Liebeskolumne / Liebeskolumne : Hat er ihr wirklich nichts weggenommen?

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Hat er ihr wirklich nichts weggenommen?

Die Frage: José und Pilar sind vor zwanzig Jahren aus Spanien zugewandert. Sie kennen sich von Kindheit an und haben jung geheiratet. Pilar hat ebenso wie José das Abitur gemacht, ihr Studium aber nicht abgeschlossen, weil das erste Kind kam. Er hat Karriere gemacht, während sie zu Hause blieb.

Als Pilar mit dem zweiten Kind schwanger war, schlief José mit einer Jugendfreundin, die sich in einer Ehekrise mit ihm trösten wollte. Pilar entdeckte eine SMS an José. Es war eine Liebesbotschaft. Seither ist nichts mehr so, wie es war. Pilar ist überzeugt, dass die Erotik, die Kosenamen, die sie vermisst, längst der anderen gehören. »Sie hat dir doch gar nichts weggenommen«, beteuert José. »Wir beide hatten mehr Sex, seit ich sie kenne, als zuvor!«

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die Rede von »nichts wegnehmen« wurzelt in einem Modell der Liebe, in dem Sex dem Hunger gleichgesetzt wird. Wo es genug gibt, um zwei satt zu machen, sollte sich niemand beklagen, wenn ein Teil nicht weggeworfen, sondern an Bedürftige verfüttert wird.

Dieses Modell krankt daran, dass sich die Liebe sehr viel ausdauernder und wirkungsvoller von Fantasien nähren kann als der Leib. Indem José sagt, was er sagt, trampelt er auf Pilars Fantasie von einer ihn ganz erfüllenden Liebe zu ihr herum, die sie bisher über ihr Karriereopfer an ihn und die Kinder getröstet hat. Pilar sollte ihr Defizit nicht in Vorwürfen formulieren, sondern in einem Entschluss, künftig besser für sich selbst zu sorgen.

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