ZEIT: Die Frau in Die schönen Tage von Aranjuez sagt, dass viele Frauen in Männern nur noch den Angreifer sehen. Schon in Ihrem Stück Das Spiel vom Fragen gibt es Zeichen von Verfeindung zwischen den Geschlechtern, da sagt ein Mann, er sehe keine offenen Frauengesichter mehr, nur noch feindselige. Jetzt, im neuen Stück, spricht die Frau selbst sehr scharf über ihre Genossinnen.

Bondy: Sie spricht von Puppengesichtern…

Handke: Das ist ja auch gewaltig, wenn man heute auf der Straße oder in der Metro eine Frau ist, die ganz frei um sich schaut ... das ist sehr selten, aber das gibt’s. Es ist wahrscheinlich dumm, wenn ich sage, dass es früher anders war, aber mir kommt es schon so vor, dass sich das verschärft hat, die Härte, die Leere der Blicke, die Verkapptheit der Menschen.

Bondy: Heute in der Sitzung saß eine Frau vom Kulturministerium am Tisch, sehr attraktiv, auf einer wichtigen Eliteschule erzogen, und die sah mich nie an. Früher, dachte ich, hätten wir uns mal angeschaut, aber jetzt: Sie redet, aber kein Blick mehr, kein Blick. Sie war so mit sich beschäftigt. Und bei dem Stück von Peter ist es ja so, dass die Frau die Kritik an den Frauen selber ausspricht, das ist ja der Unterschied, das macht alles anders. Sie fächert sich immer mehr auf. Selten hat ein Stück eine solche Introspektive einer Frau geboten. Ich mag die Ausschweifungen in deinem Stück, die Seitenbemerkungen, die PS. Wenn ein Gedanke zu gerade ist, ist er nichts für mich. Manchmal musst du Ausschweifungen machen, das ist auch für einen Schauspieler ganz gut.

Handke: Das ist ja auch die Natur des Schreibens. Wenn man schreibt, will man nicht direkt was sagen. Nach zwei, drei Sätzen weiß man, dass man es so nicht trifft. Irgendwie muss man einen Umweg machen. Ich weiß sofort, wenn ich loslege und alles beim Namen nenne, so wie Hochhuth alles beim Namen nennt, dann muss ich aufpassen. Wenn ich losleg, muss ich die Kurve kriegen woanders hin. Das weiß ich schon im Loslegen.

Bondy: Man muss aber gucken, dass man dorthin abschweift, wo man weiterkommt.

Handke: Man darf die Melodie nicht verlieren, die Stimme darf nicht brechen. Man kann nicht von vornherein abschweifen. Man muss erst eine Melodie haben.

ZEIT: Sie sagten, dass man in der Literatur nicht direkt sprechen kann. Günter Grass hat kürzlich direkt gesprochen: Er hat einen Leitartikel als Gedicht umbrochen und wollte das Indirekte durch die lyrische Form herstellen. Das Gedicht heißt Was gesagt werden muss.

Bondy: Ich habe das Gedicht gelesen und habe nicht einmal verstanden, dass das ein Gedicht ist, es ist einfach lächerlich. Es ist sowohl lächerlich von ihm als auch lächerlich, was daraus gemacht worden ist. Ich finde es so nichtssagend.

Handke: Aber warum Gedicht? Warum kann man das nicht als Aufschrei oder Artikel und Manifest machen? Warum musste er das als Gedicht machen?

ZEIT: Er wollte die höchste Form der Literatur wählen.

Handke: Und? Ist es ein Gedicht? Ich kenne es gar nicht.

Bondy: Ich will gar nicht darüber reden, denn es geht mir auf den Wecker. Es ist kein Gedicht, aber Grass hätte auch dann Reaktionen provoziert, wenn er das alles in einem Interview gesagt hätte. Die Proportion, die der Diskurs angenommen hat, ist dem Inhalt von Grass’ Text nicht angemessen. Das ging bis ins Parlament, es nahm Proportionen an, die fand ich anmaßend.

Handke: Ich weiß nur von Le Monde, weil ich keine deutschen Zeitungen gelesen habe, dass es eine Polemik gab. Grass hat gesagt, dass Israel das iranische Volk mit der Auslöschung bedroht?

ZEIT: Im Grunde, ja.

Bondy: Und das finde ich nicht in Ordnung. Das hat mich genervt, weil es nicht stimmt. Die Leute in Israel wollen nicht den Iran auslöschen…

Handke: Was war Grass noch für ein Dichter, als er in Princeton dieses Vorfrühlingsgedicht vorlas, das war damals auf der Tagung der Gruppe 47, dieses Gedicht endet ungefähr so: Puppe, zieh dich aus. Also, er spricht eine Frau an, alles knospt und regt sich, und dann: Jetzt zieh dich aus.

Bondy: Aber damit fiel er durch, oder?

Handke: Nein, alle waren wir begeistert von diesem Gedicht, wo es darum geht, es ist Frühling, und jetzt geht’s los. Das hat er auch toll vorgelesen.

ZEIT: War das am selben Tag, da Sie in Princeton Ihren legendären Auftritt hatten und der deutschen Gegenwartsliteratur »Beschreibungsimpotenz« vorwarfen?

Handke: Ich glaub, es war derselbe Tag. Meinen eigenen Auftritt in Princeton hab ich, weil ich so aufgeregt und genervt war, weniger gut in Erinnerung als dieses geformte Gedicht von Günter Grass. Alle haben applaudiert, alle waren einverstanden, dass es jetzt losgeht mit Frauen. Das war im April, und es war zu Zeiten, als Grass noch ein starker Körper war. Vom Geist her war bei ihm ja nie viel los, aber auch Körper kann Geist sein. Entschuldigung. (Er lacht)

ZEIT: In gewisser Weise hat Grass Sie jetzt abgelöst als der Schriftsteller, der sich ins Abseits begeben hat. Sie wurden heftig dafür angegriffen, dass Sie Serbiens Vorgehen im Balkankrieg verteidigt und am Grab des Serbenführers Milošević gesprochen hatten.

Handke: Aber ich habe ja erzählt. Ich hab Bilder gehabt, ich war an Ort und Stelle, und ich hab geschnüffelt, und ich hab links und rechts geschaut, ich habe präzise wiedergegeben, und ich habe nichts verschwiegen. Ich habe nur gesagt, dass das Gleichgewicht gestört ist. Ich habe zu bedenken gegeben, ob nicht das Gleichgewicht vielleicht gestört ist. Ich war überhaupt nicht polemisch. Ich weiß nicht, ob Grass polemisch ist. Ich habe ja erzählt, und ich bestehe auf dem, was ich erzählt habe, was Jugoslawien und auch Serbien betrifft, und ich denke immer, wenn es mit rechten Dingen zugeht, man weiß es ja nicht, aber ich glaube, in der Literatur geht es auf die lange Dauer doch mit rechten Dingen zu, dann wird, was ich erzählt habe, das Bleibende sein, was erzählt worden ist. Bei Grass vielleicht auch.

Bondy: Bei Grass sage ich entschieden nein, weil seine Äußerung pauschal und ideologisch ist.

Handke: Ich war nie pauschal.

Bondy: Der Grass meldet sich plötzlich zu Wort, als hätte die Weltlage seiner Ansichten dringend bedurft, und das finde ich unangenehm. In diesem Fall ist die Polemik so grundsätzlich geworden, dass kein Mensch mehr etwas Vernünftiges sagen kann.