ZEIT: Was geschieht, wenn sich in diesen Prozess eine Fehlannahme einschleicht? Viele Menschen glauben zum Beispiel, dass Homöopathie ihre Krankheit geheilt hat. Die vermeintlichen Heilungserfolge gehen aber auf das Konto von Placeboeffekten oder Zufall. Kann einem ein halbwegs plausibles Erklärungsmuster den Blick auf die wahren Zusammenhänge verstellen?

Kiefer: Das ist eben keine Erfahrung durch eigene Sinne, sondern Hörensagen. Die Menschen haben gehört, dass etwas wirkt, und sind deshalb nur allzu gern bereit, diese Wirkung auch an sich zu entdecken. Viele falsche Überzeugungen kommen dadurch zustande, dass die nötige erfahrungsbasierte Korrektur fehlt. Das aber macht die empirische Wissenschaft: Man gibt eben nicht dogmatische Ansichten von Autoritäten wieder, sondern versucht, Erfahrungen systematisch zu bestätigen – oder zu widerlegen.

ZEIT: Am Ende dieses Prozesses steht dann systematisch abgesichertes Wissen. Aber wir machen Erfahrungen, die diesem Wissen mitunter widersprechen. Wie entscheiden wir dann?

Kiefer: Wenn Entscheidungen getroffen werden, beruhen diese immer auf einer Interaktion von abstraktem Wissen und Erfahrung.

ZEIT: Dass kann sehr frustrierend sein. Der ältere Kollege verweist auf seine jahrzehntelange Erfahrung und lässt den jüngeren mit seinem statistisch wohlbegründeten Vorschlag abblitzen.

Kiefer: Unser kognitives System neigt nun einmal zur internen Konsistenz. Das heißt, wenn wir bestimmte Erfahrungen gemacht haben, dann wird die neue Information erst einmal in das bewährte Konzept eingebaut. Erst wenn sehr massive Diskrepanzen auftreten, ist man bereit, von althergebrachten Positionen abzuweichen.

ZEIT: Das klingt nach Starrsinn…

Kiefer: Ein gewisses Beharren ist sinnvoll. Eine einzelne Beobachtung könnte ja nur Zufall gewesen sein.

ZEIT: Wenn Erfahrung uns konservativ macht, wie kann man dann noch etwas grundsätzlich Neues entdecken?

Kiefer: Wenn ich tagtäglich immer dieselben Erfahrungen mache, ist es nicht verwunderlich, wenn meine Simulationsmaschine immer im selben Zustand verharrt. Aber ich kann gezielt neue Situationen aufsuchen, die mein vorhandenes Wissen infrage stellen.

ZEIT: …um Flexibilität zu trainieren?

Kiefer: Genau. Man weiß mittlerweile, dass neue Erfahrungen das Belohnungssystem in unseren Gehirnen anstacheln. Ich könnte zum Beispiel in neue Länder reisen und mich neuen Herausforderungen stellen. Nur die selbst gemachte Erfahrung hat die Unmittelbarkeit, die unser Gehirn sofort versteht.