Bondy: Wenn ich ins Internat zurückmusste nach den Ferien, hatte ich furchtbares Heimweh.

Handke: Ich seh das jetzt immer noch, wenn ich hier herumfahre, dann sehe ich die kleinen Jungen am Bahnhofsrestaurant, und der Vater schaut schon auf die Uhr. Die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern ist die schlimmste und kälteste. Keine Ferien. Das dauert sehr lang. Es ist dunkel, und das geht auf einen über.

ZEIT: Diese Erfahrung verbindet Sie?

Bondy: Man kann schon sagen, dass Internatsvergangenheit eine Form von Komplizenschaft stiftet. Die besteht darin, dass man Dinge erlebt hat, die man nur im Internat erleben kann. Und ich war nur im Internat.

Handke: Aber du warst doch ein Kapo im Internat, oder nicht? Du hast doch das große Wort geführt.

Bondy: Hab ich nicht. Ich habe mich angepasst.

Handke: So wie jetzt… (lacht)

Bondy: Als ich vor 15 Jahren mal das Wintermärchen inszeniert hatte, fragtest du mich anschließend: Was machst du jetzt? Gehst du jetzt zurück ins Internat? Da war was Wahres dran. Das Internat ist etwas, was bleibt.

Handke: Ich kenne Freunde, die im Internat waren und sagen, das war die schönste Zeit. Ich habe nichts erlebt, was man so aus Internatsgeschichten immer kennt. Weder Homosexualität noch Liebe zu Küchengehilfinnen. Ich hab überhaupt nichts erlebt, außer lesen. Lesen und lernen und träumen. Und Heimweh.

ZEIT: Treffen Sie sich mit ehemaligen Mitschülern?

Handke: Ja, zuletzt am Wörthersee, letzten Sommer.

ZEIT: Und wie gehen die anderen mit Ihnen um?

Handke: Wir gehen ganz normal miteinander um, und wir trinken. Die anderen erinnern sich viel besser an einen, als man es selbst tut. Ich war schon damals ein Vergesser. Ich bin ja kein öffentlicher Körper, aber ich bin ein öffentlicher Mensch durch das, was ich tue, ein vermittelt öffentlicher Mensch. Und die anderen wissen mehr von mir, als ich von ihnen weiß. Diejenigen, die sozusagen was geworden sind, vergessen mehr, was sie gewesen sind. Ich hör dann mit Erstaunen den Geschichten zu, die ich sozusagen erlebt habe.

ZEIT: In Ihrem Internat, Herr Bondy, gab es Prügel?

Bondy: Oh ja, das ist richtig. Beim ersten Internat, nicht beim zweiten. Da gab es physisch richtige Strafen. Heute wäre das nicht möglich, heute gäbe es sofort eine Institution, die dagegen prozessieren würde.

ZEIT: Gab es Freunde im Internat?

Handke: Ja, ich hab schon Freunde gehabt. Gepokert haben wir und Schach gespielt, uns gelangweilt und geweint. Und Hunger gehabt.

Bondy: Wir haben uns immer nachts die Bücher erzählt, die wir nicht lesen durften. In unserem gemeinsamen Schlafzimmer haben wir uns Filme erzählt, wenn das Licht aus war. Bis die Lehrer kamen und sagten: Still! Dann mussten wir mit dem Film aufhören.

ZEIT: Erzählten Sie sich Filme, die man gesehen hatte? Oder die man beim Erzählen erfand?

Bondy: Solche, die man gesehen hatte. Und wir machten die Geräusche dazu, die Tonspur, die Schüsse, den Regen. Und wir erzählten einander die Bücher, die uns verboten waren.

ZEIT: Wie in Fahrenheit 451?

Bondy: Was meinen Sie?

ZEIT: Das ist die negative Utopie von dem Land, in dem die Literatur verboten ist und die Menschen sich die Bücher weitererzählen und sie auswendig lernen.

Handke: Das war eine herrliche Geschichte damals, ergreifend. Ob das jetzt noch ergreifend wäre für die Jungen, dass die Bücher auswendig gelernt werden?

ZEIT: Sind Sie beide im Internat geschlagen worden?

Handke: Ich nicht.

Bondy: Er ist ein Dichter geworden, weil er diese Erfahrung nicht hat, ich habe die Erfahrung und bin kein Dichter geworden.

Handke: Das ist aber jetzt sehr überspitzt gesagt.

ZEIT: Sie sind Regisseur geworden, weil Sie die Erfahrung hatten?

Bondy: Diese Erfahrung hat mir gar nichts gebracht.

Handke: Scheinheiliges Gerede. Du hast ja Gedichte geschrieben darüber, ich finde manche besser als Ringelnatz. Warum machst du diese Dichotomie zwischen Dichter und Regisseur – auch ein Regisseur ist ein Dichter. Na ja, Peter Stein, der war nie Dichter, das kann man nicht sagen.

Bondy: Ich habe einen großen Komplex – ich verehre die Dichtung, ich finde sie großartig und befreiend. Und inzwischen schreibe ich ja selbst. Vor allem die Bücher von dem Handke haben auf mich seit der Jugend einen großen Effekt der Befreiung und der Beruhigung. Ich bin ein nervöser Mensch. Ich kann nicht lange aufmerksam lesen. Die Bücher vom Peter haben einen großen Sog auf mich, die kann ich lesen. Die Dichtung geht bei mir über alles, sogar über die Malerei und über die Musik. Die Dichtung hat mich in vielen Lagen gerettet und rettet mich immer wieder.

ZEIT: Wären Sie selbst lieber Dichter geworden?

Bondy: Ich habe nicht genug Sitzfleisch. Ich bewundere die Inständigkeit des Dichters, das ist jemand, der durch das Schreiben die Form für sein Leben gefunden hat. Das ist was Seltenes und Eigenartiges. Nicht dass man etwas »erlebt« hat; man hat eine Form für das Leben gefunden.

Handke:(der hinausgegangen war, weil es geläutet hatte) Ich muss unterbrechen. Deine Osteopathin ist da.

Bondy: Aber nicht für mich.

Handke: Für mich auch nicht. Eine Dame mit blondierten Haaren...