"Wenn du die Mona Lisa wärst, würdest du im Louvre hängen", singt Madonna auf ihrem neuen Album . Wie kam sie auf diese Zeilen? "Ich hatte gerade die Dreharbeiten zu meinem Film abgeschlossen und stellte mir vor, wie es sich anfühlen muss, jemand zu sein, der so erhaben ist und so idealisiert wird und so eine mächtige Position innehat wie ein König", antwortet sie. "Es ist, als wenn du ein Gemälde an der Wand wärst. Alle kommen, um es zu sehen, aber keiner kann es wirklich anfassen oder ihm nah sein."

Madonna. Seit fast 30 Jahren ist sie das schönste, das größte Gemälde in der Galerie des Pop . Sie ist die Königin, immer noch. Was passiert, wenn man versucht, ihr nah zu sein? In unserem Fall sitzt man der Königin 15 Minuten gegenüber, um ihr ein paar Fragen zu stellen. 15 Minuten mit Madonna in New York .

Zwei Stunden vor dem Interview ruft eine Mitarbeiterin der Plattenfirma an und fragt, ob sie die zwei Madonna-Fragen für Japan per Mail oder SMS schicken soll. Madonna-Fragen für Japan? Japan sei ein großer, ein wichtiger Markt, aber leider bekämen die Japaner kein eigenes Interview, sagt die Frau von der Plattenfirma. Ursprünglich sei geplant gewesen, dass das französische Fernsehteam, das mit Madonna sprechen darf, die Fragen für die Japaner stellen sollte, aber die Franzosen übernehmen jetzt die eine exklusive Madonna-Frage für Italien, weshalb Deutschland für Japan einspringen müsse. Madonna regiert die Welt auf ihre Weise, immer noch.

Dann weist die Frau von Madonnas Plattenfirma noch der Vollständigkeit halber auf die Themen hin, die mit Madonna auf keinen Fall besprochen werden dürfen: Kinder, Kindererziehung, Scheidung, Guy Ritchie, Liebesleben, Klatsch im Allgemeinen und Lady Gaga. Die junge Sängerin will die nächste Madonna werden, und offenbar hat die erste Madonna keine Lust, das zu kommentieren.


Gefragt werden soll nur nach Madonnas neuem Album MDNA und ihrer anstehenden Welttournee. Am Ende des Telefonats möchte die Frau von Madonnas Plattenfirma auch noch die geplante Strategie des Interviews besprechen. Strategie? Für fünfzehn Minuten? Meint sie das ernst? Da lacht die Frau. Dass man bei einer Viertelstunde mit Strategien nicht weit kommt, leuchtet auch ihr ein.

Vor sechs Wochen veröffentlichte Madonna ihr neues Album MDNA, das dreizehnte ihrer Karriere. Zum medialen Getöse, das so ein Großereignis im Popuniversum begleitet, gehört, dass die Künstler Journalistenfragen beantworten. Dabei gelten schlichte Regeln: Je weniger bekannt einer ist, umso mehr möchte er sich mitteilen – und umgekehrt. Denn wer in der Champions League der Branche angekommen ist, mag mit lästigen Journalistenfragen nicht mehr seine Zeit verplempern, das gilt für Bono von U2, für Bruce Springsteen und für Lady Gaga. Bob Dylan gewährte in seiner mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Karriere genau ein einziges Interview für Deutschland. Dagegen könnte man Madonna als Plaudertasche bezeichnen. Obwohl sie, was den Bekanntheitsgrad angeht, mit Bob Dylan auf Augenhöhe ist. Auch in diesem Jahrtausend verteidigt Madonna bislang, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, erfolgreich ihren Status als bekanntester Popstar des Planeten. Und deshalb sind Interviews mit ihr immer auch Audienzen.

Datum dieser Audienz: vorvergangener Donnerstag. Ort: New York, Hotel Carlyle . Treffpunkt: Hotel-Lobby, 22 Uhr. In diesem Hotel hat Madonna am frühen Abend ihren neuen Duft Truth or Dare vorgestellt. Gern wird in diesen Tage von Journalisten darauf hingewiesen, das Madonna auch schon 53 ist – gleichzeitig scheint es so, als würde ihr Alter ihre Arbeitswut eher befeuern als bremsen: Im Frühjahr startete in den USA der Kinofilm W.E. , bei dem Madonna Regie führte, ihr Album MDNA erschien, sie probt für eine Welttournee, die im Sommer beginnt, und nebenbei bringt sie ein Parfüm auf den Markt – man weiß von Königinnen, die weniger arbeiten.