NRW-WahlkampfDer Minister und die Königin
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"Muttis Liebling", der kluge Röttgen

Es wird auch über einen Typus in der Politik abgestimmt: Rationaler Profi gegen Kümmerer. Viel Pragmatismus, wenig Pathos und kleine Schritte – der Kanzlerin wird diese Art, Politik zu machen, übel genommen. Bei Kraft gilt sie als bodenständig. »Klare Kante« ist eine der Lieblingsformulierungen von Kraft. Doch selbst Genossen fällt es schwer, sie inhaltlich einzuordnen. Man kann das profilarm nennen – oder clever. Ein Land wie NRW, einen Landesverband wie den nordrhein-westfälischen, den könne man nicht zusammenhalten als Exponent eines einzelnen Flügels. Wenn es um die langen Linien der Politik geht, bewegen sich Krafts Antworten oft auf Beckenbauer-Niveau, Marke: Schau mer mal, dann sehen wir schon.

Röttgen steht jetzt da wie ein Förderschüler

In NRW kämpft die Kanzlerin (sie absolviert einen Auftritt nach dem anderen) also dafür, dass sich der Typus Merkel nicht durchsetzt. Denn im bevölkerungsreichsten Land wird auch darüber abgestimmt, ob die CDU künftig noch eine Machtperspektive hat. Wenn es für Rot-Grün nicht reicht, steht die SPD vor einer schwierigen Entscheidung: Eine Große Koalition im wichtigsten Bundesland würde es schwer machen, 2013 im Bund gegen die CDU zu Felde zu ziehen. Eine Zusammenarbeit mit der FDP wäre für viele in der SPD schwer erträglich. Verglichen mit den Problemen der CDU sind das allerdings Luxussorgen: Wenn die FDP nicht in den Landtag kommt, gibt es kein bürgerliches Lager mehr, keine Regierungsbasis für die CDU.

Brillanter Analytiker, klügster Kopf der CDU, »Muttis Liebling«, das ist der Ruf, der Röttgen vorauseilt, seine Karriere verlief makellos. Der Jurist beherrscht die Kunst des Redens wie wenige, am Pult wirkt Röttgen ganz bei sich, da kann er ebenso leidenschaftlich wie geschliffen werden. Beim Parteitag, aus dem er als Spitzenkandidat hervorging, bekam er 96 Prozent. Nun steht er da wie ein Förderschüler: Kaum hat er das Pult verlassen, verschränkt er die Arme, reckt das Kinn in die Luft, schiebt die Unterlippe vor, grimassiert oder schaut in den Himmel, als habe er mit der Veranstaltung nichts zu tun.

Wie ist er bloß da reingeraten? Bislang schien jeder Schritt immer nur die Voraussetzung für den nächsten zu sein. Der Vorsitz der CDU in NRW war für Röttgen das Unterpfand der Macht in Berlin. Nun muss er tun, was in seinem Plan nicht vorgesehen war: das Pfand einlösen.

Nirgendwo ist der Unterschied zwischen Kommunen, die am Ende sind, bankrott, und solchen, denen es gold geht, so groß wie in NRW. Langenfeld bei Düsseldorf gehört zu den Vorzeigegemeinden, hier hatten sie eine Schuldenuhr, die rückwärts lief. Hier müssten sie einen wie Röttgen feiern. »Wer ist das?«, ruft eine Frau aus dem heruntergekurbelten Autofenster, als Röttgen auf dem Markt eintrifft. Ein Mann drückt Röttgen ein Buch über Schulden in die Hand: »Ich wollte Ihnen ein bisschen Mut machen.« »Ich würde Ihnen gerne eine Hose verkaufen«, ruft ein Marktbetreiber dem Kandidaten nach, aber Röttgen will keine Hose kaufen.

Die Distanz war immer Röttgens große Stärke. In Kohls Kanzlerverein war er einer, der auf die Partei schauen und die Defizite benennen konnte. Für einen aber, der Landesvater werden will, ist Distanz ein Manko. Die ständige Ironie, die Selbstkorrekturen, Röttgen wirkt weit weg von allem, sogar von sich selbst.

