UrheberrechtTod des Autors

Der Kampf um die Urheberrechte im Internet ist mehr als nur ein Streit um die Vergütung. Dahinter steckt eine alte Frage: Verschluckt die moderne Gesellschaft das Subjekt? von 

Erinnert sich noch jemand an den »Tod des Autors«, damals, Mitte der goldenen siebziger Jahre? Seine Grablegung war ein prächtiges Spektakel, und sehr avancierte Philosophen, Literaturwissenschaftler und Künstler liefen im Trauerzug vorneweg. »Der Autor ist tot«, frohlockten die Hinterbliebenen, und dann warfen sie bunte Papierbuchstaben ins offene Grab. »Friede seiner Asche!«

Verrückt? Nein, Geistesgeschichte. Die Behauptung vom »Tod des Autors« war vor vierzig Jahren tatsächlich radical chic, es war der letzte Schrei auf dem Laufsteg intellektueller Moden und die schönste Rose im Garten der Theorie. Die These ging so: Was der Alteuropäer einen »Urheber« nenne, das sei in Wirklichkeit bloß ein winziger »Knoten« im Flechtwerk von Texten, Zeichen und Diskursen. Macht nichts, rief Michel Foucault. »Wen kümmert’s, wer spricht? Das Kennzeichen des Autors ist seine Abwesenheit.«

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Wer glaubt, das sei intelligenter Unfug aus dem akademischen Museum, liegt leider falsch. Die Theorie vom »Tod des Autors« ist wieder sehr lebendig, und die Piraten haben an ihrer Wiederkehr kräftig mitgewirkt. Denn worum geht es im Streit um Urheberrechte im Internet? Es geht, natürlich, um den »Tod des Autors«, es geht um Leben und Sterben des Urhebers in der digitalen Welt.

Auch im Netz, sagen viele Künstler, müssen die Rechte von Autoren und anderen Urhebern geschützt, sie müssen für ihre »geistigen Erzeugnisse« bezahlt werden. »Irrtum«, sagen die Piraten, das Internet ist eine Revolution, es stellt unsere Grundannahmen radikal auf den Kopf. Mit dem Internet betreten wir eine spektakulär neue Epoche der Kommunikation, und darin ist alles ganz anders. Wer in der schier unerschöpflichen Lava aus Texten, Tönen und Bildern noch nach dem klassischen Urheber sucht, der sucht ihn vergeblich. Der »alte« Urheber, das Originalgenie des Abendlandes, wird von den digitalen Strömen verschluckt; im Netz sind Individuum und Gemeinschaft kaum mehr zu unterscheiden. Alles fließt, und alle sind alles gleichzeitig: Die User, sagen die Piraten, sind Produzenten und Konsumenten, sie sind Verteiler und Vervielfacher. Das Betriebsgeheimnis des Netzes ist die Kopie.

Den Begriff »geistiges Eigentum«, sagt die Piratin Julia Schramm, finde sie »ekelhaft«, denn ein Urheber sei höchstens »ein Filter« (FAZ vom 27. April 2012). Etwas höflicher sagt es das Parteiprogramm der Piraten. Es spricht zwar von einem »fairen Interessensausgleich« zwischen Autor und Öffentlichkeit, aber das Denkmuster ist gleich. Weil ein Künstler in seinem Werk auf den »öffentlichen Schatz an Schöpfungen« zurückgreife, sei sein Werk bloß eine »Rückführung« vorgefundener Symbole in den öffentlichen Raum. »Rückführung« – das Wort darf man sich auf der Zunge zergehen lassen. Es klingt so, als sei der Künstler ein unverschämter Pirat, der das Königliche Handelsschiff der Kultur überfallen habe und nun das Geraubte in Gestalt seines Werks schleunigst zurückerstatten müsse. Der Künstler ist für die Piraten jedenfalls kein Originalerfinder, er schippert mal hier, er schippert mal dort, er ist ein Sampler und Mixer. Wie beim Mash-up, dem Zusammenbasteln eines Werks aus Schnipseln anderer Werke, lebt er von fremden Texten und Bildern. Er bastelt mit Metaphern, die andere vor ihm entdeckt, und er setzt Töne, die andere längst gesungen haben. Kurzum, für die Piraten war die Spekulation über das Verschwinden des Autors prophetisch – das Internet hat sie wahr gemacht.

