NRW-WahlkampfDer Minister und die Königin

Beide wollen NRW erobern. Hannelore Kraft hat viel zu gewinnen. Norbert Röttgen noch mehr zu verlieren. von 

Die Wurst ist vorerst Norbert Röttgens größte Hoffnung. Die linke Hand hat er zu einer Art Zeigefaust geballt, die hektisch auf und ab fährt, Norbert Röttgen arbeitet sich systematisch in eine Schimpftirade hinein. »Konsequente Inhaltsverweigerung« wirft der Spitzenkandidat der CDU in Nordrhein-Westfalen der Amtsinhaberin Hannelore Kraft vor, eine »bodenlose Provokation« nennt er das Plakat, mit dem die Sozialdemokraten für sich werben: »SPD ist Currywurst«. Kraft habe damit die »Banalisierung von Politik auf einen traurigen Tiefpunkt geführt«, schimpft Röttgen. »Was ist eigentlich aus der Partei von Willy Brandt geworden?« Der Applaus unter den Mitgliedern der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU, die an diesem Dienstagmorgen nach Dortmund gekommen sind, fällt pflichtgemäß aus. Norbert Röttgen macht Wahlkampf. Viele Termine absolviert er bei den Gliederungen der eigenen Partei und viele ohne Pressebegleitung.

Sein größtes Problem sind die Zweifel in den eigenen Reihen und das öffentliche Röttgen-Bild, das sich etabliert hat.

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Die Wurst, an die sich Röttgen klammert, ist tatsächlich auch in der SPD umstritten. Ansonsten aber muss man sich um die Partei Willy Brandts in NRW weniger Sorgen machen als um den Spitzenkandidaten der CDU. Umfragen sehen die Union bei 30 bis 34 Prozent, die SPD bei 34 bis 38 Prozent. Im direkten Vergleich würden 57Prozent für Kraft stimmen und nur 28 Prozent für Röttgen.

Er kritisiert sie, sie ignoriert ihn

Einen Tag vor Röttgens Auftritt hat Hannelore Kraft Detmold besucht. Auf dem Marktplatz standen die Leute schon, Kraft wurde mit begeistertem Beifall empfangen. Drei Wochen vor der Wahl fliegen die Bürger die Ministerpräsidentin förmlich an. »Für mich sind Sie die Königin«, flirtet ein Rentner. Viele wollen ihr einfach nur die Hand schütteln, sie berühren. Handys werden herumgereicht, Fotos gemacht. Kraft besänftigt, pflichtet bei und sagt auch oft: Das sehe ich anders.

»Wem kann ich jetzt noch helfen?«, fragt sie, wenn sich einmal eine Lücke auftut. Immer ist sie es, die das Gespräch beendet. Teilweise tut sie das sehr bestimmt, doch zurück bleiben meist zufriedene Bürger, die das Gefühl haben: Die kümmert sich jetzt darum.

Über ihren Herausforderer, der ihrer Regierung einen Mangel an Anstand und Charakter vorhält, spricht Kraft wenig und wenn, dann eher besorgt: Erstaunlich, dass der Röttgen solche Schwierigkeiten mit der Wirtschaft hat, wollte der nicht mal Industrielobby-Chef werden?

Die größte Gefahr, sagen Berater von Kraft, sei die große Zustimmung. Die eigenen Anhänger könnten denken, sie brauchten nicht mehr zur Wahl zu gehen, weil die Sache eh gelaufen sei.

Nordrhein-Westfalen gilt als wichtigstes Land, als Labor der Republik, hier wurden oft die Weichen für den Bund gestellt. Worüber also wird am 13. Mai abgestimmt? Über Personen, sagen die Demoskopen. Über die Bundesregierung, sagt die SPD. Über alles, sagt Norbert Röttgen; über die Politik, die Demokratie, die Zukunft Deutschlands. Was er nicht sagt: Es geht um seine politische Zukunft in diesem Wahlkampf, den eigentlich niemand wollte, am wenigsten der Herausforderer selbst.

Bei Röttgen geht es immer um das ganz Große

Wo Röttgen auftaucht, da taucht auch meist der Schuldenberg auf. Ein aufblasbares Drei-Meter-Gummimonster, aus dem 500- und 200-Euro-Scheine herausragen. Es wackelt bedrohlich auf dem Münsteraner Domplatz, es zittert in der Wuppertaler Fußgängerzone. »Ich heiße Norbert, wie heißt ihr denn«, fragt Röttgen drei Schülerinnen, die sich kichernd an den Wahlstand heranschieben. »Wisst ihr, was das ist?« – »Geld.« – »Jaa, ein Geldberg aus Schulden. Den müssen wir kleiner machen, damit ihr das nicht bezahlen müsst.« Der Schuldenberg ist Röttgens Versuch, dem Wahlkampf ein Thema zu geben, Halt zu finden. Es gehe um Grundlegendes, um einen »politischen Kulturwandel«. »Wollen wir so weitermachen wie die letzten 40 Jahre?«, wettert Röttgen bei seinen Wahlkampfauftritten. »Zukunftsverzehr« wirft er der rot-grünen Regierung von Kraft vor. Bei Röttgen geht es immer um das ganz Große: Von der Handlungsfähigkeit der Kommunen hängt die Zukunft der Demokratie ab, von der Energiewende die Zukunft der Menschheit, vom Haushalt die Zukunft der Kinder. Es gehe darum, »die Rationalität einer anderen Politik deutlich zu machen«.

»Ich kann nur hoffen, dass der Norbert sich allgemeinverständlich ausdrückt«, sagt ein CDU-Mann, in dessen Wahlkreis Röttgen auftreten wird.

