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Acht Erinnerungen an Madonna: Was hat die Frau mit unserem Leben gemacht? von Lara Fritzsche

Pop-Ikone Madonna

Pop-Ikone Madonna  |  © UID

Who’s That Girl

»Schau dir das an«, rief mein Mann aufgeregt. Schon vom Flur aus hörte ich, dass er Westfernsehen schaute, weil jemand auf Englisch sang und alles leicht überdreht klang. Immer wieder stießen wir im Westprogramm auf interessante Sachen, zufällig, denn eine Fernsehzeitung, die aufführt, was auf den Sendern kommt, die wir nicht sehen durften, gab es natürlich nicht.

Diese kleine Kiste, die nicht mehr hervorbrachte als ein unscharfes Schwarz-Weiß-Bild, war wichtig für uns, sie brachte neue Impulse und Informationen in unsere Welt.

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So auch an diesem Abend 1987. Zu sehen war eine junge, tanzende Frau in Unterwäsche und Netzstrümpfen. Sie trug einen schwarzen Body, die Körbchen waren rundgesteppt und spitz. In den sechziger Jahren hatte ich einen ähnlichen BH von meiner Mutter bekommen und ihn nicht tragen wollen, weil er so steif war und die Brust zu einer penetranten Silhouette formte. Ich fand ihn peinlich. Und jetzt trug diese Frau ihn auf einer Bühne , ohne etwas darüber. Ich konnte es nicht fassen. Die Körbchen waren, an den Stellen, wo etwa die Brustwarzen sein müssten, mit goldenen Pailletten besetzt, und in deren Mitte waren schwarze Troddeln befestigt. Ich fand den Auftritt extrem, aber auch besonders. Ich weiß noch, dass mein Mann und ich an dem Abend noch über sie gesprochen haben, wir waren uns beide unsicher, ob wir diese Madonna nun gut fanden oder nicht, aber wir wussten, dass wir gerade etwas Legendäres gesehen hatten.

Sie war die erste Frau, die ihren Körper zum Gegenstand gemacht hat, obwohl sie eigentlich Sängerin ist. Je älter ich geworden bin, desto unpassender fand ich das. Inzwischen kommt sie mir fast zwanghaft vor. Immer noch so viel Haut, immer noch so sexuelle Bewegungen. Früher sagte man Madonna nach, sie erfinde sich ständig neu. Ich wünsche ihr, dass sie noch einmal eine neue Rolle für sich findet: eine angemessene.

Karin Primus, 56, lebt in Berlin und arbeitet als Architektin. Mit ihrem Mann hat sie jahrelang Briefe mit Musiktipps an Freunde verschickt. Madonna haben sie nie empfohlen

La Isla Bonita

Im Sommer 1986 war ich 12 und ging in die 6. Klasse des Weidig-Gymnasiums in Butzbach, hessische Provinz. Wir hatten getrennten Sportunterricht, der Klassiker: die Mädchen in der einen Sporthalle, die Jungs in der anderen. Die Mädchen tanzten Jazzdance, wir Jungs spielten nebenan Basketball. Natürlich fanden wir uns cooler. Einmal waren wir früher fertig, und während wir verschwitzt in die Umkleidekabine gingen, hörten wir aus der anderen Halle laut Musik, die irgendwie bunt und sagenhaft gut gelaunt klang. Doch mal nachschauen? Wir öffneten vorsichtig die Tür zur anderen Halle, nur einen Spaltbreit. Und da tanzten sie. Mit Stulpen über den Schuhen. Der Bass pumpte durch die Halle. Party on the schoolfloor. Ein Lächeln auf den Gesichtern der Mädchen, auch die Lehrerin wirkte entspannt. Sie waren ganz weit weg. Es war das erste Mal, dass ich La Isla Bonita von Madonna gehört habe.

Ich glaube nicht, dass wir damals darüber geredet haben (wann tun Jungs das schon), aber in diesem Moment, daran erinnere ich mich genau, dachte ich: Da drüben findet die bessere Party statt.