»Er ist eben kein Hiesiger«, sagt eine gepflegte Dame später auf dem Marktplatz in Langenfeld. Sie kenne Röttgen lange, schätze ihn auch: »Aber dass er nicht hierherkommt, wenn er verliert, nehm’ ich ihm übel.« Warum eigentlich? Hat der Mann als Umweltminister mit der Energiewende nicht wirklich eine wichtige Aufgabe in Berlin? Kann sein, sagt die Dame, »aber dann hätte er es nicht machen sollen«.

Kanzlerkandidat? Quatsch, sagt Kraft jedem

Nun wendet sich sein Coup gegen ihn: Für den Fall, dass die CDU im Bund nach der Wahl 2013 keine Regierung mehr anführen kann, galt Röttgen immer als Anwärter auf den Fraktionsvorsitz, als möglicher Oppositionsführer. Bleibt er unter dem Ergebnis von 2005, als die CDU bei 44,8 Prozent lag, wird Röttgen sich in Berlin wieder hinten anstellen müssen. Bei Kraft ist es umgekehrt. Sie wird die Fantasien abwehren müssen, wenn sie die Wahl gewinnt. Kanzlerkandidatin? Quatsch sei das, sagt sie jedem, der sie darauf anspricht. Es wirkt, als meine sie das ehrlich.

Hier der Intellektuelle, da die burschikos-autoritäre Mutter der Kompanie, Kopf gegen Bauch, Parteikarrierist gegen Quereinsteigerin – nein, so simpel ist die Sache nicht.

Denn Kraft hat Köpfchen, wenn es darum geht, sich ins richtige Licht zu setzen. In Bielefeld besucht sie einen Verein, der sich um Jugendliche ohne Schulabschluss, um Migranten und Flüchtlinge kümmert. In der Frisierwerkstatt üben junge Mädchen an Perückenköpfen. Kraft klemmt sich eine Strähne zwischen die Finger. »Meine Friseurin, die hält dat dann immer so hoch und guckt, ob das gleich aussieht, und dann macht es schnapp, und ich bin immer ganz erstaunt, dass das hinterher einigermaßen aussieht.« Dann macht es schnapp, die Blitzlichter blitzen, die Wandspiegel vervielfältigen das Bild, und wieder ist ein wunderbares Foto von der zupackenden Hannelore Kraft entstanden. Man kann davon ausgehen, dass das kein Zufall war.

Leserkommentare
  1. Und wir leben durch den Bauch, mehr als durch den Kopf. Das ist Röttgens Pech.

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  2. "»SPD ist Currywurst«. Kraft habe damit die »Banalisierung von Politik auf einen traurigen Tiefpunkt geführt«,"

    Wieder mal lustig ,wie ein Politiker (trifft durchaus auf alle Parteien zu)sich immer mehrere Maßstäbe zurechtlegen.
    Soll er sich doch an die banale Ausdrucksebene erinnern
    die sein Parteifreund Herr Pofalla der Unabhängikeit und
    freien Gewissensentscheidung der gewählten Volksvertreter
    beimaß,mit dessen Sch.... Herr Bosbach ihn ihn Ruhe lassen sollte
    Dieser Tiefpunkt war wesentlich trauriger als eine Currywurscht.Schon vergessen ?

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    • docere
    • 08.05.2012 um 21:40 Uhr

    Nonsens sich immer wieder über ein Wahlplakat zu echauffieren.
    Wer erinnert sich denn noch an Jürgen Rüttgers, MP NRW aD?
    "Kinder statt Inder"
    Auch ein ganz großer Wurf.

    Die FDP hatte ihren Guido im Container samt Spassmobil. Wer sich über eine Currywurst im NRW-Wahlkampf aufregt, der bleibt wirklich besser in Berlin.

    • docere
    • 08.05.2012 um 21:40 Uhr

    Nonsens sich immer wieder über ein Wahlplakat zu echauffieren.
    Wer erinnert sich denn noch an Jürgen Rüttgers, MP NRW aD?
    "Kinder statt Inder"
    Auch ein ganz großer Wurf.

    Die FDP hatte ihren Guido im Container samt Spassmobil. Wer sich über eine Currywurst im NRW-Wahlkampf aufregt, der bleibt wirklich besser in Berlin.

