Lisa Randall auf der DLD-Konferenz in München, April 2012 © Nadine Rupp/Getty Images

DIE ZEIT: Professor Randall, wussten Sie, dass Ihr Name auf Deutsch so viel heißt wie »Der Rand des Weltalls«?

Lisa Randall: Ja, das habe ich gemerkt, als ich mir die deutsche Übersetzung meines letzten Buches bei Google ansah. Da war immer von »edge of space« die Rede, was überhaupt keinen Sinn ergab – bis ich begriff, dass von mir selbst die Rede war.

ZEIT: Vielleicht war es Ihnen ja vorherbestimmt, das Universum zu erforschen und den Menschen die wissenschaftliche Schöpfungsgeschichte zu predigen.

Randall: Das Wort Schöpfung benutze ich nicht, und eine Predigerin bin ich schon gar nicht. Es geht mir darum, die Welt zu verstehen – also zu überprüfen, ob etwas wahr oder falsch ist.

ZEIT: Der Urknall ist auch eine Art Schöpfungsakt.

Randall: Aber die große Frage, wie alles anfing, können Kosmologen nur schwer beantworten. Die Urknalltheorie sagt uns, wie sich das Universum entwickelt hat, aber nicht, was am Anfang knallte. Darüber können wir nur spekulieren. Es ist nicht ausgeschlossen, dass noch andere Universen existieren, die von unserem komplett abgetrennt sind und in denen andere Naturgesetze gelten. Vielleicht gibt es da zum Beispiel eine andere Art Elektrizität.

ZEIT: Viele Ihrer Fachkollegen sind fasziniert von solchen Paralleluniversen. Stephen Hawking behauptet, dass die Theorie von einer möglichen Vielzahl der Universen Gott überflüssig mache.

Randall: Ach was, dieser Gottesstreit ist doch nur PR. Ich halte wenig davon, Wissenschaft als Ersatzreligion anzupreisen. Dass es andere Universen gibt, ist theoretisch denkbar, und die Idee mag sexy sein. Aber Wissenschaft muss auf Experimenten und überprüfbaren Vorhersagen beruhen.

ZEIT: Was ist falsch daran, die Faszination für die Wissenschaft zu wecken, indem man ein paar letzte Fragen stellt?

Randall: Nach jetzigem Wissensstand sind Paralleluniversen bloße Glaubenssache. Und wer nur über solche Aufreger spricht, hat in Amerika schnell die Kreationisten vor der Tür, die heftig protestieren. Ich hatte unlängst eine Diskussion mit dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Er beschwört das Schöne und Majestätische der Wissenschaft und glaubt, sie könne die Religion ersetzen. Für mich dagegen ist das Großartige an der Wissenschaft gerade ihre Unordnung. Wissenschaftler sind nicht im Besitz einer geoffenbarten Wahrheit, sondern müssen selber herausfinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wir überprüfen unsere Ideen und verwerfen sie wieder, auch wenn sie noch so schön sind.

ZEIT: Macht es Ihnen keinen Spaß, mit der Hypothese von einem Multiversum zu spielen?

Randall: Natürlich! Aber befriedigender ist es für mich, zu verstehen, was im Teilchenbeschleuniger LHC passiert.

ZEIT: Der deutsche Dichter Hans Magnus Enzensberger hat die Experimentierhallen des Schweizer Kernforschungszentrums Cern einmal »Kathedralen der Physik« genannt…

Randall: Warum nicht. Kathedralen sind für mich zunächst mal imposante Gebäude, Tempel der Kunst und Architektur – aber unabhängig vom Glauben. Es gibt heute Kirchen, die als Kletterhallen oder Restaurants dienen. Dementsprechend ist auch das Cern ein profaner Ort, eine zweckdienliche Maschine. Die Wissenschaft muss mit ihrer Hilfe gemacht werden, so wie eine Kathedrale der Religion dient. Das Cern wurde mit viel Erfindungsgabe und Schöpferkraft gebaut. In diesem Sinn ist es tatsächlich eine Kathedrale.

ZEIT: Aber beide, sowohl der Priester in der Kathedrale als auch der Physiker am Cern, behaupten, die Wahrheit zu verkünden.

Randall: Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob der Priester die Wahrheit auch gesucht hat oder immer nur glaubt, sie schon zu kennen. Wissenschaftler jedenfalls suchen die Wahrheit.