Christoph Amend, 38, lebt in Berlin und ist Chefredakteur des ZEITmagazins

Leserkommentare
  1. wenn man sich und seinen Körper zur Marke macht, entzieht sich mir - und natürlich wird auch Madonna älter und wird irgendwann künstliche Hüftgelenke brauchen; Lifting und Botox sind vermutlich schon passiert.
    Ich würde Madonna nicht unbedingt als Emanze sehen - eher als die höchste Stufe einer sich-selbst-Vermarkterin; ein normales Leben dürfte inzwischen unmöglich sein. Sie erinnert mich an Greta Garbo und Marlene Dietrich, die ab einem gewissen Alter sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückzogen, da sie den von ihnen gesetzten Normen einfach nicht mehr entsprechen konnten. Madonna bedient ebenso wie Greta und Marlene verschiedene Klischees - Heilige und Hure, das alte Frauenbild. Ich sehe nicht, daß sie dagegen verstößt, indem sie dieses Rollenbild grundsätzlich in Frage stellt.
    Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren.

  2. wirkt heute auf mich wie eine Frau, die krampfhaft versucht gegen ihr Alterwerden anzukämpfen. Damit ist sie weder ein Vorbild für junge Frauen noch für Frauen ihrer Generation.

    In den 80ern war sie die perfekte Botschafterin der Maxime:"Sex sells". Immer noch ein bisschen gewagter und vulgärer als andere. Das hat vor allem den jungen Männern gefallen.:)
    Mich als damals junge Frau hat das eher geärgert, denn sie hat ja nichts anderes getan als in die bekannte KLischeekiste zu greifen um Erfolg zu haben, nur dass sie halt noch etwas "tiefer" reingegriffen hat.

    Mich beeindrucken junge Sängerinnen wie die von Gossip, die selbstbewusst damit umgehen, dass sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen.

  3. 3. Damals

    Mir gefällt von Madonna nur der Titel „Holiday“, bzw. der Liveauftritt dazu in der US-Musiksendung Solid Gold (zu sehen auf youtube), weil sie dort nicht mehr sein will, als sie ist: Die kleine, nett anzuschauende Frau und gesanglich limitierte Künstlerin. Ihre weiße Haut und ihr bleiches Make-up bilden einen wunderbaren Kontrast zu ihrem wavigem, schwarzen Outfit, ihr Tanz wirkt natürlich und ist noch keinem choreografischen Größenwahn zum Opfer gefallen, die Musik klingt frisch,fröhlich,funky, geeignet, um sich in den Sommerurlaub zu stürzen, und nicht wie der langweilige Ikonengesang der späteren Kunstfigur. Jugend siegt sowieso immer.

  4. 4. superb

    Madonna ist schon alt, das stimmt, aber sie ist immer noch ein SUPERSTAR, ganau so wie Michael Jackson and Whitney H.

    • whale
    • 09. Mai 2012 11:30 Uhr

    Ich glaube, "Superstar" im dem Sinne, überaus bekannt/berühmt zu sein innerhalb der allgegenwärtigen Popkultur, wie z.B. auch Michael Jackson, beruht vor allem auf der Fähigkeit, sich mit den geballten Mitteln einer Marketingindustrie zur Projektionsfläche für die Fantasie und Träume, ja auch zur Quelle der Selbstbestätigung eines möglichst großen Publikums ("Mainstream") zu machen. Umso erfolgreicher gelingt dies, je schlichter und offensichtlicher bedient wird, was bedient werden soll (was bei Madonna oft als "provokant" bezeichnet wird, ist eine geschickte Form der Plakativität).
    Wirkliche Fähigkeiten im klassischen, "handwerklichen" Sinne, das Genre betreffend (hier Musik und Tanz) mögen vorhanden sein, sind aber nebensächlich bis unterdurchschnittlich, gemessen an dem, was andere, auch eher Unbekannte, zu bieten haben.

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