Revolutionen"Arabellion" am Abgrund

"Es kann in einem religiösen Staat keine Demokratie geben." Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Boualem Sansal von Werner Bloch

Boualem Sansal in Berlin

Boualem Sansal in Berlin  |  © BARBARA SAX/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Monsieur Sansal, Sie glauben nicht an einen Erfolg der arabischen Rebellion – und fürchten für diesen Fall das Chaos: einen neuen Irak, ein neues Somalia, von der Sahelzone bis nach Gaza.

Boualem Sansal: Wir Algerier haben den Arabischen Frühling bereits hinter uns. Vor mehr als zwanzig Jahren, im Oktober 1988, sind wir auf die Straße gegangen, es gab tagelang riesige Demonstrationen. Was folgte, waren Hunderte Tote, Tausende Gefolterte und Verschwundene. Ein brutales Gemetzel zwischen der Armee und den Islamisten. Bis heute kamen 200.000 Menschen ums Leben. Das war der Frühling von Algier. Was haben wir dafür bekommen? Nichts. Eine Scheindemokratie. In Wirklichkeit haben unsere Demonstrationen die Willkür der Macht noch verstärkt.

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ZEIT: Sie behaupten tatsächlich, die Unterdrückung sei durch die Rebellion noch schlimmer geworden?

Boualem Sansal

Jahrgang 1949, ist ein frankophoner algerischer Schriftsteller. Im Oktober 2011 wurde Sansal mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Sansal: Natürlich. Auch vorher gab es schon Folter. Aber sie geschah in einem gewissen Rahmen, man hielt sich an gewisse Regeln. Schon deshalb, weil sich die Opfer hinterher beschweren und sogar Schadensersatz verlangen konnten. Doch nach dem Frühling von Algier riss die Welle alles mit fort. Jeder konnte überall verhaftet oder ermordet werden. Richter und Polizisten wurden ausgetauscht. Im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus wurden die größten Gräuel begangen. Die Demokratiebewegung hat der Diktatur nur genutzt.

ZEIT: Wie sehen Sie die Lage der arabischen Revolution in Tunesien, Ägypten, Libyen?

Sansal: Das Problem ist: Die anderen arabischen Länder drohen dem schlechten Beispiel Algeriens zu folgen. Das passiert heute schon in Ägypten. Dort ist das Militär stärker als je zuvor – einflussreicher als unter Mubarak. Die Armee wird ihre Macht niemals abgeben – in hundert Jahren nicht. Journalisten und Intellektuelle werden verhaftet. Man verfolgt Kopten, Juden, Schwule, man schlägt Frauen, wenn sie sich nicht verschleiern, oder zieht sie an den Haaren, man verbietet den Mädchen, in die Schule zu gehen, bald darf man einer Frau nicht mehr die Hand geben. In Libyen gibt es bewaffnete Gruppen, die die Leute einschüchtern und manchmal umbringen. Und in Tunesien werden Frauen bespuckt, wenn sie sich nicht islamkonform kleiden. Islamisten gehen durch die Universitäten, wollen Männer und Frauen trennen, sie haben die Rektorin der Universität von Tunis hinausgeworfen, weil sie eine Frau ist. Solche Dinge geschehen täglich.

ZEIT: Letzten Sommer sagten Sie: Innerhalb von zwölf Monaten werde es in Tunesien, Ägypten und Libyen neue Diktaturen geben.

Sansal: Ich würde mich wahnsinnig gern irren. Aber wir haben nun einmal unsere Erfahrungen. Die Intellektuellen reden gern von Demokratie. Aber ist es wirklich Demokratie, was unsere Völker jetzt wollen? Sie wollen Rache, für dreißig Jahre Unterdrückung. Sie wollen die Eliten ins Gefängnis bringen, von denen sie bestohlen wurden. Und genau das versprechen ihnen die Islamisten. Sie sagen: Die Diebe und Mörder, die euch regiert haben – wir hängen sie auf, wir stechen sie ab. Deshalb wählt uns! Wenn man die Bevölkerung erreichen will, muss man aufs Land. Unsere Intellektuellen haben keinen Kontakt zu den Menschen. Es nutzt nichts, von Demokratie zu reden. Die Einzigen, die Kontakt mit der Bevölkerung haben, sind die Islamisten.

ZEIT: Sie tun, als lohne es sich nicht, für die Demokratie zu kämpfen...

