Bondy: Ja, aber nicht für mich. Ich habe sie nicht bestellt. Oder ich hab’s vergessen.

Handke: Ich hab ihr gesagt, in einer Viertelstunde seist du so weit. Ist das gut?

Bondy: Sehr gut.

ZEIT: Herr Bondy, Sie haben mal gesagt, Sie seien ein ADS-Kind...

Bondy: Ja, das stimmt. Das kann man ruhig sagen.

Handke: Was ist das?

Bondy: Ja, ADS, das ist ein amerikanischer Terminus: das Unaufmerksamkeitssyndrom, eine Form von Legasthenie. Man kann sich zum Beispiel gut konzentrieren auf eine Sache, aber nicht auf verschiedene Sachen. Ich kann sehr gut proben, aber im wirklichen Leben lasse ich mich sehr leicht ablenken. Und es gibt Tage, wo ich gar nicht weiß, wie es weitergeht, weil ich sehr abgelenkt bin.

ZEIT: Sind Sie und Peter Handke ein Gegensatzpaar?

Bondy: Mehr als das. Ja.

ZEIT: Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Bondy: Mein Vater hat mir den Peter Handke vorgestellt, 1967 war das. Peter Handke hatte vorgelesen aus den Hornissen bei Picard in der Buchhandlung in Paris, und dann kam er zu uns nach Hause. Aber der Peter hat sich nicht für die Erwachsenen interessiert, er hat sich mit mir unterhalten und gelacht. Und so entstand das.

Handke: Es entstand, weil du ein ganz gegenwärtiger junger Mensch warst, du bist fünf Jahre jünger als ich, ich war 25 oder 26, und ich habe noch nie so einen begeisterten jungen Menschen erlebt. Und das hat sich bei ihm vielleicht doch ein bisschen erhalten, die Begeisterungsfähigkeit, trotz des vielen Geldes.

Bondy: Hör auf, es ist nicht so viel. Die großen deutschen Gagen sind vorbei.

Handke: Auf jeden Mai folgt auch ein November. Aber auf Ihre Frage nach unseren Gegensätzen: Es ist überhaupt kein Gegensatz zwischen uns, ich bin genauso. Wenn ich mich nicht wirklich konzentriere, bin ich einfach nicht vorhanden. Man muss auch mal verschwinden in sich. Ich habe furchtbare Abwesenheiten – schon als Kind gehabt. Alles geht weg.

ZEIT: Sie wissen dann nicht mehr, wo Sie gewesen sind in den letzten Stunden?

Handke: Ja, es verschwindet alles. Man war nirgendwo, man war nicht vorhanden. Das geht mir immer noch so. Man ist auf einem Niemandsschiff.

ZEIT: Herr Handke, in Ihrem Schreiben ist das Fragen sehr wichtig. Sie schreiben, wenn ich nicht mehr frage, bin ich blind und taub.

Handke: Ja, Parsifal hat mich immer beschäftigt. Einer verpasst den Moment, wo er einen Menschen erlösen könnte durch Fragen. Das hat mich immer beschäftigt, den Moment versäumt zu haben der richtigen Frage.

ZEIT: Können Sie sich vorstellen, dass es einen Menschen gibt, einen idealen Zwilling, dem Sie alle Fragen hätten stellen können, sodass Sie das Schreiben nicht gebraucht oder nicht gefunden hätten für sich?

Handke: Das wär ja noch schöner, wenn ich nicht zum Schreiben gekommen wär. Das wär ja ein Jammer für die Menschheit (lacht). Dann wär ich Rechtsanwalt geworden.

Bondy: Oder Regisseur.

Handke: Dann schon lieber Rechtsanwalt.

Für Luc Bondy ist es nun Zeit, ins Nebenzimmer zu gehen. Dort wartet seine Osteopathin, um ihn zu behandeln (er hat in seinem Leben neun Rückenoperationen über sich ergehen lassen).

ZEIT: Wollen wir noch weitermachen, Herr Handke?

Handke: Aber ja. Nun sind Sie doch schon da.

ZEIT: Ich habe eine Frage zur Methode, mit der Sie das Erlebte und das Erfundene verschmelzen. In Ihrer Erzählung Der kurze Brief zum langen Abschied hat der Ich-Erzähler eine Begegnung mit dem großen Regisseur John Ford – ich habe mich immer gefragt, ob diese Episode auf einer wahren Begegnung beruht, die Sie mit Ford hatten? Oder war sie nur Ausdruck des Wunsches, Ford einmal zu begegnen?

Handke: Das geht Sie überhaupt nichts an.

Das ist mir schon klar.

Es steht im Buch, also gibt es diese Begegnung. Manches Erfundene ist mir wahrer als das Erlebte. Manchmal weiß ich selber nicht, was erzählt und was erlebt war. Ich habe was geschrieben, und ich denke, ich habe es erlebt. Bei vielem, was ich erlebt habe, habe ich das Gefühl, ich habe es überhaupt nicht erlebt. Die bösen Sachen habe ich schon erlebt, weil ich sie selber veranstaltet habe. Aber das meiste habe ich nicht erlebt, es sei denn, ich habe es erfunden.

ZEIT: Sie haben mal von dem idealen Leser gesprochen als von einer Astralgestalt. Nähert man sich dieser Gestalt sozusagen auf einem unendlichen Laufband immer mehr an, ohne sie je zu erreichen?

Handke: Das ist schön, ja. Mein Ideal ist der Leser. Man sieht ja viele Leute, die lesen, und ich schaue immer, könnte das der Leser sein. Ganz ganz selten denke ich, ja das könnt er sein. Ich habe gerade in der Metro eine Frau gesehen, und die las mit einer Intensität im Gesicht, da habe ich gedacht, das ist eine Leserin, die man sich als Astralleib vorstellt, und dann habe ich gedacht, irgendwie ist sie etwas zu streng, das kann nicht die große Literatur sein. Ich habe mich ihr heimlich genähert und gesehen, dass sie die Bibel liest, und dann habe ich gedacht, eigentlich ist es mir lieber, wenn man nicht so streng liest, wenn man nicht so gerettet liest. Natürlich, der zweitbeste Leser ist der Bibelleser, aber der beste Leser ist schon der Literaturleser. Das ist eigentlich eine kleine Frechheit, aber zu der stehe ich.