Als der Anruf kam, war der Musiker gerade auf Stippvisite in einer Whiskey-Destillerie in Kentucky. Es war mitten in der Nacht. Doch der einflussreiche Freund am anderen Ende der Leitung fragte: »Machst du mit? Wir wollen dem DSO helfen und eine Million Dollar einspielen.«

Erst einen Tag später, nachdem sich der Bourbon-Nebel gelichtet hatte, begriff Kid Rock (bürgerlich Robert James Ritchie), wofür er da ganz spontan seine Zusage gegeben hatte: für ein Benefizkonzert, mit dessen Erträgen der berühmte und erfolgreiche U-Musiker in seiner wirtschaftlich angeschlagenen Heimatstadt Detroit einer nicht weniger angeschlagenen Institution der E-Musik unter die Arme greift. Dem DSO – dem Detroit Symphony Orchestra.

Das war vor ein paar Monaten. Inzwischen stehen der Termin (12. Mai) und das Konzept: Eine genresprengende Veranstaltung soll es werden, bei der der Rockgitarrist und Hip-Hop-Künstler Kid Rock mit seiner abgeraspelten Stimme Songs aus seinem umfassenden Repertoire vorträgt, während seine Band und das Sinfonieorchester ihn gemeinsam begleiten. Eigens aus diesem Anlass wechselt das Detroit Symphony Orchestra von seinem Stammquartier, der neunzig Jahre alten Konzerthalle an der Woodward Avenue, in das doppelt so große, moderne Fox Theatre, in dem 5000 Besucher erwartet werden.

Das Ganze ist ein künstlerisches Experiment und soll ein Hoffnungszeichen für die Zukunft des Kulturinstitutionen in den USA werden. Denn das Sinfonieorchester von Detroit, das nahezu ohne staatliche Subventionen auskommen muss, laviert am Rande der Insolvenz, seit 2008 die weltweite Finanzkrise und die Malaise der amerikanischen Autoindustrie die Stadt gleichzeitig heimsuchten. Ein sechsmonatiger Streik der Musiker machte die Existenznot über Detroit hinaus bekannt. Der Ausstand ging vor einem Jahr zu Ende, nachdem die Orchestermitglieder das Unabänderliche akzeptiert hatten: eine zwanzigprozentige Gehaltskürzung und Stellenstreichungen. Aber die Zukunft sieht deswegen noch lange nicht rosig aus.

Detroit ist kein Einzelfall. Im privatwirtschaftlich organisierten Kulturbetrieb der USA hat die klassische Musik nahezu überall mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen. Die Sinfonieorchester von Honolulu und Syracuse stellten den Betrieb bereits ein. In Louisville streiken die Musiker. Beim berühmten Philadelphia Orchestra hat ein Konkursrichter das Sagen. Und plötzlich erklärt sich die in sinfonischen Kreisen eher ungeliebte Pop-Verwandtschaft solidarisch: Benefizkonzerte wie das von Kid Rock wirken wie eine neue Möglichkeit, um der notleidenden E-Musik unter die Arme zu greifen. Erst recht in einer Stadt wie Detroit, Keimzelle des Motown-Sounds der sechziger Jahre, Heimatstadt des Erfolgsrappers Eminem.

Paul Hogle, der Geschäftsführer des Detroit Symphony Orchestra glaubt jedoch nicht, dass das Projekt das Zeug zum Patentrezept hat. »Wir sollten nicht vergessen: Das alles lebt von der Großzügigkeit eines sehr beliebten Künstlers«, sagt er. »Nur deshalb kann das Orchester so viel Geld einnehmen.« Kid Rock verzichtet auf seine Gage. »Er will Detroit helfen und das Orchester retten. So etwas lässt sich kaum nachahmen.« An das bislang einzige vergleichbare Projekt kann sich heute kaum noch jemand erinnern: Es war das legendäre S&M-Konzert, das die Heavy-Metal-Band Metallica 1999 gemeinsam mit dem San Francisco Symphony Orchestra in Berkeley gab.