Sansal: Doch, unbedingt! Aber ich sage: Macht nicht dieselben Dummheiten wie wir in Algerien. Es kann in einem religiösen Staat keine Demokratie geben, und die meisten Menschen sind zur Demokratie gar nicht bereit. Das Volk verlangt Sicherheit und Gewaltlosigkeit, keine Debatte über Laizismus und Islam.

ZEIT: Wie soll denn der Arabische Frühling vorankommen?

Sansal: Was wir brauchen, sind unabhängige Institutionen, eine saubere Polizei und Justiz. Vor allem müssen wir unsere Revolution gegen uns selbst führen. Viele sind dazu nicht reif – auch nicht diejenigen, die auf der Seite des Fortschritts stehen. Wenn ich meine Freunde frage: Akzeptiert ihr, dass eure Frauen und Töchter in einer demokratischen Gesellschaft unabhängig sind? Dann sagen sie mir: Grundsätzlich sollen die Frauen natürlich frei sein, nur meine eigene Frau gehört mir. Und Töchter sollen ein freies Leben führen, nur meine Tochter nicht, sie bleibt ja bis zu meinem Tod meine Tochter.

ZEIT: Algerien feiert gerade den 50. Jahrestag seiner Staatsgründung. Erleben Sie in Ihrem Land immer noch Gewalt?

Sansal: Aber ja. Die Gewalt kommt in Wellen. Es waren einmal 1.000 Morde am Tag. Es gibt aber auch andere Formen der Gewalt: Unsere Bürokratie tritt die Menschen mit Füßen, unsere Staatssicherheit horcht alle Bürger bis in den letzten Winkel aus. Früher gab es vielleicht einmal 200.000 Polizisten, heute sind es 1,5 Millionen. Ich reise in zwei Tagen nach Algier, und jetzt schon habe ich Angst. Immer wieder gibt es falsche Vorladungen bei der Polizei, die sich dann als »Fehler« herausstellen. Das sind stalinistische Formen des Terrors, wie in Orwells 1984.

Leserkommentare
    • Ergil
    • 06. Mai 2012 17:37 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

  1. endete auch katastrophal. Danach gab es Monarchien, und später bekam Deutschland sein Bismarck. Solche ambivalente wie vielschichtige Ereignisse können nicht mit Schwarz-weiß-schema begriffen werden. Ist Bismarck ein Glücksfall für Deutschland? Diese Frage finde ich bis heute aktuell. Was der Arabische "Frühling" angeht, finde ich die nächsten Jahren gar nicht interessant. Es wird erst nach dieser Übergangsphase interessant. Das Selbstbewusstsein der Menschen hat sich verändert. Schon deswegen hat sich die Katastrophe "gelohnt".

  2. ist zu befürchten. Die Intellektuellenfeindlichkeit der Islamisten (nicht des Islam) ist brandgefährlich, zumal sie bei der Landbevölkerung verfängt und in Rattenfängermanier einfache Antworten auf komplexe Probleme/Fragen gibt.

    "Vor 50 Jahren, als Algerien gegründet wurde, hatte es 9 Millionen Einwohner. Heute sind es 36 Millionen. In 20 Jahren aber werden es 100 Millionen sein. Ein Staat muss aber seine Einwohner ernähren können. [...] Der Islam kann seine Bevölkerung nicht ernähren. Die Islamisten sagen: Man muss möglichst viele Kinder in die Welt setzen."

    Mag sein, daß es Hungerkriege geben wird, sicher ist aber auch, daß die Überbevölkerung zu Auswanderungswellen führen wird - naheliegenderweise nach Europa.

    Es gibt einige islamistische Mullahs, die sehen darin eine Art Erweiterung ihrer Einflußsphären - die muslimischen Frauen und ihre Gebärquote als Mittel zum Zweck...
    Zynisch, aber leider wahr.

    Mütter, Frauen und Töchter werden so in den Dienst der Islamisten gestellt und niemand kann dagegen etwas tun, siehe konservatives Rollback in Agypten, Tunesien, Algerien u.a.
    Das Problematische dabei ist, daß die Islamisten die Stellung der Mütter in der arabischen Welt damit aufwerten, d.h. ihnen einen Eigenwert bescheinigen, den sie vorher so nicht hatten - weswegen viele diesen Weg bereitwillig mitgehen.

    Tja. Diese Entwicklung scheint unumkehrbar, es sei denn es gelänge der Indienstnahme der Frauen die Grundlage zu entziehen, fragt sich nur wie das gehen soll?

    I.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Bus-x
    • 06. Mai 2012 23:43 Uhr

    Religionen sind pure Machtpolitik und ein Elixier für die Beteiligten. Die Führer dieser Religionen sind zumeist Opportunisten. Schade, aber es ist so....

