Michael Moore inszeniert sich im Film gerne als die verkörperte Rebellion des gesunden Menschenverstandes gegen alles, was in der Welt schiefläuft. Ob er den Niedergang der Stadt Flint, Michigan, im Gefolge der Konzernpolitik von GM vorführte (Roger & Me), die Waffengesetze der USA für das Massaker an der Columbine High School verantwortlich machte oder die Lügen der Regierung Bush aufs Korn nahm (Fahrenheit 9/11): Es sah immer so aus, als stelle ein einfacher Amerikaner einfache Fragen. Weil in diesen Fragen rhetorische Abgründe stecken, gilt Moore in den USA auch als Satiriker. Für seine Gegner bedeutet diese amerikanische Pose schlichtester Anständigkeit eine Herausforderung in ihrer eigenen Waffengattung. Nach der legendären Oscar-Dankesrede 2003 (»Shame on you, Mr. Bush«) kochte die Wut der rechtsgestrickten moral majority so hoch, dass Moore neun Leibwächter anheuerte.

Von Anfeindungen berichtet er in der ersten Episode seines neuen Buchs. Es eine Autobiografie zu nennen träfe die Sache nicht ganz; es handelt sich eher um ein Kompendium der wichtigen Themen in Amerikas politischer Geschichte, die anhand des Lebenslaufs eines irisch-katholischen Arbeiterjungen chronologisch abgehandelt werden. Mit dem Mooreschen Urgroßvater fängt es an: Er springt rettend ein, als die Weißen ein Indianerdorf dem Tod durch Seuchen und Hunger preisgeben. Vater Moore kämpfte im Zweiten Weltkrieg, der Sohn plante vor der Einberufung nach Vietnam die Flucht nach Kanada. Wie der 17-jährige Michael mit halbkriminellen Kumpels die Grenzen der USA zu überqueren versucht, das erinnert an die durchgeknallten Kifferfilme der 1970er Jahre. Überhaupt wirkt das Buch mit seinem lässigen Ton oft wie eine Polit-Soap. Immer wieder trifft Moore interessante Leute: den stark geschminkten Präsidenten Nixon bei seinem letzten Auftritt oder den Priester, der die Atombomben vor dem Abwurf über Hiroshima und Nagasaki gesegnet hat. So zieht sich eine Spur durch das Leben des Michael Moore, die des Widerstands gegen miese Lehrer, Pfarrer, Chefs, miese Politiker, überhaupt miese Leute. Die Bescheidenheit, die nötig wäre, um all die mutigen Worte zu kompensieren, müsste die eines Heiligen sein; und natürlich erhebt Michael Moore keinen Anspruch auf Heiligkeit.