Vielleicht ist es der Partei gar nicht bewusst, aber wenn sie mit einem Mausklick den Urheber – oder weil der Computer gerade hochgefahren ist: gleich die gesamte bürgerliche Person – auf Fußnotengröße verkleinert, dann knüpft sie an eine philosophische Großdebatte an, die zu den aufregendsten gehört, die das Fach zu bieten hat – die Kontroverse um Macht und Herrlichkeit des Subjekts. Dieser Streit war, grob gesagt, im Gefolge der Aufklärung entstanden, und der große Freibeuter Friedrich Nietzsche war ihr oberster Vorkämpfer. Das moderne Subjekt, befand Nietzsche, habe keinen Grund, die Nase hoch zu tragen. Denn anders als René Descartes oder Immanuel Kant glaubten, sei es keine souveräne und mündige Instanz. Es sei vielmehr eine »Fabel«, eine »Bewegung der Feueratome«. Ein Irrtum der Natur hat »aus Tieren Menschen gemacht«.

Auch dem Nietzsche-Leser Martin Heidegger war das selbstbestimmte Subjekt ein Dorn im Auge. Er führte seinen Angriff mit dem sprachphilosophischen Florett und schrieb: Der Mensch spricht nicht selbst, sondern er wird gesprochen – es ist die Sprache, die ihn spricht. Stumm wird der Einzelne in das Gemurmel der Worte hineingeboren, in Traditionen und Weltbilder, und dieses Gemurmel wird ihn überleben. Auch für Ernst Jünger war das Subjekt nur eine Petitesse, eine »Ausfaltung« der Natur, eine »Besonderung« im Strom des Seins. Was also bildet es sich ein? Und ein berühmt-berüchtigter Satz des Philosophen Hans-Georg Gadamer liest sich, als wäre er eigens fürs Internetzeitalter geschrieben worden: »Der Fokus der Subjektivität ist ein Zerrspiegel. Die Selbstbesinnung des Individuums ist nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens.«

Leserkommentare
  1. aber er wurde nicht rausgeschmissen aus der Firma, trotz eines Sabbatjahrs in Italien, um beim Beispiel zu bleiben. Wer bitte schön hat es so heute? Damals wahrscheinlich auch nur die wenigsten.

    Aber das ist vielleicht das Problem: heute kennen einfach zu viele Menschen die Biografie Goethes, weil sie lesen können und auch Zeit haben sich darüber zu informieren. Dann bekommt man eben "falsche Vorstellungen" vom Leben... Jedoch: auch wenn viele Künstler willens wären selständig zu arbeiten, wo gibt es denn ausreichend Geheimratsstellen, die genügend Freiraum lassen um Kunst zu produzieren. Vielleicht liegt ja doch nicht alles an den verwöhnten und hohen Erwartungen der Künstler. Wenn von immer mehr Menschen ein Künstlerdasein gefordert wird, denn wir alle müssen ja unser Leben selbst gestalten und es wird verlangt, daß wir selbst für uns sorgen und so weiter, dann ist eben jeder ein "Lebenskünstler" in der modernen neuen, alten Welt. Dann kann man doch den Wunsch verstehen: entweder mehr Geheimratsstellen oder eine Grundsicherung, die den Vollzeitkünstler absichert. Man kann das verstehen, oder?

    Antwort auf "Naja...."
  2. ... der kommt im Rollstuhl daher.

    Herr Dylan schreibt ein Lied. Das bietet er einem Verlag an. Der produziert es, vervielfältigt es, bietet es in Form von Tonträgern oder Daten zum Verkauf an und kassiert dafür Geld. Warum sollte Herr Dylan daran nicht beteiligt werden, auch wenn diese Verkäufe erst 10, 20, 30 etc. Jahre, nachdem er das Lied geschrieben hat, stattfinden?

    Weiter geht's. Jemand gründet einen Radiosender. Er macht das, weil er durch den Verkauf von Werbezeiten Geld verdienen kann. Die Werbezeiten verkauft er aber nur, wenn viele Menschen seinen Sender einschalten. Das machen die aber nicht, weil sie Werbung hören wollen, sondern das schöne Lied von Herrn Dylan und anderen Musikern. Warum sollte der Mann, der den Radiosender gegründet hat, Herrn Dylan nicht einen kleinen Anteil von seinen Einkünften abgeben. Schließlich hat er es doch wenn nicht nur, dann doch sicher auch Herrn Dylan und seinen Kollegen zu verdanken, dass er mit seinem Sender Geld verdient.

    Herrn Dylans Leistung stimmt so lange, wie Menschen sein Lied hören wollen und deshalb die entsprechenden Tonträger kaufen oder Radiosender einschalten, die das Lied spielen. Und weil das so ist, verdient der Herr Dylan zurecht auch so lange Geld damit.

