Klar, ich schreibe nicht nur, ich lese auch. Zum Beispiel hin und wieder die Kolumnen auf Spiegel Online . Dort äußert sich regelmäßig die Schriftstellerin Sibylle Berg . Auch zu Günter Grass hat sie etwas geschrieben : »Dieses Rätsel, wie Männer es immer wieder schaffen, an die Spitze zu kommen, allein weil sie es eben wollen. Im Fall Grass ist es weder die künstlerische Leistung noch die bestechende Intelligenz, die ihn so weit brachte.«

Ja, sicher, ohne ein gewisses Maß an Willen macht kein Mensch Karriere, egal in welchem Beruf, egal ob Mann oder Frau. Was ist daran rätselhaft oder kritikwürdig? Es wäre doch geradezu menschenfeindlich, Spitzenpositionen zwangsweise mit Personen zu besetzen, die gar keine Spitzenposition haben wollen. Was ich ein bisschen unappetitlich finde, ist die Tatsache, dass Frau Berg Günter Grass die »künstlerische Leistung« sowie »Intelligenz« abspricht. Selbst wenn man die Blechtrommel für ein schlechtes Buch hält, muss man einräumen, dass es sich um einen mit dem Nobelpreis gekrönten Weltbestseller handelt. Wer behauptet, das könne jeder Depp schaffen, der oder die soll es halt einfach mal nachmachen.

Weiter im Text: »In der Welt der Männer langt es vermutlich, das Kinn nach vorne zu schieben, den Gegner beiseite zu walzen, nicht zuzuhören, keine Rücksicht auf Verluste... Eine Strategie, die keiner Frau einfiele, wage ich zu behaupten... Männer würden nie auf die Idee kommen, einer Autorin oder Philosophin den Spitzenplatz einzuräumen... Langt es doch, dass sie sich durch den Anblick der Frau ständig an die Peinlichkeit der eigenen Geburt erinnern lassen müssen.«

Ich wage zu behaupten, dass man über »die Frauen« nicht in dieser Tonlage schreiben dürfte, jedenfalls nicht in einem deutschen Mainstream-Medium. Ich möchte hinzufügen: Zum Glück. »In der Welt der Frauen langt es vermutlich, mit der Hüfte zu wackeln und über die bösen Männer zu jammern« – nein, so was ist einfach nur unintelligent und voller Ressentiment. Mag sein, dass die Männer einer Frau wie Sibylle Berg nicht »den Spitzenplatz einräumen« – Wie geht das eigentlich bei Autoren? Per Akklamation? –, aber zum Ausgleich darf sie immerhin im Spiegel ein Zeug veröffentlichen, das man keinem Mann abkaufen würde. Das ist doch auch schon mal eine nette Geste.

Wer tatsächlich glaubt, die Kunst des Niederwalzens sei nur den Männern gegeben, möge sich einfach ein paar alte Talkshows mit meiner verehrten Freundin Alice Schwarzer , mit Désirée Nick oder mit der schwäbischen Schwertgosch Herta Däubler-Gmelin anschauen. Es gehört für mich zu den Rätseln der feministischen Theorie, wieso die Geschlechtsunterschiede einerseits gesellschaftlich bedingt sein sollen, andererseits aber Frauen, wenn sie in der gleichen gesellschaftlichen Position sind wie Männer, als Chefin, sich angeblich anders verhalten, weiblich, was dann ja nur biologisch bedingt sein kann. In puncto Logik ist der Feminismus manchmal auf etwa dem gleichen Level wie der Islamismus.

Kein Mann kommt auf die Idee, einer Frau den Spitzenplatz einzuräumen? Ich muss uns mal loben. In der Geschichte hat kaum je eine soziale Gruppe einen Teil ihrer Macht freiwillig abgegeben. Die Frauenquoten aber werden fast überall gegen relativ geringen männlichen Widerstand eingeführt. Wenn aber ein Mann eine Frau betrachtet, dann denkt er mal an dieses, mal an jenes, aber er denkt, verehrte Frau Berg, so gut wie nie an die Peinlichkeit seiner eigenen Geburt. Meine Geburt war übrigens total schön, ich denke da gerne dran.

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