Literaturmuseen gibt es viele, ein Roman-Museum jedoch nur einmal. Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk hat am vergangenen Freitag sein Museum der Unschuld im Istanbuler Stadtteil Beyoglu eröffnet. »Es ist eine bescheidene Sammlung des täglichen Lebens in Istanbul«, sagte der Literaturnobelpreisträger in dem überfüllten dreistöckigen Bau. In dunkelbraunen, altertümlichen Holzvitrinen liegen Tausende von Originalgegenständen und Repliken aus dem Alltag der türkischen Metropole, die Pamuk in seinem Roman Istanbul beschreibt. Sie sind die Requisiten der tragischen Geschichte von Kemal, einem jungen Mann der Oberklasse, und dem Mädchen Füsun, einer verarmten Verwandten. Buch und Ausstellung handeln von dem verzweifelten Festklammern an der Liebe mithilfe von Erinnerungsstücken.

Pamuk zeigt das moralische Dilemma der türkischen Oberklasse, die einen westlichen Lebensstil führen will und doch nicht von den Traditionen lassen kann. »Die meisten Ehen sind auch heute noch arrangiert«, sagte Pamuk. Die Unschuld im Titel des Buches und im Namen des Museums stehe unter anderem für den »Kult der Jungfräulichkeit«. Für ihn, so Pamuk, zahlten vor allem die Frauen, wenn sie sich außerhalb der Ehe mit Männern einließen.

Den Gedanken, ein Museum zu schaffen, hegte Pamuk bereits vor 15 Jahren. Damals kaufte er das Holzhaus von 1897 im Zentrum Istanbuls. Wer sich in den schmalen Gässchen dem rot gestrichenen Gebäude nähert, fühlt sich wie eine Figur im Roman. In der Nachbarschaft: ein in die Jahre gekommenes türkisches Dampfbad und ein Antiquariat, dessen unscheinbare Preziosen auch in das Museum der Unschuld passen könnten.

"Eine bescheidene Sammlung des täglichen Lebens in Istanbul", zeigt das Roman-Museum auf drei Etagen. © Bulent Kilic/AFP/GettyImages

Noch bevor Pamuk 2003 an dem Roman zu schreiben begann, sammelte er mithilfe von Freunden und Nachbarn Streichholzschachteln, Bingo-Spielbretter, Bestecke, Kleider, Puppen und Frauenschuhe aus den Jahren 1950 bis 2000. »In einem Interview erwähnte ich einmal, dass ich Zahnbürsten aus den siebziger Jahren suchte«, erzählte Pamuk. Ein Leser habe ihm daraufhin seine gesamte Zahnbürsten-Sammlung geschickt. Im Roman ist es Kemal, der durch einen Unfall seine große Liebe Füsun verliert und Erinnerungsstücke an sie für ein Museum seiner Liebe aufhebt.

Im Foyer sind 4213 Zigarettenstummel an eine Wand gepinnt, sie alle, so die Suggestion, hat Füsun geraucht. Die 83 Vitrinen im Museum entsprechen der Anzahl der Kapitel im Buch. Im ersten und zweiten Stock sind Alltagsgegenstände in Schaukästen zu sehen. Braunes Holz und ein sepiafarbendes Licht tauchen die Räume in jene melancholische Stimmung, die Pamuks Romane verströmen. Oben in der Dachkammer befindet sich das Zimmer des Romanhelden Kemal, in dem er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, dazu Pamuks Manuskripte und seine Entwürfe für das Museum.

»Man muss den Roman nicht gelesen haben, um die Ausstellung zu genießen«, sagte Orhan Pamuk beinahe defensiv. Überraschend war sein Eingeständnis, dass das Schreiben ihn weniger glücklich mache als seine Beschäftigung mit Kunst, Malerei – und mit dieser Ausstellung.