Philosoph Robert Spaemann: "Ich war ein Chaot"
Konservativ und glaubensstark: Der Philosoph Robert Spaemann hat seine Autobiografie in Gesprächen vorgelegt.
© Marijan Murat dpa/lsw

Der Philosoph Robert Spaemann
Die »skeptische Generation« hat man sie genannt, jene in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren geborenen Deutschen – und wohl selten hat solch eine griffige Formel, die doch scheinbar Klarheit in das übliche Generationenwirrwarr brachte, am Ende derart in die Irre geführt. Von Skepsis befallen nämlich, wäre jemand aus dieser deutschen Generation kaum auf den Heiligen Stuhl (Joseph Ratzinger) oder als Lord ins britische Oberhaus (Ralf Dahrendorf) gelangt, hätte nicht Kanzler der Einheit (Helmut Kohl) oder Literaturnobelpreisträger (Günter Grass) werden können. Gewiss traf der Soziologe Helmut Schelsky, als er 1957 die Formel erfand, eine Wirklichkeit: Denn utopische Verheißungen, die noch die Weltanschauungsschlachten der Weimarer Republik befeuert hatten, wirkten nach 1945 zumindest im Westen Deutschlands kaum nach, jedenfalls nicht bis 1968. Totalitäre Verlockungen gab es für jene Jahrgänge nicht mehr – da blieben sie skeptisch. Doch sie waren ganz und gar nicht zu skeptisch, um nach der Gründergeneration nicht zu jenen machtbewussten ideellen Innenausstattern der Bundesrepublik zu werden, als die wir sie heute bewundern und unter denen wir des Öfteren leiden.
Wer sich beispielsweise den Jahrgang 1927 anschaut, zu dem Ratzinger, Grass und Martin Walser gehören, wird heute nicht auf die Idee kommen, hier vor allem Nüchternheit, Pragmatismus und Sachlichkeit festzustellen – alles jedoch zentrale Merkmale jener angeblich »skeptischen Generation«, glaubt man diversen (Selbst-)Beschreibungen. Im Gegenteil: Wo immer man die einschlägigen Biografien genauer durchleuchtet, lassen sich Glutkerne entdecken, die in der totalitären Erfahrung entstanden und die enorme Energien erzeugten, oft ein leidenschaftliches Leben lang.
Robert Spaemann gehört ebenfalls dem gleichen Jahrgang wie der ihm seit vielen Jahren verbundene Papst Benedikt an; am 5. Mai feiert der Philosoph seinen 85. Geburtstag. Als 14-jähriger Gymnasiast erlebt er in der Straßenbahn, wie ein junger Mann einen würdigen Alten mit Judenstern lautstark von seinem Sitzplatz vertreibt, um sich statt seiner zu setzen. Spaemann war in diesem Augenblick klar, »dass es jetzt nur eine anständige Weise des Verhaltens gebe könne, nämlich aufzustehen und dem Herrn meinen Platz anzubieten. Ich tat das nicht. Ich blieb sitzen. Ich hatte Angst. Bis heute schäme ich mich. In diesem Augenblick erfasste mich eine ungeheure Wut. Eine Wut gegen die, die es fertiggebracht hatten, mich zu diesem unwürdigen Sitzenbleiben, zu diesem Sieg der Feigheit, zu veranlassen.«

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Es sind Episoden wie diese, die Spaemanns Autobiographie in Gesprächen zu einem der bemerkenswertesten intellektuellen Selbstzeugnisse unserer Zeit machen. Nicht dass man ähnliche Geschichten über die Zeit des Nationalsozialismus nicht schon kennen würde. Aber Spaemann schildert seine Kindheit und Jugend mit jener Präzision, Wortgewandtheit und schonungslosen Klarheit, die man aus seinen philosophischen Aufsätzen und Büchern gewohnt ist. Und gerade weil seine Schilderungen über Persönliches so anschaulich sind, will man dem Erzähler seine viele Seiten später fallende Bemerkung, er sei stets eher desinteressiert am eigenen Innenleben gewesen, nicht so recht abnehmen.
Die Form dieses Buches ist ungewöhnlich. Sie beruht auf mehreren Gesprächen, die der langjährige Focus-Kulturchef Stephan Sattler mit Spaemann führte; das so entstandene, eher zurückhaltend, wenig kontrovers geführte Langinterview ist in Kapitel unterteilt, unterbrochen von einigen besonders schönen autobiografischen Essays zu Szenen aus einem Philosophenleben. Ausführlich stellt Spaemann im Gespräch noch einmal seine philosophischen Grundpositionen vor, insofern lässt sich der Band auch als bequeme Einführung in sein Werk lesen. Jenem von Martin Heidegger überlieferten antibiografischen Diktum »Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb. Wenden wir uns also seinem Denken zu« allerdings folgt der Band mitnichten – zum Glück für den Leser.
Der katholische Glaube ist fraglos das Herzstück dieses Denkens, auch wenn Spaemann eine ursächliche Verbindung zu seiner Philosophie bestreiten würde. Die Herkunftskonstellation könnte ungewöhnlicher kaum sein: Seine Mutter ist Tänzerin, der Vater wird nach einem Studium am Bauhaus bei Paul Klee und László Moholy-Nagy Kulturredakteur der Sozialistischen Monatshefte in Berlin. Beide konvertieren in einer tiefen Lebenskrise zum katholischen Glauben und ziehen nach Münster, da ist er drei. Als er neun Jahre alt ist, stirbt seine Mutter, und dem Vater wird der Glauben noch mehr zum Hauptlebensinhalt; 1942 wird er zum Priester geweiht. Die Atmosphäre daheim ist eindeutig: Stolz ist der Sohn, keine Uniform des Jungvolks zu haben, weil ihm die Eltern keine kauften; bei der HJ war er nicht, antijüdische Lieder singt er nicht mit – »die Nationalsozialisten waren ganz einfach die Feinde«.