    Ja,es gibt neue Gesetzesvorschläge von seiten der ägyptischen Islamisten,die die Frauenrechte beschneiden wollen:Das Heiratsalter soll auf 14 Jahre heruntergesetzt werden;die Schulbildung der Mädchen soll eingschränkt werden und noch ein Vorschlag,der so grauenvoll ist, dass ich ihn für ein Gerücht halte und hier nicht wiederholen möchte.Die Frauen scheinen sich aber zu wehren und zu empören.ABer die Tendenz besteht,die Frau auf ihre biologisch-animalischen Fähigkeiten zu reduzieren, die Mutterrolle zu glorifizieren und die Ausbildung ihres Intellekts stark einzuschränken.
    Aber eines sollte man doch bedenken:Wenn der Intellekt der Mütter stark einschränkt ist,wenn ihr Wortschatz nur rudimentär ist,weil ihnen Schulbildung oder höhere Bildung verwehrt wird: Wie soll sie denn dann auf die wissbegierigen Fragen ihrer Kinder antworten?Wie soll sie ihnen vorlesen? Wie soll sie ihnen bei den Hausaufgaben helfen können, wenn sie selbst nichts weiß? Wie soll sich der Intellekt und die sprachlich differenzierte Ausdrucksfähigkeit der Kinder heranbilden können,wenn der Wortschatz und das Wissen der Mutter einen sehr engen Horzont hat? Abgesehen davon ist eine 14jährige mit der Ehe schlichtweg überfordert, als Mutter, mit 15 ebenso.Die Islamisten schaden ihrem eigenen Volk,wenn sie die Mädchen so jung und ungebildet verheiraten wollen,nur um möglichst viele Menschenmassen heranzuziehen.Fortsetzung folgt

    • JayB
    • 06. Mai 2012 17:53 Uhr

    Interessant wie lange es dauern muss, bis kritische Stimme mainstreamfähig werden. Als der angebliche "arabische Frühling" – "Herbst" wäre in Wahrheit angebracht – in vollem Gang war, wurden Kritiker von den westlichen Jubelpersern noch ausgebuht. Aber eigentlich sah man es kommen; man musste sich nur die Rebellen, ihre Organisierung und Rekrutierungsquellen anschauen. Jetzt der unvermeidliche backlash… sicherlich erst der Anfang. Überrascht bin ich nicht. Auf in den arabischen Winter.

  3. Sansal:
    "Die europäischen Staaten haben lange die Diktaturen unterstützt und tun es immer noch"

    "Es wäre großartig, wenn die arabische Revolution auch zu einer Revolution in Europa führen würde", so Sansal. "Europa und seine Führer müssen sich eingestehen: Wir haben uns geirrt."

    http://www.3sat.de/page/?...

  4. Zitat: "... In 20 Jahren aber werden es 100 Millionen sein. Ein Staat muss aber seine Einwohner ernähren können."
    .
    Das genau ist das Problem. Ich habe das hier immer wieder gesagt. Keiner glaubt das, die ZO-Leser haben nur geschimpft, ich würde die arabische Revolution nicht genug unterstützen. Ich habe auch das Argument gehört, ein Land wie Deutschland könne doch auch so viele Menschen ernähren - warum ich das den Algeriern denn nicht zutraue, und ob ich die alle für doof halte. Aber darum ging es mir doch nie!

  5. Der Arabische Frühling ist ein Schuss in den Ofen, und ein humanes Disaster, welche Überraschung.
    Das war schon klar als der Arabische Frühling begann, von den USA untersützt wie einst Afghanistan, kommt der Westen in Erklärungsnöte.
    Ob nun Boualem Sansal oder Salman Rushdie, Intellektuelle wurden, und werden in religiös geprägten Gesellschaften immer verfolgt, da sie die Dinge kritischer sehen als die Landbevölkerung von denen ein Großteil weder lesen noch schreiben kann.

    Und nun wird man die Geister die man rief, nicht mehr los.

    • clash
    • 06. Mai 2012 19:06 Uhr

    Und obwohld das sogenannte "gemeine Volk" dies schon sehr bald gesehen hat, haben sich die Politiker der ganzen Welt nicht entblödet diese unerfreulichen Entwicklungen zu begrüßen und zu fördern, notfalls mit Gewalt, und tun es noch immer (siehe Erdogan in Syrien!)Soviel monetär und machtpolitisch gesteuerte hypocrisis ist schlicht und einfach nur zum Kotzen!

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