GriechenlandDie Wahl mit den Fäusten

Kommunisten und Rechtsextreme werden bei den griechischen Wahlen ins Parlament einziehen. Was verbindet sie?

Unterstützerinnen der Kommunistischen Partei Griechenlands KKE auf einer Wahlkampfkundgebung

Unterstützerinnen der Kommunistischen Partei Griechenlands KKE auf einer Wahlkampfkundgebung

Schlohweißer Haarkranz, dicker Schnauzbart und eine Nase von depardieuschem Ausmaß: Den Mann kennt in Griechenland jeder, seine Stimme auch. Vasilis Kolovos hat in vielen der epischen Filme von Theo Angelopoulos gespielt. Heute steht er nicht mitten im Filmset, auch wenn all die roten Fahnen hinter ihm den Eindruck erwecken, sondern auf einer Wahlkampfveranstaltung der Kommunistischen Partei Griechenlands, der KKE. »In der EU des Kapitals«, verkündet er, »hat kein europäisches Volk eine Zukunft.« Kolovos ist langjähriges Mitglied der KKE, die schon immer gegen die europäische Union gewesen war. Jetzt interessieren sich zum ersten Mal die Leute dafür. Zur Wahlkampfveranstaltung in Kessariani sind junge Studenten und ergraute Altlinke gekommen, Arbeiter und Arbeitslose, Eltern mit Babys auf dem Arm und der Großmutter im Schlepptau. Ein kleines Volksfest in der Mitte Athens.

Wenn die Griechen nach dem Wahltag am 6. Mai aufwachen, wird eine Epoche zu Ende sein. Die Parteiendynastien der konservativen Nea Dimokratia (ND) und der sozialistischen Pasok wird es nicht mehr geben. Demoskopen sagen ihnen verheerende Verluste voraus. Ihnen wird die rigide Sparpolitik der EU wie auch die Korruption und der Nepotismus vergangener Jahrzehnte angelastet, sie müssen sich für eine Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent rechtfertigen und einen monatlichen Mindestlohn, der auf 580 Euro geschrumpft ist.

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Womöglich werden sich ND und Pasok in einer Großen Koalition an der Macht halten können. Sollte ihnen das nicht gelingen, kollabieren wahrscheinlich die EU-Reformen, die Spar- und Schuldenpläne. Den Protestparteien hingegen werden jeweils zweistellige Ergebnisse, also massive Gewinne vorhergesagt. Mit ihnen wird eine Opposition ins Parlament einziehen, wie sie Griechenland noch nicht erlebt hat. Den Arbeiterstadtteil Kessariani hat die KKE nicht zufällig ausgewählt. In den engen Gassen verdecken Satellitenschüsseln die Hausfassaden, hier wohnen viele Arbeitslose. Auf einer Wiese neben einem Mahnmal für 200 Kommunisten, 1944 von der deutschen Wehrmacht ermordet, üben Jugendliche Boxen. Gegenüber der orthodoxen Kirche des Viertels hat die KKE ihr Podium aufgestellt. Wozu braucht die Welt heute noch Kommunisten?

»Sie sind die Einzigen, die das System von Grund auf infrage stellen«, sagt Anthi Kantopoulos, 19 Jahre, Wirtschaftsstudentin, KKE-Wählerin. Sie spricht von Nato-Imperialisten, Wall-Street-Räubern, Plutokraten, Invasoren, Monopolisten, Kapitalisten. Genau dieselben Worte, die von der Bühne herüberschallen. »Alle anderen, die gegen die Sparpläne der EU sind, wollen nur ein anderes Management des Sparens.« Die KKE will das Ende des Kapitalismus. Wer meine, der Kommunismus sei am Ende, hätte nichts verstanden, sagt Kantopoulos. »Der Kapitalismus sieht uralt aus.«

»Die EU versklavt uns mit ihren Sparprogrammen«

In Griechenland kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Das von der EU lange geförderte Modell einer Wirtschaft auf der Basis von Schulden und Konsum ist gescheitert. Griechenland fehlt es an Fabriken, die zusammengestrichenen Löhne haben den Einzelhandel erstickt, die Streiks geben dem Land den Rest. Ein guter Teil der griechischen Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum, während die Reichen ihr Geld auf ausländischen Konten deponiert haben. »Die Plutokraten müssen enteignet werden«, sagt Anthi Kantopoulos.

