und als solcher mit einer Jungsclique in Wald und Wasser unterwegs ist. Laure quält sich nicht mit einer verkappten Identität. Sie gibt sich die Erlaubnis zum Experiment mit einer anderen Identität. Der Unterschied aber ist entscheidend, denn es ist der Unterschied zwischen Leiden und Ausleben. Genau deshalb liegt in der Freiheitsgeste des aus dem Autodach gestreckten Armes das Sinnbild von Tomboy und nebenbei eine Reminiszenz an Wim Wenders Alice in den Städten aus dem Jahr 1974. In diesem Film fährt die neunjährige Alice mit dem Journalisten Philip Winter, ihrem befristeten Ersatzvater, durch Deutschland, streckt vom Beifahrersitz aus den Arm aus dem Fenster und lässt den Fahrtwind durch die Finger sausen. Man muss schon, zumindest im deutschen Kino, ein paar Jahrzehnte zurückgehen, um einen Film zu finden, in dem das Coming-of-Age-Thema nicht als Magnet für katastrophale Familienverhältnisse, soziale Pressur und traurige Episoden wirkt. Unter den beschwingten Fliehkräften des Roadmovies bleibt das bedeutungsschwere Seelendrama auf der Strecke. Auch deshalb beginnt Tomboy mit einer rundum vergnügten Autofahrt. Laures Vater lässt die Tochter so einiges probieren, was andere Väter eher mit ihren Söhnen anstellen. Laure darf bei der Autofahrt das Lenkrad halten und in einer späteren Filmszene ein Schlückchen Bier aus seiner Flasche trinken. »Es wird Zeit, dass du pokern lernst«, sagt er dazu. Einen Bildschnitt weiter trägt er die Zehnjährige wie ein Baby auf dem Arm herum. Es verwischen sich in Laures Alter, das die Psychologie Latenzphase nennt, ja nicht nur die Geschlechtergrenzen, es vermengen sich auf wunderbare Weise auch die Etappen des Heranreifens. Pokernlernen und Daumenlutschen liegen nah beieinander.