Wenn der Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) das nächste Mal tagt, wird es brisant, aus mehreren Gründen. Zum einen wird der frühere bayerische Innenminister Günther Beckstein , CSU , vorgeladen. Beckstein wird belastet von dem einzigen Helden, den das NSU-Drama bisher hervorgebracht hat: von Wolfgang Geier , dem damaligen Leiter der "Sonderkommission Bosporus ", die wegen der neun Morde in ganz Deutschland ermittelte. Geier war der einzige Beamte, der in den Jahren 2006 und 2007 an der These festgehalten hat, die Mordserie sei von einem rechtsextremistischen Einzeltäter begangen worden.

Alle anderen beteiligten Behörden gingen trotz etlicher Ungereimtheiten und Widersprüche jahrelang von der "Organisationstheorie" aus, vermuteten die Mörder also in Kreisen des Organisierten Verbrechens. Als Geier vergangene Woche während seiner Vernehmung vor dem Ausschuss auf Nachfrage von SPD und Linken einen von Hand beschriebenen Zettel aus der Tasche holte, hielt der ganze Saal die Luft an. Auf dem Zettel stand: "Minister sieht Einzeltätertheorie als kritisch für die Öffentlichkeit."

Beckstein hatte damals angeblich gewarnt, die Behörden sollten mit der Veröffentlichung der Rechtsextremismus-Hypothese keine Angst in der türkischen Bevölkerung schüren – ein folgenschwerer Paternalismus. Außerdem, so habe Beckstein eingewandt, bestehe das Risiko, durch zu viel Publizität "Trittbrettfahrer" zu ermutigen. Es war der Sommer 2006, Deutschland feierte sein Fußballmärchen. Wie hätten Gerüchte über rechtsextreme Serienkiller da gewirkt?

Läuft also im NSU-Untersuchungsausschuss alles darauf hinaus, wie die SPD-Abgeordnete Eva Högl gelegentlich anzudeuten scheint, dass die Bayern – sprich: "die Rechten" – auf dem rechten Auge blind waren und die Gefahr verharmlost haben, die von der Zwickauer Terrortruppe ausging?

Ganz so einfach ist es nicht. Denn zu den 30 Millionen Daten, die die Kriminaler bis zum Sommer 2006 bereits gesammelt hatten, gehörten auch Ermittlungsergebnisse aus der Türkei . Ermittlungsergebnisse, die es in sich hatten: Es waren türkische Behörden, die den "Bosporus"-Beamten eine Verbindung der Opfer zum Organisierten Verbrechen nahegelegt hatten. 3000 Hinweise in Richtung Organisierte Kriminalität waren auch aus deutschen Haftanstalten eingegangen, nachdem die Sicherheitsbehörden eine entsprechende Belohnung ausgesetzt hatten.