  3. hat erstmal eine Zäsur erfahren.
    Die vermeintlichen "Sparkommisare" Röttgen und Lindner, der auch nur dann spart, wenn es nicht ums eigene Geld geht( siehe AVATAR-Fa. und KfW-Kredit, nachzulesen bei Wikipedia) werden in NRW nicht gebraucht. Das Land hat andere Sorgen, als noch die letzten Aktiva an Privat zu verscherbeln.

    3 Leserempfehlungen
  4. Falls die Landesmutter mal sparen will, könnte sie Ihr Lieblingshotel, das 5 Sterne Hotel Brandenburger Hof wechseln. Als Sozialdemokratin würde ihr das gut ansrehen.

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    ihr Zwölfzylinder mit 500 PS schlecht passen. Und Käfer ist out, auch für die SPD

    ihr Zwölfzylinder mit 500 PS schlecht passen. Und Käfer ist out, auch für die SPD

    • TDU
    • 08.05.2012 um 18:59 Uhr

    "Davor war die studierte Betriebswirtin Unternehmensberaterin und hatte oft mit Technikfirmen zu tun". Genau das zeichnet sie aus. Die Kenntnis der Realität und der Wagemut, sich für ihr Konzept zu verschulden. Und sie ist eben nicht so verbissen und verwaltungsorientiert wie die "gemordete" Heide. Obwohl die auch mal Unternehmerin war. Aber wie die Bekehrten so sind. Soll übererfüllen. Da scheint Kraft ganz locker und weiss, adss das Geld auch erwirtschaftet werden muss.

    Leider gibts auch unter ihren Gefolgsleuten mehr, die ans eigene denken statt ans Ganze. Eine Menge Schranzen/innen tummeln sich da.

    Röttgen ist doch ein nicht so beeindruckender Herr. Rüttgers war ein anderer, deswegen hat sie ihn genauso im Regen stehen lassen wie Bosbach. NRW Leute sind zu gefährlich und rheinischer Kapitalismus geht gar nicht. Viel zu unordentlich und frei.

    Deswegen, verliert die CDU macht das nichts. Merkel wird nicht zurücktreten, sondern wenn Grün gut abschneidet wechseln. Und wie man Grün kennt, wird dann eben ein schwarz grünes Projekt aufgelegt. Die Folgen werden grauenvoll, hatte ich ja schon woanders bemerkt. Arbeiten, Pflichten und lustfeindliches Leben für die einen, Sause toskanischer Art für die Anderen.

    2 Leserempfehlungen
  5. sonst hätte er den mumm zu sagen: egal wie die wahl ausgeht, ich stehe für NRW und ich bleibe in NRW. aber DAS stünde ja für klarheit/wahrheit/eindeutigkeit ...

    in allen polit-shows der letzten tag kam doch -von herrn röttgen unausgesprochen- die nonverbale botschaft: wenn ich verliere, entscheidet die CDU über mein weiteres verbleiben (in berlin und dort als minister).

    das emtspricht m.E. voll dem ego von herrn röttgen:
    fliegt mich hin wohin ihr wollt, ich werde überall gebraucht.

    => die wähler in NRW werden entscheiden, ob sie dieses 'larfari' wirklich gut und ehrlich finden oder nicht.

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  6. ihr Zwölfzylinder mit 500 PS schlecht passen. Und Käfer ist out, auch für die SPD

    Antwort auf "Nur vom Feinsten"
  7. Ich denke das sich dieser Trend auch weiter in den
    Wahlen um NRW durchsetzen wird. Schwarz-Gelb ist abgewählt. Man kann nur hoffen das die SPD wieder
    ihrem Namen gerecht wird und aus den Fehlern der Vergangheit gelernt hat.

    Der wichtigste Auftrag lautet wieder für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

    Ich kann Frau Merkel nicht verstehen, dass sie den
    Bürgern Wahrheiten verkaufen möchte, die keine
    sind. Solche Kommentare wie das Renteneintrittsalter
    noch weiter an zu heben empfinde ich fern ab von
    jeglicher Realität und zu tiefst ungerecht.

    Sie sollte lieber die Verursacher der Finanzkrisen
    mehr in die Verantwortung nehmen - es kann nicht sein
    dass das Volk es wieder am Ende richten soll. Des
    Weiteren bleiben wichtige unabdingbare Reformen zur Regulierung der Finanzmärkte in Europa weiterhin aus.

    Eine Leserempfehlung

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