Rechtsterrorismus : Wer übersah Spur 195?

Falsche Tipps aus Ankara, falsche Rücksicht auf Ängste deutscher Türken: Der NSU-Ausschuss erforscht die Irrwege der Nazi-Mord-Ermittler.

Wenn der Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) das nächste Mal tagt, wird es brisant, aus mehreren Gründen. Zum einen wird der frühere bayerische Innenminister Günther Beckstein , CSU , vorgeladen. Beckstein wird belastet von dem einzigen Helden, den das NSU-Drama bisher hervorgebracht hat: von Wolfgang Geier , dem damaligen Leiter der "Sonderkommission Bosporus ", die wegen der neun Morde in ganz Deutschland ermittelte. Geier war der einzige Beamte, der in den Jahren 2006 und 2007 an der These festgehalten hat, die Mordserie sei von einem rechtsextremistischen Einzeltäter begangen worden.

Alle anderen beteiligten Behörden gingen trotz etlicher Ungereimtheiten und Widersprüche jahrelang von der "Organisationstheorie" aus, vermuteten die Mörder also in Kreisen des Organisierten Verbrechens. Als Geier vergangene Woche während seiner Vernehmung vor dem Ausschuss auf Nachfrage von SPD und Linken einen von Hand beschriebenen Zettel aus der Tasche holte, hielt der ganze Saal die Luft an. Auf dem Zettel stand: "Minister sieht Einzeltätertheorie als kritisch für die Öffentlichkeit."

Beckstein hatte damals angeblich gewarnt, die Behörden sollten mit der Veröffentlichung der Rechtsextremismus-Hypothese keine Angst in der türkischen Bevölkerung schüren – ein folgenschwerer Paternalismus. Außerdem, so habe Beckstein eingewandt, bestehe das Risiko, durch zu viel Publizität "Trittbrettfahrer" zu ermutigen. Es war der Sommer 2006, Deutschland feierte sein Fußballmärchen. Wie hätten Gerüchte über rechtsextreme Serienkiller da gewirkt?

Läuft also im NSU-Untersuchungsausschuss alles darauf hinaus, wie die SPD-Abgeordnete Eva Högl gelegentlich anzudeuten scheint, dass die Bayern – sprich: "die Rechten" – auf dem rechten Auge blind waren und die Gefahr verharmlost haben, die von der Zwickauer Terrortruppe ausging?

Ganz so einfach ist es nicht. Denn zu den 30 Millionen Daten, die die Kriminaler bis zum Sommer 2006 bereits gesammelt hatten, gehörten auch Ermittlungsergebnisse aus der Türkei . Ermittlungsergebnisse, die es in sich hatten: Es waren türkische Behörden, die den "Bosporus"-Beamten eine Verbindung der Opfer zum Organisierten Verbrechen nahegelegt hatten. 3000 Hinweise in Richtung Organisierte Kriminalität waren auch aus deutschen Haftanstalten eingegangen, nachdem die Sicherheitsbehörden eine entsprechende Belohnung ausgesetzt hatten.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

"Falsche Tipps aus Ankara" Treffer...

die haben alles noch komplizierter gemacht! Warum wird Otto Schily nicht mehr in die Mangel genommen?

Ich finde vor allem die Grünen um Cem Özdemir sollten hier ganz ruhig sein. Die Grünen haben bis heute keinen Innenminister/senator gestellt. Sie spielen hier die "wir wissen alles besser" Fraktion.

Alle haben versagt, weil man auch Angst vor einem deutschen FBI hat das in unserem geographisch kleinen Land (Australien, USA sind ja nur ein bissal grösser) ja sehr schlimm wäre.

Solange der Untersuchungsausschuss nicht zur

Spielwiese parteipolitischer Eitelkeiten mutiert, ist seine Arbeit von nicht geringer Bedeutung.

Ansonsten wird man abwarten müssen, was er noch so alles zutage fördern wird.
Eines lässt sich wohl zweifelsfrei feststellen: Es war ein glücklicher Zufall, der half, die NSU-Zelle auffliegen zu lassen.

Die Argumentation ist etwas merkwürdig:

'Noch komplizierter wird die Sache dadurch, dass drei der Opfer offenbar tatsächlich Verbindungen zur Organisierten Kriminalität hatten. Bei einem war es die Drogenszene, bei einem anderen das Glücksspiel, ein Dritter schließlich erwies sich als Sympathisant der kurdischen Terrororganisation PKK. Man wolle diese Erkenntnisse derzeit nicht an die große Glocke hängen, hat Geier vor dem Untersuchungsausschuss gemurmelt. »Wir wollen die Opfer ja nicht ein zweites Mal viktimisieren.« '
Es klingt, als seien die Opfer bösartige Kriminelle gewesen. Was heißt aber bitte hier Kontakt zur OK genau? War jemand von den Opfern Dealer in großem Maßstab, hatte der andere mehrere Spielsalons und seine Konkurrenten beseitigt und hat der Dritte die PKK aktiv unterstützt? Mir erscheint die Argumentation hier etwas an den Haaren herbeigezogen; ohne genauere Einzelheiten zu wissen, ist es schwer, die Einschätzung zu teilen. Wenn man aber voreingenommen an die Sachlage herangeht (und ein rechter Hintergrund wurde ja wohl explizit ausgeschlossen), dann muß man sich nicht wundern, daß Kommissar Zufall regiert.