Wem das zu revolutionär klingt, der geht zu einer Veranstaltung von Syriza, so heißt die Koalition der radikalen Linken. Sie wirbt im Wahlkampf nicht wie die KKE mit alten Kampfliedern, sondern mit den Doors, Joan Baez und den Scorpions. Zu Syriza kommen Lehrer und Psychologen, Werbeleute und Journalisten, kleine Beamte und milieukonforme Kulturkritiker, die früher Pasok wählten. Syriza ist populär in den Vierteln der Mittelschicht, wo schlecht besuchte Restaurants auf Fast Food umstellen und die letzten Buchläden dichtmachen.

Syrizas Trumpf ist ihr jungforscher Vorsitzender Alexis Tsipras, ein Mann des schnellen, scharfen Wortes. In seinen Augen bezwecken EU und Internationaler Währungsfonds mit ihren Plänen für Griechenland nichts anderes als die »brutale Umverteilung des Reichtums von unten nach oben«. Beabsichtigt sei die Zerstörung der griechischen Produktionsbasis, um Importe zu ermöglichen. Tsipras will die Vereinbarungen mit der EU aufkündigen und auf eine ungebremste Wachstumspolitik umschalten. Doch anders als die KKE will er nicht aus der EU und der Euro-Zone austreten. »Das würde unsere Probleme nur noch verschärfen«, sagt er. Stattdessen will er Griechenlands nationale Souveränität »zurückerobern«, die »Pasok an die internationalen Gläubiger verschenkt hat«. Klingt irgendwie links, könnte aber auch rechts sein.

Leserkommentare
  1. Die unterdurchscnittliche politische Bildung der Wählenden - jedenfalls.

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    Reicht bei ihnen die Phantasie, um sich vorzustellen, was bei uns los wäre, wenn es zu einer vergleichbaren wirtschaftlichen Situation käme? Sind wir da soviel klüger? Ist es nicht eher so ,dass auch bei uns eine Mehrheit zustande käme für zweifelhafte Ideologien? Als Angehöriger einer Minderheit würde ich mir jedenfalls Gedanken über eine Ausreise machen, sollte sich die Situation verschärfen..dumm nur,dass in Griechenland keine nennenswerte Minderheit existiert, der man alles in die Schuhe schieben kann...

    ist einfach berechtigt. Es handelt sich tatsächlich um eine Bürokratendiktatur im Interesse von Plutokraten. So einfach ist das zu erklären.

    Die Feudalisierung muss natürlich vernebelt werden mit "Wettbewerbsfähigkeit", alternativlos, 1000 komplizierten Verträgen und Wörtern, die kein Normalmensch versteht wie Credit default swaps. Das Absahnen geht munter weiter, weil jede Krise gut ist für die Profitmacher.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als diskriminierend verstanden werden können. Danke, die Redaktion/mk

    Reicht bei ihnen die Phantasie, um sich vorzustellen, was bei uns los wäre, wenn es zu einer vergleichbaren wirtschaftlichen Situation käme? Sind wir da soviel klüger? Ist es nicht eher so ,dass auch bei uns eine Mehrheit zustande käme für zweifelhafte Ideologien? Als Angehöriger einer Minderheit würde ich mir jedenfalls Gedanken über eine Ausreise machen, sollte sich die Situation verschärfen..dumm nur,dass in Griechenland keine nennenswerte Minderheit existiert, der man alles in die Schuhe schieben kann...

    ist einfach berechtigt. Es handelt sich tatsächlich um eine Bürokratendiktatur im Interesse von Plutokraten. So einfach ist das zu erklären.

    Die Feudalisierung muss natürlich vernebelt werden mit "Wettbewerbsfähigkeit", alternativlos, 1000 komplizierten Verträgen und Wörtern, die kein Normalmensch versteht wie Credit default swaps. Das Absahnen geht munter weiter, weil jede Krise gut ist für die Profitmacher.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als diskriminierend verstanden werden können. Danke, die Redaktion/mk

  2. 2. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak

    • leon1
    • 05.05.2012 um 20:10 Uhr

    Schoen wenn es so einfach waehre. Desswegen trampeln sich in der sog. Mitte die buergerlichen Waehler und ihre Politiker auf die Fuesse.
    Was die Buergerlichen verbindet? Ein gestoertes Verhaeltnis zu ihrem Land und seinen Menschen sowie eine Interessen geleitete Politik die die Menschen erniedrigt und beleidigt und zunehmend in Hoffnungslosigkeit zuruck laesst.Wahrend sich eine kleine Elite europaweit bereichert.

    20 Leserempfehlungen
  3. besteht nun mal nicht aus Bänkern Politikern und Geldsäcken - und das Volk will einigermassen anständig leben und nicht nur ausgelutscht werden - irgendwann kommt die Quittung --auch bei uns....

