Evidenzbasierte Medizin: Lob der Erfahrung
Unser Leben wird von Statistiken dominiert. Ein Plädoyer für den Wert persönlichen Wissens in Alltag und Medizin
Der Patient war blass und nicht ganz bei sich. Er sprach undeutlich und konnte nicht mehr gut sehen. Während die Assistenzärzte in der Notaufnahme des Hamburger Krankenhauses noch über den Fall grübelten, stand auf einmal der Chefarzt in der Tür. Ein Blick und ein paar Fragen reichten ihm. »Morbus Moschcowitz«, lautete seine Diagnose. Im Routinebetrieb wäre diese extrem seltene Blutgefäßerkrankung vielleicht erst nach Monaten festgestellt worden. Der erfahrene Chef hatte die Zeichen sofort erkannt.
Gesa Weisberg erinnert sich gut an die Geschichte. »Wir standen alle da und dachten, das ist ja krass«, sagt die junge Ärztin. »Darauf wären wir im Leben nicht gekommen.« Diagnostische Intuition ist eine Gabe, die sich Ärzte im Laufe ihrer Karriere mühsam erarbeiten müssen: Tausend Begegnungen mit Patienten, ihre Gerüche, ihre Stimmen, ihre Gesichter, ihre Messwerte, Erfolg oder Misserfolg der angesetzten Therapien verdichten sich zu einem persönlichen Wissensschatz.
Erfahrungswissen. Klingt gut, klingt vertrauenserweckend, Patienten schätzen diese ärztliche Eigenschaft sehr. Aber Erfahrungswissen gilt inzwischen als hinderlich, es produziert Fehler. Der aufgeklärte Mensch verlässt sich lieber auf Statistiken, Berechnungen, wissenschaftliche Studien.
Erfahrung wird inzwischen mit Argwohn betrachtet. In Frankfurt endete im vergangenen Jahr der Parketthandel. Statt Menschen senden nun Computer die Orders. In der Industrie sind weniger die erfahrenen Meister gefragt, sondern perfekte Automaten. Fußballtrainer misstrauen ihren Instinkten und untersuchen per Datenanalyse jeden Schritt ihrer Spieler, sie zählen Ballkontakte und Laufwege. Doch am auffälligsten erscheint der Verlust des Vertrauens in die eigenen Erfahrungen in der Medizin. Weil sie sich stets an der Schnittstelle zwischen harter Wissenschaft und schwer fassbaren menschlichen Regungen bewegen, sind Ärzte beständig in Gefahr, etwas zu übersehen oder falsch einzuschätzen. Diagnose- und Therapiefehler können ernste juristische Folgen haben. Darum verlassen sich viele Mediziner lieber auf statistisch fundierte Regelwerke und verbindliche »Leitlinien« als auf ihr erfahrungsgeprägtes Bauchgefühl.
Nach vier Jahren Notfallmedizin arbeitet Gesa Weisberg heute in der Asklepios-Klinik Hamburg-Altona, Abteilung Magen-Darm-Erkrankungen. Als 32-jährige Anfängerin erlebt sie die Spannung zwischen der alten Welt der erfahrenen Kliniker und der neuen Welt der Zahlenfans besonders deutlich. Da ist zum Beispiel Christian Meyer zum Büschenfelde, der 43-jährige Krebsarzt, der in dieser Woche Chefarzt der Onkologie geworden ist. Für einen wie ihn ist der tägliche Blick ins Internet selbstverständlich. Dort findet er die neuesten Studien und Untersuchungsergebnisse. Für Weisbergs Chef dagegen, Professor Friedrich Hagenmüller, ist Erfahrung alles. An welchem der beiden Rollenbilder soll sich die Ärztin orientieren? Und vor allem: Was ist für die Patienten am besten?
Viele Kognitionsforscher halten heute Erfahrung für keinen guten Ratgeber, weil wir uns allzu leicht täuschen lassen. »Im Großen und Ganzen ist die Idee, dass unser Verstand empfänglich ist für systematische Denkfehler, inzwischen allgemein akzeptiert«, schreibt der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman in seinem neuen Buch Thinking, Fast and Slow. Auf 512 Seiten fasst er dort die Unzulänglichkeiten unseres Gehirns zusammen. Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich der Nobelpreisträger mit allen Arten von Trugschlüssen, die unsere Sicht auf die Welt verzerren.






