Philosophie : Worauf ist noch Verlass?

Für John Locke und David Hume war Erfahrung alles. Bis Immanuel Kant an ihr zu zweifeln begann.

Wenn auch der Boden schwankt, wenn alles kopfsteht und die Welt uns um den Verstand bringt – auf eines, so glauben wir, ist immer Verlass: auf unsere Erfahrung. Die Erfahrung gibt uns festen Halt, sie ist der Anker im Nebelmeer. Wenn die Sonne scheint, dann wird es warm. Und wenn es regnet, dann wird es nass. Wir können uns nicht täuschen, die Sinne sagen uns die Wahrheit. Was wir von der Welt wissen, das wissen wir aus Erfahrung.

Philosophen glaubten das lange Zeit auch, und sie empfanden genauso wie die Menschen auf der Straße. John Locke (1632 bis 1704) zum Beispiel war überzeugt davon, dass all das, was wir wissen, »rein« aus unseren Sinnen und aus unserer Erfahrung stammt. »Woher hat der Geist all das Material für seine Vernunft und für seine Erkenntnis? Ich antworte darauf mit einem einzigen Worte: aus der Erfahrung.« Kaum anders sagte es der scharfzüngige David Hume (1711 bis 1776). Die »Eindrücke«, die uns die Erfahrung verschafft, »sind alle stark und sinnfällig. Sie lassen keine Zweideutigkeit zu. Sie liegen im hellen Licht.«

Doch bald kamen den Philosophen Zweifel. Sie ahnten, dass wir uns zwar im Alltag auf unsere Erfahrungen verlassen können, nicht aber in der Wissenschaft. Die wissenschaftliche Erfahrung ist nämlich von zwei Dingen abhängig: von den Umständen, in denen sie gemacht, und von der Theorie, in der sie formuliert wird. Der Philosoph George Berkeley (1685 bis 1753) glaubte noch, dieses Problem lösen können; die Wissenschaft, meinte er, müsse nur den »Schleier« der Theorie beiseiteziehen und ein paar Undeutlichkeiten beseitigen, dann würden ihr die Objekte klar und wahr vor Augen stehen.

Genau das glaubte Immanuel Kant (1724 bis 1804) nicht mehr. Er glaubte nicht, dass wir das »Wesen« der Dinge »rein« in Erfahrung bringen könnten, denn die Dinge seien immer schon durch unsere »Vorgaben« erfasst. Es gibt kein Ding an sich, es gibt nur ein Ding für uns. Wir erkennen, so Kant, von den Objekten nur das, was wir, die Subjekte, »selbst in sie legen«. Das war Kants kopernikanische Wende, und sie bedeutete damals eine Revolution der »Denkungsart«.

Wenn es kein »Ding an sich« gibt – was folgt daraus für unsere Alltagserfahrung? Kann man überhaupt noch unbeirrt einen Fuß vor die Tür setzen? Müsste man nicht ständig daran zweifeln, ob die empirische Erfahrung, auf einer Bananenschale auszurutschen, theoretisch überhaupt möglich ist? Natürlich hatte es Kant so nicht gemeint, und seine Zeitgenossen durften beruhigt sein: Die Welt der Alltagserfahrung ist zwar unbewiesen, aber bewährt. Morgens geht die Sonne auf, und abends geht sie unter. Mag sich der Wissenschaftler über die Theorieabhängigkeit seiner Erfahrung auch den Kopf zerbrechen – unser Alltag bleibt zum Glück davon verschont.

Und doch ist es mit dieser sauberen Trennung von Wissenschaft und Lebenswelt nicht mehr weit her. Auf ganzer Breite sickern heute wissenschaftliche Erkenntnisse in den Alltag ein und infiltrieren unsere Erfahrung. In Buchhandlungen liegen populärwissenschaftliche Lebensratgeber gleich tonnenweise aus, sie sind die Bibeln der Gegenwart, ihnen glauben wir aufs Wort, sogar bei der Kindererziehung. Pausenlos mathematisieren wir unsere Erfahrung, wir lassen sie statistisch erfassen, vermessen und bewerten, und selbst wer nur ein paar Meter durch den Wald hüpft, vertraut nicht mehr der Erfahrung seines Körpers, sondern nur noch seinem Pulsmessgerät.