    32 Leserempfehlungen
  4. Reicht bei ihnen die Phantasie, um sich vorzustellen, was bei uns los wäre, wenn es zu einer vergleichbaren wirtschaftlichen Situation käme? Sind wir da soviel klüger? Ist es nicht eher so ,dass auch bei uns eine Mehrheit zustande käme für zweifelhafte Ideologien? Als Angehöriger einer Minderheit würde ich mir jedenfalls Gedanken über eine Ausreise machen, sollte sich die Situation verschärfen..dumm nur,dass in Griechenland keine nennenswerte Minderheit existiert, der man alles in die Schuhe schieben kann...

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Was sie verbindet ?"
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    Wer ist denn eigentlich "der Dumme"? Derjenige, der überhaupt wählen geht - oder derjenige, der gleich den Stalinismus aufziehen sieht?

    Dieser Artikel mit seiner überdimensionalen Überschrift reiht sich an die ganzen anderen Artikel seit einem Jahr, die versucht das griechische Volk zu diffamieren, die wirklichen Probleme im Dunkeln zu lassen und die europäische Gesellschaft zu spalten.

    Viele Griechen sind nationalistisch.
    Hier wird Böses fahrlässig herbei geführt oder gar gewünscht.

    Wer ist denn eigentlich "der Dumme"? Derjenige, der überhaupt wählen geht - oder derjenige, der gleich den Stalinismus aufziehen sieht?

    Dieser Artikel mit seiner überdimensionalen Überschrift reiht sich an die ganzen anderen Artikel seit einem Jahr, die versucht das griechische Volk zu diffamieren, die wirklichen Probleme im Dunkeln zu lassen und die europäische Gesellschaft zu spalten.

    Viele Griechen sind nationalistisch.
    Hier wird Böses fahrlässig herbei geführt oder gar gewünscht.

  5. ist einfach berechtigt. Es handelt sich tatsächlich um eine Bürokratendiktatur im Interesse von Plutokraten. So einfach ist das zu erklären.

    Die Feudalisierung muss natürlich vernebelt werden mit "Wettbewerbsfähigkeit", alternativlos, 1000 komplizierten Verträgen und Wörtern, die kein Normalmensch versteht wie Credit default swaps. Das Absahnen geht munter weiter, weil jede Krise gut ist für die Profitmacher.

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    Antwort auf "Was sie verbindet ?"
  6. 7. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  7. ins Parlament ziehen..

    ja, und? Wenn das in Frankreich möglich ist warum nicht in Griechenland?

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    hat im griechischen Parlament die KKE (Kommunistische Partei) ihre Sitze. Sie ist eine Traditionspartei, die in z.B. 1958 24,8 Prozent der Stimmen bekam. Trotz Terrors und Morden an Anhängern. Man kann mit der KKE nicht einer Meinung sein, vor allem weil sie eher stalinistisch ausgerichtet ist, aber sie hat ein festes Wählerkontigent und ist an keinen Experimenten oder Versuchen interessiert. Mit Syriza (aus einer Abspaltung der Eurokommunisten hervorgegangen) ist KKE zu keiner Zusammenarbeit bereit und umgekehrt ebenfalls nicht. Das Angebot von Tsipras war für die Medien.

    Also die Änderungen für das Parlament sind eher dann, wenn es zu einer Pattsituation kommt. In Griechenland rechnen viele Bürger mit Neuwahle innerhalb kürzester Zeit. Das dies dem Aufbau des Landes nicht gerade helfen wird ist doch offensichtlich.

    In Israel sind die Rechtsradikalen seit Jahren zweitstärkste Kraft!

    hat im griechischen Parlament die KKE (Kommunistische Partei) ihre Sitze. Sie ist eine Traditionspartei, die in z.B. 1958 24,8 Prozent der Stimmen bekam. Trotz Terrors und Morden an Anhängern. Man kann mit der KKE nicht einer Meinung sein, vor allem weil sie eher stalinistisch ausgerichtet ist, aber sie hat ein festes Wählerkontigent und ist an keinen Experimenten oder Versuchen interessiert. Mit Syriza (aus einer Abspaltung der Eurokommunisten hervorgegangen) ist KKE zu keiner Zusammenarbeit bereit und umgekehrt ebenfalls nicht. Das Angebot von Tsipras war für die Medien.

    Also die Änderungen für das Parlament sind eher dann, wenn es zu einer Pattsituation kommt. In Griechenland rechnen viele Bürger mit Neuwahle innerhalb kürzester Zeit. Das dies dem Aufbau des Landes nicht gerade helfen wird ist doch offensichtlich.

    In Israel sind die Rechtsradikalen seit Jahren zweitstärkste Kraft!

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