PhilosophieWorauf ist noch Verlass?
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Die Erfahrung der Natur kann uns täuschen

Etwas anderes kommt hinzu, und einem David Hume wäre dies ganz ungeheuerlich vorgekommen: Die Erfahrung der Natur kann uns täuschen. Man denke an den 1. Mai 1986, einen hinreißend schönen Frühlingstag. Die harmlos aussehenden Wolken, die am strahlend blauen Himmel vorüberzogen, waren radioaktiv, sie kamen aus Tschernobyl. Heute wissen wir nicht mehr, ob ein Unwetter noch ein «Naturereignis« ist oder bereits die Folge der Klimakatastrophe. Handelt es sich bei einem Hurrikan noch um »Naturnatur« – oder bereits um »Zivilisationsnatur«?

Nicht wenige Philosophen und Soziologen behaupten, dass sich auch das moderne Subjekt dramatisch verändert hat. Den Insassen der Wissensgesellschaft falle es deutlich schwerer als früher, Erfahrungen zu sammeln: Der Einzelne hat zwar jede Menge Erlebnisse, aber es gelingt ihm nicht mehr, diese Erlebnisse in Erfahrungen zu verwandeln, in eine kohärente »Erzählung« des eigenen Lebens. Doch ohne einen festen Erfahrungskern reagieren die Menschen nur noch reflexhaft und situativ – und eben nicht mehr »klug aus Erfahrung«. Was dann an Lebenserfahrung noch übrig bleibt, das droht durch technische Entwicklungen und Innovationen rasend schnell entwertet zu werden. Das Subjekt der Erfahrung sieht plötzlich »sehr alt« aus.

Was also tun? Die Pragmatiker unter den Philosophen, also jene, die John Dewey (1859 bis 1952) als ihren Helden verehren, raten allen Erfahrungsskeptikern, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Mag unsere Identität auch fragiler sein als früher – das Ideal der mündigen, durch Erfahrung gebildeten Person könnten wir gar nicht aufgeben. Die Wissensgesellschaft ist zu unserer »zweiten Natur« geworden, es gibt keinen Notausgang, um ihr zu entkommen. Denn ob wir wollen oder nicht: Wir sind dazu verurteilt, Erfahrungen zu machen. Und sei es nur die, dass unsere Erfahrungen viel brüchiger sind als früher.

 
Leserkommentare
  1. Eine alte Weisheit: wer rastet, der rostet. Zitat 1: "Denn ob wir wollen oder nicht: Wir sind dazu verurteilt, Erfahrungen zu machen. Und sei es nur die, dass unsere Erfahrungen viel brüchiger sind als früher." Genau - und gerade deshalb sollte sich jeder hüten, sich auf seinen "Erfahrungen" wie auf Lorbeeren auszuruhen. Was beileibe nicht bedeutet, _immer_ mitzutraben, _jede_ Mode mitzumachen. Aber _hingucken_ sollte man schon, denn nicht alles Neue ist von vornherein ungeeignet zur Aufnahme in den eigenen Erfahrungsschatz, und sich das Notwendige rauszufiltern ist unbedingt ratsam. Zitat 2: "Was dann an Lebenserfahrung noch übrig bleibt, das droht durch technische Entwicklungen und Innovationen rasend schnell entwertet zu werden. Das Subjekt der Erfahrung sieht plötzlich »sehr alt« aus." Eben. Vor ein paar wenigen Jahren glaubte ich selbst noch, auch ohne Internet auszukommen - von wegen (dass ich hier schreibe... sehen Sie?). Heute sehe ich (noch) mit Skepsis all die "jungen Leute" über ihre Handys wischen, bin mir aber -aufgrund meiner eigenen Erfahrung ( ! ), dass das Internet schlicht unverzichtbar geworden ist- nicht sehr sicher, ob ich nicht langsam auch mal mit Wischbewegungen einsetzen sollte. Ich meine, üben kann man das ja auch ohne Smartphone ;-), jeder hat mal Krümel auf der Brust... Im Ernst: jeder _lebt_, ja _überlebt_ letztlich aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen, aber wer keine neuen mehr macht und verinnerlicht, der ist in der Tat "sehr alt"...