Allerdings: Wenn alles in Maßeinheiten verrechnet, wenn alles durch Ratgeberwissen gefiltert und gescannt wird, dann verflüchtigt sich der Wert der gelebten Erfahrung, dann wird sie immer dünner und dümmer. Im Vergleich zu dem, was wissenschaftlich zweifelsfrei »gemessen« werden kann, zieht die Erfahrung von vornherein den Kürzeren, sie wird klein und unscheinbar – man traut ihr nicht mehr über den Weg. »Die Erfahrung«, schrieb der Philosoph Walter Benjamin (1892 bis 1940), «ist im Kurs gefallen... Arm sind wird geworden. Ein Stück des Menschheitserbes nach dem anderen haben wir dahingegeben, oft um ein Hundertstel des Wertes im Leihhaus hinterlegen müssen, um die kleine Münze des Aktuellen dafür vorgestreckt zu bekommen.«

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Weiterlernen

Eine alte Weisheit: wer rastet, der rostet. Zitat 1: "Denn ob wir wollen oder nicht: Wir sind dazu verurteilt, Erfahrungen zu machen. Und sei es nur die, dass unsere Erfahrungen viel brüchiger sind als früher." Genau - und gerade deshalb sollte sich jeder hüten, sich auf seinen "Erfahrungen" wie auf Lorbeeren auszuruhen. Was beileibe nicht bedeutet, _immer_ mitzutraben, _jede_ Mode mitzumachen. Aber _hingucken_ sollte man schon, denn nicht alles Neue ist von vornherein ungeeignet zur Aufnahme in den eigenen Erfahrungsschatz, und sich das Notwendige rauszufiltern ist unbedingt ratsam. Zitat 2: "Was dann an Lebenserfahrung noch übrig bleibt, das droht durch technische Entwicklungen und Innovationen rasend schnell entwertet zu werden. Das Subjekt der Erfahrung sieht plötzlich »sehr alt« aus." Eben. Vor ein paar wenigen Jahren glaubte ich selbst noch, auch ohne Internet auszukommen - von wegen (dass ich hier schreibe... sehen Sie?). Heute sehe ich (noch) mit Skepsis all die "jungen Leute" über ihre Handys wischen, bin mir aber -aufgrund meiner eigenen Erfahrung ( ! ), dass das Internet schlicht unverzichtbar geworden ist- nicht sehr sicher, ob ich nicht langsam auch mal mit Wischbewegungen einsetzen sollte. Ich meine, üben kann man das ja auch ohne Smartphone ;-), jeder hat mal Krümel auf der Brust... Im Ernst: jeder _lebt_, ja _überlebt_ letztlich aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen, aber wer keine neuen mehr macht und verinnerlicht, der ist in der Tat "sehr alt"...

Nichts kommt wieder

Erfahrung heißt für mich selbst unter anderem: nichts kommt wieder; nichts ist es wert, sich darüber aufzuregen; alle Menschen machen Fehler; ich kann nicht flexibel genug sein; nichts ist so wie es zu sein scheint; vieles an materiellen Dingen brauche ich nicht wirklich; es gibt keine Wahrheit; die Realität läßt sich nicht beschreiben; es geht immer weiter; "Du kannst nicht zweimal in demselben Fluss baden". Wir haben nichts unter Kontrolle; es kann jederzeit in jeder Hinsicht zu überraschenden Wendungen kommen; Wir leben nicht in einem überschaubaren, geschlossenen System, sondern in einem total offenen in dem alles möglich ist. Meine eigenen Instinkte sind in manchen Fällen wichtiger als die Berechnungen und Erfahrungen anderer oder meine eigenen Berechnungen oder Erfahrungen.

Erfahrungen machen und verwerten

Wie der Artikel sagt, bleibt einem nichts anderes übrig, als Erfahrungen zu machenund ist ein immer vorhandenes Gut. Es gibt heute jedoch (mindestens) zwei Entwicklungen, die es immer schwerer machen, Erfahrungen zu sammeln, von denen er profitieren kann:

1) "Konzentration auf moderne Medien": Die Jugend von heute sammelt ihre Erfahrungen auf den falschen Gebieten. Mit 40 werden sie fundiert und diffentiert Vergleiche zwischen Casting-Shows ziehen und Entwicklungen der medialen Bespaßungsndustrie aus dem Bauch heraus vorhersagen können. Leider reicht das weder für einen "normalen" Beruf, noch für eine verantwortungsvolle und -bewusste Gesellschaft.

2) "Mangel an Reflektion": Macht ein Jugendlicher heute einen Fehler, dann ist alles halb so schlimm - für ihn zumindestens. Es geht immer weiter, es gibt immer die nächste Ablenkung und Zeit für einen Einbau des Erlebten in ein Weltbild aus Erfahrungen bleibt wenig.

Heutzutage sollte man IMHO den Menschen anders erziehen, damit er relevante Erfahrungen bewusst sammeln kann, um diese wieder zu einem hilfreichen Werkzeug zu machen. Einmal ist das natürlich die Fähigkeit zur Selbst-Reflektion, dazu kommt aber in unserer schnelllebigen Welt auch die Gabe, sich schnell anzupassen und dennoch einen Kern aus Persönlichkeit zu bewahren. Dagegen arbeitet aber leider (ich muss das so pathetisch sagen) die Konsum- und Medien-Industrie an, die lieber den unerfahrenen und beeinflussbaren Bürger hat.