aber es sollte nicht als Argument gegen EBM verwendet werden. Grade niedergelassene Allgemeinmediziner kennen grade mal hundert Krankheitsbilder und 50 Medikamente, die sie regelmäßig verschreiben. Bei eher seltenen Krankheitsbildern kann man "Pech" haben - mein Lymphom z.B. wurde erst von Arzt Nr. 7 richtig diagnostiziert, vorher wurde ich mehrere Monate von einem Arzt zum anderen geschickt... Wundert sich da jetzt jemand noch, wenn ich sage, dass 3/4 aller Ärzte nichts taugen? Anderes Beispiel: CT vom Hirn meines Vaters - er hat ein langsam wachsenden Tumor am Sehnerv. Nur findet der Arzt bei einer Untersuchung den nicht. Spontanheilung? Ich bin Biologe und hab mir die auf CD mitgegebene DICOM-Datei mal mit meinen Viewern angeguckt - die Schnittweite beim Scan war so eingestellt, dass der interessante Bereich überhaupt nicht getroffen wurde! Schnittebene ober- und unterhalb! Und für solchen Pfusch kassieren Ärzte Geld, viel Geld...
Meiner Meinung nach hat dieser Artikel ein ganze Menge Konzepte und Prinzipien durcheinandergeworfen. Beispielsweise kann der Chefarzt im ersten Beispiel trotz der ersten Einschätzung durch Erfahrung noch immer auf die evidenzbasierte Medizin zurückgreifen, indem er seine Einschätzung mit den entsprechenden Daten zur Charakterisierung von Morbus Moschcowitz abgleicht und danach der entsprechenden evidenzbasierten Therapie folgt. Wenn ein Arzt von evidenzbasierten Maßnahmen abweichen möchte, sollte er sehr genau überlegen, weshalb (und ob er nicht in eine Denkfalle tappt) und für und wider abwägen; nur dann ist es gerechtfertigt, aber eben auch gerechtfertigt.
Evidenzbasierte Medizin nimmt nicht Ärzten die Kontrolle, sondern sie entmachtet allenfalls Götter in Weiß, die nun wirklich niemand braucht. Ich persönlich halte es für gefährlich, gegen den Einsatz evidenzbasierter Medizin mit "mehr Menschlichkeit in der Medizin" und "ich bin ein haptischer Typ" zu argumentieren - ersteres kann man besser mit Verständnis für Patienten und klaren Erklärungen erreichen, letzteres gehört ins Handwerk, nicht in die Medizin.
Außerdem impliziert der Artikel im letzten Absatz, dass Entscheidung nach Erfahrung besonders gut mit Ethik korreliert, was ich sehr bezweifle.
Ich persönlich möchte bitte weiterhin nach den Empfehlungen der Cochrane Collaboration behandelt werden.
"Der wachsame Arzt erfährt vom ersten Augenblick an sehr viel mehr über den Patienten, als ihm die nackten Messwerte eines EKG oder Blutdruckmessgeräts verraten könnten. Stimme, Gesichtsfarbe, Händedruck, seine Lebensverhältnisse, sie vervollständigen das Bild des Patienten. Aus vielen solchen Eindrücken entsteht Erfahrungswissen."
Fragt sich halt nur, wann diese Eindücke gesammelt werden sollen, wenn das durchschnittliche Visitengespräch gerade mal drei Sekunden dauert und in einem Monolog des Arztes besteht. Händchenhalten ist wegen multiresistenter Keime lebensgefährlich und das Bild des Arzt-Patienten-Verhältnisses, so wie es hier beschrieben wird, stammt aus den 50er Jahren.
Evidenzbasierte Medizin ist unbeliebt bei Ärzten, weil sie deren Macht begrenzt. So, wie sie hier dargestellt wird, war sie nie gemeint.
um ein populistisches Lob auf die "Intuition" zu singen - dabei wurde die Fehleranfälligkeit der Intuition wieder und wieder empirisch belegt, der Aderlass als herausragendes Beispiel wurde hier ja erwähnt. Diverse Homöopathische Praktiken werden ja auch immer wieder mit der "Erfahrung dass es hilft" gerechtfertigt, die dann aber in klinischen Studien nicht nachgewiesen werden kann.
Und das derzeitige Handeln in Finanzmärkten und die Politik als evidence-based zu bezeichnen ist skurril - hier ist doch gerade das Problem dass es keine systematischen Untersuchungen gibt ob bestimmte Interventionen sinnvoll sind, die derzeitigen Problem sind ja geradezu Paradebeispiele für Heuristiken die anscheinend nicht besonders gut funktionieren (Zahlen != evidence-based)
Was bleibt: die Besinnung auf kontrollierte klinische Studien war ein gewaltiger Fortschritt für die Medizin von der wir alle profitieren. Das in Frage zu stellen ist gefährlich und kurzsichtig. Natürlich heißt dass nicht dass man seinen Kopf ausschaltet, und für viele Problem gibt es keine Studien und dann muss man aus vorhandenem Wissen extrapolieren. Aber ich hoffe dass mein Arzt auch in Zukunft nicht nur aus "Intuition" entscheidet, sondern die Fachzeitschriften liest und dann auch zur Kenntnis nimmt welche Handlungsoptionen eine bessere Wirkung zeigen.
