Handke: Aber irgendwann muss man doch etwas sagen zu der Situation, zu der israelischen Atombombe , und dass man den Iran ächtet, weil er vielleicht eine Atombombe konstruieren wird…

Bondy: Aber es geht um jemanden, der ständig schreit, dass Israel vernichtet werden muss…

Handke: Wer sagt denn das?

Bondy: Das sagt Ahmadinedschad immer, er sagt: Israel muss vernichtet werden. Die israelische Regierung sagt nie, das iranische Volk müsse vernichtet werden. Das wird nie gesagt.

Handke: Ist das nicht eine Rhetorik, die, wenn man den Gegensatz von Worten und Handeln betrachtet, dann im Grunde dramatisch wieder in einem Gleichgewicht steht? Israel sagt nicht, Gaza muss vernichtet werden und Iran muss vernichtet werden, aber im israelischen Handeln ist doch etwas, was einem immer wieder wehtut. Darf man das nicht sagen?

Bondy: Nein. Man muss auch dazu sagen, es gibt in Israel viele Leute, die sich dagegen öffentlich äußern. Die Leute in Israel dürfen öffentlich Kritik äußern, öffentlich diskutieren, und sie sind nicht in der Situation, dass sie einfach Befehle ohne Widerspruch hinnehmen. In Israel gibt es noch das Recht auf Widerspruch, anders als im Iran.

Handke: Lieber Luc, diskutieren allein ist nicht alles. Israel ist eine Demokratie, aber wenn dann entschieden wird, haben die Diskutanten überhaupt nichts zu sagen.

Bondy: Eine kleine Fußnote dagegen: Es gibt in Israel kein Einverständnis zwischen dem Militär, das sehr gegen jede Form von Angriff auf Iran ist, und den Regierungspolitikern, die diese Möglichkeit erwägen – das ist ein Konflikt, der in Israel offen ausgetragen wird.

Handke: Darüber weißt du viel mehr als ich.

Bondy: Darüber weiß ich Bescheid, weil mich als Jude Israel interessiert. Ich weiß, dass Politiker und Armeeleute sehr unterschiedliche Positionen haben und sich die Armee nicht sagen lassen will, was sie zu tun hat.

Handke: Völlig richtig, und es ist gut, dass du das sagst. Aber ich erinnere mich immer an den Spruch einer Frau aus dem Gazastreifen, Streifen, das ist ja auch ein verächtliches Wort. Und diese Frau hat gesagt: Gaza nimmt man nicht wahr, das ist ein schönes Land. Und so denke ich auch, und warum kann man das nicht sagen?

Bondy: Aber das sagt Grass nicht.

Handke: Aber ich red jetzt von mir, weil mir das nachgeht, der Spruch Gaza ist ein schönes Land.

Bondy: Ich glaube, wir haben jetzt genug darüber geredet. Aber das Gedicht hat mich doch genervt. Lassen wir es jetzt lieber, sonst sind wir wie alle, die jetzt streiten über diese Geschichte. Und ich will das nicht.

Handke: Wenn ich im Leben je ins Politisieren gekommen bin, wusste ich genau, ich hab jetzt eine Schwelle überschritten zur Idiotie.

Bondy: Ich auch, ständig.

ZEIT: Dann machen wir jetzt die größtmögliche Kurve, und wir reden über Komik. Herr Handke, Sie haben im Interview mit der ZEIT den Satz von Goethe zitiert, dass Humor ein Zeichen abnehmender Kunst sei. Warum? Weil es Flucht oder Kapitulation ist?

Handke: Manche Sätze kann man nicht interpretieren. Ich denke von mir oft, ich bin nicht komisch, und dann bin ich komisch. Ich will nicht komisch sein. Seit meiner Schulzeit gab es immer Leute, die komisch sein wollten, das hat mich ungeheuer genervt. Aber ab und zu wider Willen passiert es, oder auch ohne Widerwillen, dass was Komisches herauskommt, weil das Leben so ist. Aber gewollte Komiker sind ein Risiko. Ich habe immer Angst, wenn ein Komiker auftritt. Mir wird Humor immer vorgehalten als Drohung: Du hast keinen Humor. Ich empfand das als eine Form der Erpressung. Ernst ist für mich der größte Humor. Ernst ist so schwierig, und wenn der Ernst gelingt, lacht man.

Bondy: Ich habe bei den Proben zu Peters Stück Momente, wo ich furchtbar lachen muss. Ich finde, da entsteht im besten Sinne des Wortes Komik. Der Mann und die Frau: Die Gegensätze sind gut, das habe ich jetzt entdeckt. Peter hat seine Arbeit getan, ich versuche nun, seine Arbeit plastisch zu machen. Die Zusammensetzung der beiden Figuren ist wie eine Komposition. Und es ist überhaupt nicht beschaulich.

Handke: Das ist gut gesagt. Das Beschauliche gehört nicht ins Drama. Das Schwermütige auch nicht. Wenn ein Autor in Schwermut badet, ist das Erpressung.

ZEIT: Im Spiel vom Fragen sagt der Schauspieler von sich, er sei einer, den das Heimweh befällt, wenn er nicht staunen kann. Ist in Ihrer beider Leben dieses Heimweh noch da? Das Staunensheimweh?

Handke: Das ist eine brutale Frage. Ich habe überhaupt kein Heimweh mehr. Heimweh manchmal noch nach dem Schreibtisch. Am Schreibtisch zu schreiben ist für mich eigentlich eine Seltenheit. Aber ich finde es einen Missbrauch, jeden Tag am Schreibtisch zu hängen.

ZEIT: Also ist Schreiben nicht eine Lebensform, die Sie jeden Tag ausüben?

Handke: Nein, um Gottes willen. Das gehört sich nicht. Ich bin ja kein Pfarrer, der seine Messe liest jeden Tag. Nein, für mich ist das ein Tabu, der Schreibtisch.

ZEIT: Aber Sie brechen das Tabu sehr oft.

Handke: Das muss man brechen. Wenn man das Tabu nicht bricht, kommt nichts heraus.

Bondy: Ich hab auch kein Heimweh. Vielleicht nach dem Krankenhaus… (er lacht) Doch, Heimweh hat man, aber man weiß nicht, wonach. Man kann Heimweh haben, ohne zu wissen, wo "Heim" ist…

Handke: 20 Jahre meines Lebens hatte ich nur Heimweh.

Handke: Ja, ich auch, im Internat.

Handke: Es gibt ein schönes slowenisches Wort, das bedeutet: Schmerz nach dem Haus. Heimschmerz. Heimwärtsschmerz.