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  2. Erfahrung heißt für mich selbst unter anderem: nichts kommt wieder; nichts ist es wert, sich darüber aufzuregen; alle Menschen machen Fehler; ich kann nicht flexibel genug sein; nichts ist so wie es zu sein scheint; vieles an materiellen Dingen brauche ich nicht wirklich; es gibt keine Wahrheit; die Realität läßt sich nicht beschreiben; es geht immer weiter; "Du kannst nicht zweimal in demselben Fluss baden". Wir haben nichts unter Kontrolle; es kann jederzeit in jeder Hinsicht zu überraschenden Wendungen kommen; Wir leben nicht in einem überschaubaren, geschlossenen System, sondern in einem total offenen in dem alles möglich ist. Meine eigenen Instinkte sind in manchen Fällen wichtiger als die Berechnungen und Erfahrungen anderer oder meine eigenen Berechnungen oder Erfahrungen.

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    • ThoFei
    • 08.05.2012 um 9:45 Uhr

    Wie der Artikel sagt, bleibt einem nichts anderes übrig, als Erfahrungen zu machenund ist ein immer vorhandenes Gut. Es gibt heute jedoch (mindestens) zwei Entwicklungen, die es immer schwerer machen, Erfahrungen zu sammeln, von denen er profitieren kann:

    1) "Konzentration auf moderne Medien": Die Jugend von heute sammelt ihre Erfahrungen auf den falschen Gebieten. Mit 40 werden sie fundiert und diffentiert Vergleiche zwischen Casting-Shows ziehen und Entwicklungen der medialen Bespaßungsndustrie aus dem Bauch heraus vorhersagen können. Leider reicht das weder für einen "normalen" Beruf, noch für eine verantwortungsvolle und -bewusste Gesellschaft.

    2) "Mangel an Reflektion": Macht ein Jugendlicher heute einen Fehler, dann ist alles halb so schlimm - für ihn zumindestens. Es geht immer weiter, es gibt immer die nächste Ablenkung und Zeit für einen Einbau des Erlebten in ein Weltbild aus Erfahrungen bleibt wenig.

    Heutzutage sollte man IMHO den Menschen anders erziehen, damit er relevante Erfahrungen bewusst sammeln kann, um diese wieder zu einem hilfreichen Werkzeug zu machen. Einmal ist das natürlich die Fähigkeit zur Selbst-Reflektion, dazu kommt aber in unserer schnelllebigen Welt auch die Gabe, sich schnell anzupassen und dennoch einen Kern aus Persönlichkeit zu bewahren. Dagegen arbeitet aber leider (ich muss das so pathetisch sagen) die Konsum- und Medien-Industrie an, die lieber den unerfahrenen und beeinflussbaren Bürger hat.

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  3. „Ein neuer Besen kehrt gut, aber die alte Bürste kennt die Ecken.“

    :-)

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  4. Zitat:
    "Der Einzelne hat zwar jede Menge Erlebnisse, aber es gelingt ihm nicht mehr, diese Erlebnisse in Erfahrungen zu verwandeln...Doch ohne einen festen Erfahrungskern reagieren die Menschen nur noch reflexhaft und situativ – und eben nicht mehr »klug aus Erfahrung«. Was dann an Lebenserfahrung noch übrig bleibt, das droht durch technische Entwicklungen und Innovationen rasend schnell entwertet zu werden."

    Bin zwar kein Philosoph, aber der Autor scheint sinnliche Einzel-Erlebnisse (mit einem reflexhaften und situativen Reaktionsmodus) von "Erfahrungen" abzugrenzen, die dem Leben Zusammenhang und damit Sinn verleihen. Diese Trennung sehe ich nicht.
    Sinnliche Erlebnisse sind für mich Ausgangs- und Endpunkt des gesamten menschlichen Strebens. Die Kohärenz der Lebenserfahrung ergibt sich für mich durch durch eine angeborene Struktur menschlicher Grundbestrebungen (= vorstrukturierte Möglichkeiten der Erfahrung), die sich bei jedem Menschen individuell durch Lernen anreichert und ausprägt.

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    • junge7
    • 05.07.2012 um 21:20 Uhr

    z.b. sagt, Sinneswahrnehmungen seien eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für Erfahrung.
    Um von Erfahrung sprechen zu können, müssten einzelne Erlebnisse erst unter einen bestimmten Begriff "subsumiert", d.h. unter einen Begriff gebracht, überhaupt geordnet, werden.

    Ich würde mich dieser These vorsichtig anschließen, besonders, weil ich auch erstmal einen Unterschied zwischen bloßer intuitiver Sinnesaufnahme und der wesentlich weiterentwickelten Erfahrung nachvollziehen kann.

    Die Abgrenzung finde ich gerade wichtig.