Nur Evidenz aus randomisierten verblindeten Studien kann Auskunft darüber gegen, wie sich eine Therapie mit einer anderen in punkto Wirkung und Nebenwirkungen vergleicht. Es gibt unzählige Beispiele, in denen solche Studien die „Erfahrungen“ und Therapieempfehlungen der Mediziner als falsch entlarvten. Es stimmt auch durch aus nicht, dass evidenz-basierte Medizin zu einer aggressiveren und weniger menschlichen Therapie führt, viele sehr aggressive Ansätze habe sich gerade in randomisierten Studien als falsch erwiesen (z.B. Hochdosistherapie mit Knochenmarkstransplantation für solide Tumore).
Für die Diagnose, für die Entscheidung, wie viel Nebenwirkung sich für einen individuellen Patienten für wie viel Wirkung „lohnt“ und für Lösungen und für Lösungen für ungewöhnliche Fälle, die von den klinischen Studien nicht abgedeckt sind, ist Erfahrung extrem wichtig.
Schließlich ist der offene Austausch von medizinischen Einschätzungen extrem wichtig, ein Austausch der in der traditionell sehr hierarchischen Krankenhauswelt lange unter Hinweis auf Erfahrung und Autorität unterdrückt wurde.
PS & Nebenbemerkung: Daten aus evidenz-basierter Medizin sollte man sehr sorgfältig interpretieren - Grundkenntnisse der medizinischen Statistik helfen. Handelt es sich bei den im Artikel erwähnten 12,7 Tagen tatsächlich um die „mittlere Lebensverlängerung“? Das wäre sehr ungewöhnlich, da klinische Studien aus methodischen Gründen meist mit dem Median arbeiten. Hinter einer geringen medianen Lebensverlängerung kann sich aber immer noch ein sehr deutlicher Gewinn (bis zur Heilung) für eine Minderheit der Patienten verstecken.
Vielleicht veraten Sie uns, um welche Studie es sich dreht?
PS & Nebenbemerkung: Daten aus evidenz-basierter Medizin sollte man sehr sorgfältig interpretieren - Grundkenntnisse der medizinischen Statistik helfen. Handelt es sich bei den im Artikel erwähnten 12,7 Tagen tatsächlich um die „mittlere Lebensverlängerung“? Das wäre sehr ungewöhnlich, da klinische Studien aus methodischen Gründen meist mit dem Median arbeiten. Hinter einer geringen medianen Lebensverlängerung kann sich aber immer noch ein sehr deutlicher Gewinn (bis zur Heilung) für eine Minderheit der Patienten verstecken.
Vielleicht veraten Sie uns, um welche Studie es sich dreht?
PS & Nebenbemerkung: Daten aus evidenz-basierter Medizin sollte man sehr sorgfältig interpretieren - Grundkenntnisse der medizinischen Statistik helfen. Handelt es sich bei den im Artikel erwähnten 12,7 Tagen tatsächlich um die „mittlere Lebensverlängerung“? Das wäre sehr ungewöhnlich, da klinische Studien aus methodischen Gründen meist mit dem Median arbeiten. Hinter einer geringen medianen Lebensverlängerung kann sich aber immer noch ein sehr deutlicher Gewinn (bis zur Heilung) für eine Minderheit der Patienten verstecken.
Vielleicht veraten Sie uns, um welche Studie es sich dreht?
"Gerd Gigerenzer hat gerade ein dickes Buch darüber veröffentlicht, wie sich bei unsicherer Datenlage gute Lösungen finden lassen. »Heuristik« heißt die Methode.
Der Trick liegt in einer schrittweisen Annäherung an die beste Lösung."
Darin liegt genau der Knackpunkt! Eine Heuristik liefert eben NICHT die beste Loesung (zumindest nicht garantiert), sondern eine gute Loesung in sehr viel schnellerer Zeit.
Für den altgedienten Arzt, der schon mehrfach mit einem seltenen Krankheitsbild konfontiert wurde reicht u.U. eine Blickdiagnose. Die weniger Erfahrenen können sich an strukturierten Diagnoseschritten orientieren.
Evidenzbasierte Medizin funktioniert nicht wie aus dem Kochbuch. Studien sind interpretationsbedürftig. Ist die Studienlage bzgl. Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen etc. auf meinen Patienten anwendbar? Die Therapieentscheidung muss immer individuell für den Patienten getroffen werden - allerdings in Kenntnis der aktuellen Empfehlungen. Darin liegt die ärztliche Leistung in der modernen Medizin.
Autistische Therapieentscheidungen aufgrund gefühlsmäßiger Neigung und die Ignoranz der Erfahrungen aus großen Therapiestudien sollten allerdings der Vergangenheit angehören.
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