"Religion ist die Hoffnung, daß der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik nicht das letzte Wort über die Wirklichkeit ist."
Seine Werke sind erfüllt durch Gottvertrauen und schlichte Wortwahl, welche aber dank ihrer präzise formulierten Aussagen spannende und lesenswerte philosophische Schriften darstellen. Durch sein gefestigtes ethisches Fundament beginnt er geistige Ausflüge in die entferntesten Gedankenreiche, findet sich aber am Ende des Ausfluges wieder im Glauben, in der geistigen Urquelle der Religion wieder, welche ein höheres Ziel verfolgt und Elemente vereinigt, welche Wissenschaft und bodenständige Schulbildung nie erreichen können.
erlebt. Ich habe selten einen so integeren und ernsthaften Autor gehört,dessen Texte ich uneingeschränkt empfehlen kann.
es muß einmal gesagt werden, daß Robert Spaemann katholischen Schund von sich gibt. In der Zunft der Philosophen wird er als peinliche Figur angesehen. Seine Äußerungen zu Sexualität und Moral sind nichts weiter als erzreaktionäres katholisches Machotum, das durch das theologisch angehauchte Vokabular die wahren Absichten verschleiert: er predigt den Primat des Papstes und der katholischen Kirche über alle und alles über Politik und Wirtschaft und Kultur.
Auch die großen politischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts hatten ihre Philosophen, um sich ein akademisch/philosophischen Mäntelchen umzuhängen, mit denen sie ihre Unmenschlichkeiten rechtfertigen wollten. Das gleiche gilt für diesen Philosophen, der die Unmenschlichkeiten und Widersinnigkeiten der Catholica rechtfertigt!
Wenn Sie mit „Unmenschlichkeit“ etwa meinen, dass Robert Spaemann für den Schutz des ungeborenen Lebens eintritt und deshalb gegen Abtreibung argumentiert, oder dass er mit wohldurchdachten Gründen dagegen ist, dass die katholische Kirche Beratungsscheine ausstellt, dann haben Sie eine sehr eigenwillige Definition von „Menschlichkeit“. Nach dem, was Sie von sich geben, ist „katholisch“ und „Schund“ ohnehin gleichzusetzen, nicht wahr?
Und: Peinlich (=schmerzhaft) ist er nur für Menschen, die sich schwertun mit der Existenz anderer Wertmaßstäbe als den eigenen, und für die diese eigene Meinung bereits hinreichend mit dem nichtssagenden Attribut „modern“ gerechtfertigt ist.
Wenn Sie mit „Unmenschlichkeit“ etwa meinen, dass Robert Spaemann für den Schutz des ungeborenen Lebens eintritt und deshalb gegen Abtreibung argumentiert, oder dass er mit wohldurchdachten Gründen dagegen ist, dass die katholische Kirche Beratungsscheine ausstellt, dann haben Sie eine sehr eigenwillige Definition von „Menschlichkeit“. Nach dem, was Sie von sich geben, ist „katholisch“ und „Schund“ ohnehin gleichzusetzen, nicht wahr?
Und: Peinlich (=schmerzhaft) ist er nur für Menschen, die sich schwertun mit der Existenz anderer Wertmaßstäbe als den eigenen, und für die diese eigene Meinung bereits hinreichend mit dem nichtssagenden Attribut „modern“ gerechtfertigt ist.
Wenn Sie mit „Unmenschlichkeit“ etwa meinen, dass Robert Spaemann für den Schutz des ungeborenen Lebens eintritt und deshalb gegen Abtreibung argumentiert, oder dass er mit wohldurchdachten Gründen dagegen ist, dass die katholische Kirche Beratungsscheine ausstellt, dann haben Sie eine sehr eigenwillige Definition von „Menschlichkeit“. Nach dem, was Sie von sich geben, ist „katholisch“ und „Schund“ ohnehin gleichzusetzen, nicht wahr?
Und: Peinlich (=schmerzhaft) ist er nur für Menschen, die sich schwertun mit der Existenz anderer Wertmaßstäbe als den eigenen, und für die diese eigene Meinung bereits hinreichend mit dem nichtssagenden Attribut „modern“ gerechtfertigt ist.
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