    So einfach ist das!

  3. ... dass in Ihrer Quelle nicht steht, wie der "faire Ausgleich" zwischen den "wirtschaftlichen Ansprüchen der Urheber und dem öffentlichen Interesse" aussehen soll. Da steht nur, er soll sein Werk "in den öffentlichen Raum zurückführen"? Warum? Und was kriegt er dafür?

    Antwort auf "Wir beanspruchen..."
  4. ... ist sicher nicht so gemeint, erinnert entfernt aber an eine Haltung, die man manchmal sehr viel prägnanter von Piraten und ihren Sympathisanten (heraus-)hört. Verkürzt lautet sie so:

    "Diese Künstler sollen doch bitte was anständiges Arbeiten, wenn sie Geld haben wollen."

    Demnach sind die Piraten also auch so etwas wie die Reinkarnation des kleinbürgerlich spießigen Kunstverächters der 1950er-Jahre.

    Antwort auf "Tja,....."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cvnde
    • 05. Mai 2012 15:38 Uhr

    Es ginbg um die falschen Maßstäbe.

    Viele "Künstler" orietieren sich an wenigen Stars oder vewrweisen dann auf die Vergangenheit.

    Sie verkennen aber , dass es in der Vergangeheit eben vieles anders war.
    Da haben halt "Top-Komponisten" auch mal Unterricht gegeben oder sie hatten eine festere Stelle, jedenfalls eine die bezahlt wurdem, siehe Goethe, ob sie da nur "pro forma" waren ist mal egal.

    Richtige Stars, die ohne Probleme sinnvoll von der Kunst leben können kann es immer nur Wenige geben.
    Wieviel Wenbige sind mag schwankend sein.

    Aber ich vermute, dass es weniger als 25.000 Schauspieler und Musiker gibt die Freischaffend von ihrer Kunst leben können. Ohne andere Einnahmen zu erhalten, sei es Zinsen oder andere Verträge.

  5. ob Fußball Kunst sei:

    Kunst ist etwas anderes als Sport.

    Fußball kann manchmal künstlerisch gespielt werden, ist jedoch keine Kunst, auch wenn ich mir jetzt viel Widerspruch und Ärger einhandeln werde.

    Kunst wird unter anderen Bedingungen produziert als Sport, Kunst hat auch einen anderen Sinn im Dasein des Menschen als Sport.

  6. Francis Bacon postulierte: "Wissen ist Macht" und die meisten Menschen verstanden dieses Wissen als Werkzeug zur Machtausübung.

    Aber indem der Mensch es einsetzt, um andere Menschen oder die Natur zu beherrschen, herrscht das Wissen auch über ihn.
    Denn ihr Wissen bestimmt, welche Mittel Menschen einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen oder unerwünschte Ereignisse zu vermeiden.

    Die Atombombe wurde gebaut, weil es möglich war. "Copy-Past-Dissertationen" gibt es, weil man weiss, wie es funktioniert. Und wer die Lottozahlen der nächsten Ziehung kennt, wird sie spielen. Erkenntnisse aus Spionagetätigkeiten bestimmen, wie deren Inhaber sich verhalten wird. Aber die Annahme, das Subjekt sei eine bloß fremdgesteuerte Fiktion, ist zu kurz gedacht.

    Denn es ist nur schwer vorhersehbar, wie ein Individuum sich aufgrund seines Wissens verhalten wird. Folglich gibt es etwas, worin sich die Menschen -unabhängig von ihrem gemeinsamen Wissen- unterscheiden: Das ist ihre Individualität, die in dem Wort "Subjekt" begrifflich manifestiert wurde. Diese begriffliche Manifestation kann man in Frage stellen, aber nicht dasjenige -nichtsprachliche- was man mit ihr beschreiben will.

    Ein Autor ist ein lebendes Subjekt, das bisheriges Wissen auf unvorhersehbare Weise "recycelt". Diese Unvorhersehbarkeit entspricht dessen persönlicher Leistung und beweist die Existenz des Subjektes bzw.des Autors.

  7. 39. Komisch

    Entfernt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

  8. Buchillustrationen, Wandmalereien, Porträts, so lief es im 19 Jahrhundert.

    Wo sind heute die Aufträge?

    Sollen Künstler immer auswandern in ferne Länder, um dort ihr Glück zu versuchen?

    Da geht viel Potenzial verloren. Arbeiten hin , arbeiten her. Kunst funktoniert anders.

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