ZEIT: Wie ist Ihnen zumute, wenn Sie sehen, dass jemand was von Ihnen liest?

Handke: Das hätte ich gern öfter. Ich schaue immer, aber es wird immer weniger.

ZEIT: Beruhigt Sie das Schreiben?

Handke: Wenn ich nicht schreibe, habe ich eine Unruhe. Wie der heilige Augustinus sagt: Unruhig ist unser Herz. Oder: Das Herz ist ein einsamer Jäger à la Carson McCullers.

ZEIT: Gibt es auch den Fall, dass man beim Schreiben noch unruhiger wird?

Handke: Doch, manchmal schon, wenn man sich verhaspelt, wenn man das Bild verliert, das man schildert, überhaupt kein Gefühl mehr hat und nur noch Ornamente macht, dann, krk!, kriegt man einen drübergezogen, dann wird es noch schlimmer.

ZEIT: Drübergezogen?

Handke: Ja, von den himmlischen oder höllischen Mächten.

ZEIT: Können Sie sich vorstellen, dass aus Ihnen aus irgendeinem Grund kein Dichter, sondern ein professioneller Witzemacher hätte werden können?

Handke: Solche gab es schon in der Schule, und manche haben es dann geschafft, dass sie daraus ihr Universum, ihre Welt bestritten haben. Warum nicht. Das ist ja auch heldenhaft. Es ist heroisch. Ich glaube, das ist wie eine Trapezkunst: Wenn der Moment des Zögerns einsetzt, dann fällt er herunter. Das ist ja nicht so wie bei Burt Lancaster, der dann im nächsten Film weitergespielt hat. Der Komiker liegt wirklich unten, und wenn da unten Gras ist, beißt er hinein.

ZEIT: Das Witzemachen ist ja auch eine Entscheidung für eine Lebensweise.

Handke: Aber ich bin da nicht gefährdet, weil ich nie Witze erzählen konnte. Wenn ich irgendwann mal Witze machen wollte, das ging gar nicht. Ich höre gern einem guten Witz zu, ich bin nicht dagegen, aber ich kann keine Witze erzählen. Ich habe einen einzigen Witz selber erfunden, aber über den lacht niemand. Ich lache da immer selber drüber, wie die schlechten Witzeerzähler. Die lachen auch immer selbst, und immer allein. Nein, nein. Niemand wird lachen.

ZEIT: Erzählen Sie ihn doch.

Handke: Nein, der ist so dumm. Also, es gibt doch das Gemälde von Caspar David Friedrich, zwei Männer in Betrachtung des Mondes, oder? Ich habe das Bild für mich neu gemalt. Ich sehe da einen Betrunkenen: einen Mann in Betrachtung von zwei Monden.

ZEIT: Klingt wie ein irischer Witz.

Handke: Nein, der ist von mir (er unterdrückt das Lachen) . Niemand lacht über meinen Witz. Bis jetzt bin ich der Einzige, der lacht, und ich lach auch nicht echt.

ZEIT: Verlassen Sie nach unserem Gespräch Paris gleich wieder?

Handke: Ja. Ich fahr nach Hause. Mit dem Zug.

ZEIT: Und die Fahrt verläuft immer friedlich?

Handke: Manchmal nicht so, am Wochenende, wenn man von Montparnasse rausfährt, muss man aufpassen. Es gibt da manchmal Gangster, die spielen sich auf und machen ihren Deal im Zug.

ZEIT: Da ist auch öfter Polizei im Zug, fiel mir auf.

Handke: Aber die sind nie da, wenn man sie braucht. In meinem Leben habe ich noch nie einen Polizisten erlebt, der da gewesen wäre, wenn ich ihn gebraucht hätte, immer wenn man sie nicht gebraucht hat, haben sie einen niedergemacht.

ZEIT: Hatten Sie schon mal Ärger mit der Polizei?

Handke: Ja, es war auch meine eigene Schuld. Die sind ja immer zu fünft oder sechst im Zug. Ich habe eine Zeitung ausgebreitet auf dem Sitz und dann meine Füße draufgelegt. Es kam ein Polizist und sagte, Füße herunter, und ich sagte, haben Sie nichts Wichtigeres zu tun, und der hat sofort die Pistole gezogen.

ZEIT: Wirklich?

Handke: Ja klar. Da ist viel Frustration bei diesen jungen Typen. Endlich passiert was. Da habe ich schon zweimal Strafe bezahlt wegen Verunreinigung des Mobiliars, obwohl ich eine Zeitung ausgebreitet habe. Ich geh da sofort auf hundert hinauf.

ZEIT: Sie werden wütend gegenüber der Polizei?

Handke: Ich beschimpfe die.

ZEIT: Beobachten Sie sich selber? Sehen Sie sich?

Handke: Ja, allzu viel...

ZEIT: Sie sehen sich als Person – auch jetzt gerade?

Handke: Ja. So macht Bewusstsein Narren aus uns allen. Sich selber zu beobachten macht einen zum Idioten.

ZEIT: Eine letzte Frage. Sie sind ein halber Deutscher.

Handke: M-hm.

ZEIT: Wie gehen Sie damit um?

Handke: Das lassen Sie mein Problem sein. Ich bin halb Deutscher, mein Vater kommt aus dem Harz. Ich bin auch einverstanden damit, und das ist ein schönes Problem. Ich bin jemand, der von Problemen lebt, es sei denn, ein Problem ist unlösbar. Ein Problem muss lösbar sein. Nicht lösbar, Blödsinn, aber erzählbar.