Leserkommentare
  1. Und wir leben durch den Bauch, mehr als durch den Kopf. Das ist Röttgens Pech.

  2. "»SPD ist Currywurst«. Kraft habe damit die »Banalisierung von Politik auf einen traurigen Tiefpunkt geführt«,"

    Wieder mal lustig ,wie ein Politiker (trifft durchaus auf alle Parteien zu)sich immer mehrere Maßstäbe zurechtlegen.
    Soll er sich doch an die banale Ausdrucksebene erinnern
    die sein Parteifreund Herr Pofalla der Unabhängikeit und
    freien Gewissensentscheidung der gewählten Volksvertreter
    beimaß,mit dessen Sch.... Herr Bosbach ihn ihn Ruhe lassen sollte
    Dieser Tiefpunkt war wesentlich trauriger als eine Currywurscht.Schon vergessen ?

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    • docere
    • 08. Mai 2012 21:40 Uhr

    Nonsens sich immer wieder über ein Wahlplakat zu echauffieren.
    Wer erinnert sich denn noch an Jürgen Rüttgers, MP NRW aD?
    "Kinder statt Inder"
    Auch ein ganz großer Wurf.

    Die FDP hatte ihren Guido im Container samt Spassmobil. Wer sich über eine Currywurst im NRW-Wahlkampf aufregt, der bleibt wirklich besser in Berlin.

  3. hat erstmal eine Zäsur erfahren.
    Die vermeintlichen "Sparkommisare" Röttgen und Lindner, der auch nur dann spart, wenn es nicht ums eigene Geld geht( siehe AVATAR-Fa. und KfW-Kredit, nachzulesen bei Wikipedia) werden in NRW nicht gebraucht. Das Land hat andere Sorgen, als noch die letzten Aktiva an Privat zu verscherbeln.

  4. Falls die Landesmutter mal sparen will, könnte sie Ihr Lieblingshotel, das 5 Sterne Hotel Brandenburger Hof wechseln. Als Sozialdemokratin würde ihr das gut ansrehen.

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    ihr Zwölfzylinder mit 500 PS schlecht passen. Und Käfer ist out, auch für die SPD

    • TDU
    • 08. Mai 2012 18:59 Uhr

    "Davor war die studierte Betriebswirtin Unternehmensberaterin und hatte oft mit Technikfirmen zu tun". Genau das zeichnet sie aus. Die Kenntnis der Realität und der Wagemut, sich für ihr Konzept zu verschulden. Und sie ist eben nicht so verbissen und verwaltungsorientiert wie die "gemordete" Heide. Obwohl die auch mal Unternehmerin war. Aber wie die Bekehrten so sind. Soll übererfüllen. Da scheint Kraft ganz locker und weiss, adss das Geld auch erwirtschaftet werden muss.

    Leider gibts auch unter ihren Gefolgsleuten mehr, die ans eigene denken statt ans Ganze. Eine Menge Schranzen/innen tummeln sich da.

    Röttgen ist doch ein nicht so beeindruckender Herr. Rüttgers war ein anderer, deswegen hat sie ihn genauso im Regen stehen lassen wie Bosbach. NRW Leute sind zu gefährlich und rheinischer Kapitalismus geht gar nicht. Viel zu unordentlich und frei.

    Deswegen, verliert die CDU macht das nichts. Merkel wird nicht zurücktreten, sondern wenn Grün gut abschneidet wechseln. Und wie man Grün kennt, wird dann eben ein schwarz grünes Projekt aufgelegt. Die Folgen werden grauenvoll, hatte ich ja schon woanders bemerkt. Arbeiten, Pflichten und lustfeindliches Leben für die einen, Sause toskanischer Art für die Anderen.

  5. sonst hätte er den mumm zu sagen: egal wie die wahl ausgeht, ich stehe für NRW und ich bleibe in NRW. aber DAS stünde ja für klarheit/wahrheit/eindeutigkeit ...

    in allen polit-shows der letzten tag kam doch -von herrn röttgen unausgesprochen- die nonverbale botschaft: wenn ich verliere, entscheidet die CDU über mein weiteres verbleiben (in berlin und dort als minister).

    das emtspricht m.E. voll dem ego von herrn röttgen:
    fliegt mich hin wohin ihr wollt, ich werde überall gebraucht.

    => die wähler in NRW werden entscheiden, ob sie dieses 'larfari' wirklich gut und ehrlich finden oder nicht.

  6. ihr Zwölfzylinder mit 500 PS schlecht passen. Und Käfer ist out, auch für die SPD

    Antwort auf "Nur vom Feinsten"
  7. Ich denke das sich dieser Trend auch weiter in den
    Wahlen um NRW durchsetzen wird. Schwarz-Gelb ist abgewählt. Man kann nur hoffen das die SPD wieder
    ihrem Namen gerecht wird und aus den Fehlern der Vergangheit gelernt hat.

    Der wichtigste Auftrag lautet wieder für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

    Ich kann Frau Merkel nicht verstehen, dass sie den
    Bürgern Wahrheiten verkaufen möchte, die keine
    sind. Solche Kommentare wie das Renteneintrittsalter
    noch weiter an zu heben empfinde ich fern ab von
    jeglicher Realität und zu tiefst ungerecht.

    Sie sollte lieber die Verursacher der Finanzkrisen
    mehr in die Verantwortung nehmen - es kann nicht sein
    dass das Volk es wieder am Ende richten soll. Des
    Weiteren bleiben wichtige unabdingbare Reformen zur Regulierung der Finanzmärkte in Europa weiterhin aus.

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