    • junge7
    • 05.07.2012 um 21:20 Uhr

    z.b. sagt, Sinneswahrnehmungen seien eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für Erfahrung.
    Um von Erfahrung sprechen zu können, müssten einzelne Erlebnisse erst unter einen bestimmten Begriff "subsumiert", d.h. unter einen Begriff gebracht, überhaupt geordnet, werden.

    Ich würde mich dieser These vorsichtig anschließen, besonders, weil ich auch erstmal einen Unterschied zwischen bloßer intuitiver Sinnesaufnahme und der wesentlich weiterentwickelten Erfahrung nachvollziehen kann.

    Die Abgrenzung finde ich gerade wichtig.

    • F.K.
    • 08.05.2012 um 10:05 Uhr

    Hier scheinen die Philosophen wieder Dingen zu verdrehen, um sich hinterher in die Brust schlagen zu können, wenn sie diese wieder zurecht gerückt haben. Wieso fällt es uns den schwerer als früher, Erfahrungen zu machen? Wenn wir in der Schule lernen, nehmen wir planmäßig Erfahrung auf. Was ist denn Wissen anderes als Erfahrung, nur eben kollektive Erfahrung, bereits in der Vergangenheit gemacht und verallgemeinert. Dies mag sogar mitunter falsch sein, aber auch der Einzelmensch muss persönliche Erfahrunge verallgemeinern, und kann das in falcher Weise tun. Vielleicht kennt der eine oder andere den Effekt, dass einem bestimmte Gesichtstypen unsympatisch sind, weil man mit einer Person mit diesem Gesichtstyp schlechte Erfahrungen gemacht hat. Gespinne von "Was dann an Lebenserfahrung noch übrig bleibt, das droht durch technische Entwicklungen und Innovationen rasend schnell entwertet zu werden." ist genau die geistige Basis für die Meinung, man müsse nichts mehr lernen, wenn man's braucht, schaut man mal bei Google oder Wikipedia nach. Klappt aber in der Realität nicht. Aber richtig, die Realität ist ja kein Maßstab für philosophische Wahrheiten.

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  5. Die Interpretation Kants ist leider schlichtweg falsch und widerspricht gerade dem Grundgedanken der kantischen Transzendentalphilsophie: Es geht zwar wohl darum, zwischen "Erscheinung" und "Ding an sich" zu trennen, aber gerade dadurch wird die Objektivität der Erfahrung und die darin liegende Wahrheit gesichert und nicht nur als "bewährt" unterstellt! Es handelt sich ja nicht bloß um eine individuell-subjektive "Hineinlegung" des Denkens in die Erfahrung, sondern um eine allgemeine, objektive und notwendige, die uns nach Kant allen gemeinsam ist und sein muss. Wohl können wir über die Dinge, wie sie an sich selbst sind, Kant zufolge nichts wissen, aber was wir wissen können (und das im strengstmöglichen Sinne verstanden), ist, wie sie uns erscheinen, und das aufgrund von vor aller Erfahrung in uns gegründeten Gesetzen des Verstandes - den Kategorien -, und Anschauungsformen - Raum und Zeit-. Eine von vielen Belegstellen:
    "Hiedurch [durch die Kategorien als "Begriffe von Anschauungen überhaupt", die wiederum aus der logischen Urteilstafel gezogen wurden] werden auch die Grundsätze a priori der Möglichkeit aller Erfahrung, als einer o b j e k t i v gültigen empirischen Erkenntnis, ganz genau bestimmt werden." (Prol., A 85)

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  6. hat die Wirtschaft begangen. Durch Frühverentungs-Orgien und Vorruhestands-Partys wurde meiner Meinung nach die Ausrottung eines reichhaltigen Erfahrungsschatz vollzogen. Eine ganze Berufsgeneration an Lebens- und Arbeitserfahrenen wurde nach Hause geschickt, nur, damit relativ kurzfristig Bilanzen geschönt werden konnten, bzw die Arbeitsmarktzahlen buntgefärt werden konnten. Eine weitere Berufsgeneration, nämlich die der Berufsanfänger, muss auf die wertvolle Weitergabe von Erfahrung verzichten. Wertvolles, für die Unternehmen nahezu unerschöpfliches Fachwissen, verwahrlost in Taubenschlägen, heimischen Gärten, oder im Hobbykeller der vielen Endvierziger oder Fünfziger. Wer bringt dem Azubi den manchmal so wichtigen ,,kleinen Dienstweg'', wer zeigt noch den ,,kleinen Trick''.
    Einfach nur Schade, aber langsam besinnt man sich

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