Gerhard PoltDa ist er ja!

Gerhard Polt, der große Komiker und Menschenbeobachter, wird 70. von Marie Schmidt

Gerhard Polt bei der Verleihung des Großen Karl-Valentin-Preis im Januar 2012

Gerhard Polt bei der Verleihung des Großen Karl-Valentin-Preis im Januar 2012  |  © Alexandra Beier/Getty Images

Dafür, dass Gerhard Polt ungern über sich redet, ist in letzter Zeit einiges zusammengekommen. Am Montag wird er 70, weshalb man ihn mehrfach zur Retrospektive gezwungen hat. Das Münchner Literaturhaus zum Beispiel hat eine Werkschau des großen bayerischen Komikers ausgerichtet. Unter dem Titel Braucht’s des?! – das ist bayerisches Understatement. Polt hat zur Beschreibung seines Charakters seinen Fingerabdruck auf einem Papier abgegeben, weil "das beruhigt mich, wenn dann gewusst wird, dass ich doch total überschaubar bin".

Dem kürzlich erschienenen Buch Polt des Autors Gerd Holzheimer merkt man an, dass sich das Objekt des Interesses mit dem Projekt Biografie nicht anfreunden konnte: "Auf die Frage, ob er so spielt, wie er fühlt, antwortet er: 'Hm'." Ein lebender Mensch, meint Polt, verdiene keine Biografie, das sei etwas für jemanden, der tot ist. Eine bestimmte Art von Fragen hat er sowieso dick, zum Beispiel "Wie geht’s?". Das solle man ihn nach zwei Monaten fragen, da könne er beurteilen, wie es ihm jetzt gegangen sei.

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Oder "Wo?". Mit Polts Satiren verhält es sich wie sonst eigentlich nur noch mit Loriot-Sketchen: Wenn man sie einmal gehört hat, fallen sie einem immer wieder ein, weil sie so fundamental mit etwas zu tun haben, das ständig vorkommt. Zum Beispiel die Szene über das "Wo?": "Das ist eine der deutschesten Fragen. Nur ein Deutscher bringt es fertig, einen Hund, wenn er am Trottoir dasitzt – zu ihm hinzugehen und ihn zu fragen: Ja, wo ist er denn? Und der Hund, weil er von der Frage überrumpelt ist, natürlich, sagt nichts. Und da sagt der Deutsche zu ihm: Ja, da ist er ja!"

Polt schätzt Momente, in denen Leute mit der größten Folgerichtigkeit die absurdesten Dinge von sich geben, und interessiert sich kaum für abstrakte Überlegungen über sein Tun oder seine Person. Für den Gesprächsband und auch sonst hat Polt der befreundeten Fotografin und Interviewerin Herlinde Koelbl aber trotzdem Auskunft über Grundsätzliches gegeben: das Wesen des Humors, den Glauben, die Mediengesellschaft. Der Eindruck verstärkt sich, dass das authentisch Tiefsinnige nicht sein Fach ist.

"Humor" sagt er, "ist immer dann, wenn er stattfindet." Die These erschließt sich, wenn man erlebt, wie Polt stattfindet. Bei der Eröffnung der Ausstellung in München steht er auf der Bühne, mit diesem Gesicht, das aussieht, als sei es geschaffen, um den Grant zu repräsentieren. Neben ihm der Leiter des Literaturhauses, der detailreich schildert, wie man die Ausstellung geplant habe, wie froh man gewesen sei, den Autor selbst zu gewinnen. Und dann habe es an einem denkwürdigen Tag, er wisse es wie heute, genau dort hinten in der Ecke ein gemeinsames Mittagessen gegeben. Polt hebt langsam das Mikrofon und sagt: "Ein Risotto". Spitzes t, bayerisches o, nur das, der Saal brüllt.

Polts Kunst besteht in einer Ökonomie des Schweigens, Schnaufens und der Sprachmelodie. Das bedarf genauer Beobachtung und vieler Übung, wie man in den Gesprächen mit Koelbl liest. Polt imitiert und fingiert Sprechweisen. In einer der bekanntesten Szenen seiner Karriere sagt Polt in einer Fernsehsendung acht Minuten lang nur, dass er nichts sagen wird. Das war 1980, der Sender hatte ihm verboten, den in eine Meineid-Affäre verwickelten Innenminister Zimmermann "Old Schwurhand" zu nennen. Das hat er durchgezogen und war dabei, wie er erzählt, sehr auf sein Publikum angewiesen: "Ein Mensch, der dasteht und eigentlich in Verlegenheit ist: So, jetzt biet was. Und diese Verlegenheit eines Menschen überträgt sich ja auf die Zuschauer, zu verschiedenen Gefühlswallungen."

Solche Übertragungen können ganz schön ambivalent werden, wenn Polt Figuren darstellt wie den Schäferhundbesitzer, der mit dem Gehorsam seines Hundes droht: "Nicht 'Fass!' – Gell, also nicht 'Fass', aber ich könnte 'Fass' sagen." Oder den Mann, der seine Frau vorführt, die er sich im Katalog bestellt hat, die berühmte Mai Ling. "Wenn man das so hört", meint Polt, "dann würde ich sagen, was ist da komisch?" Das stellt sich eben heraus, wenn es im Körper von Polt und in seinen verschiedenen Stimmen stattfindet.

Etwas Neues über Polt wird man aus dem Interviewbuch kaum erfahren, eher ist es etwas für Exegeten, die den Schlüssel zum Komiker in dessen eigenen Aussagen suchen. Biografisches wird anekdotisch wiedergegeben: die Kindheit in Altötting und in der Amalienstraße in München, das Studium in Schweden, die Arbeit mit Dieter Hildebrandt, Hanns Christian Müller, Gisela Schneeberger, den Biermösl Blosn. Auch wenn sie das meiste davon schon kennen dürften, können sich echte Fans immer aufs Neue unendlich an Polts bayerischem Stoizismus erfreuen. Am liebsten, so sagt er oft, wäre er Bootsverleiher geworden. Für ein Video der Münchner Ausstellung hat er einen gespielt, mitten in Eis und Schnee am Schliersee, wo er lebt: "Diese Ruhe! Ich hab mir jetzt eine Regensburger mitgebracht und eine Essiggurken. Ich könnt mir’s nicht schöner vorstellen. Die Gewissheit, dass heute keiner mehr kommt, der ein Boot will: Ich bin so erleichtert." Das, sagt Polt zu Koelbl, sei seine Vorstellung von Freiheit.

Eigentlich, denkt man bei der Lektüre der Interviews, muss sich einer, dessen Genie in der Karikatur des Normalen besteht, ja auch nicht über Tod und Teufel äußern wollen. "Die Banalität ist so eine große Welt und bietet sehr viel", sagt Polt. Eine seiner schönsten Stücke geht so: "Der Kurzwarenhändler Ignaz Scherr hat auf einen Zettel draufgeschrieben, an seine Haushälterin: Liebe Maria, bitte erschrick nicht, aber ich hänge im Kammerl. Die Maria geht ins Kammerl, und siehe da: Da hängt er. Die Maria nimmt den Zettel, schreibt hinten drauf: Heute wegen Tod geschlossen. Das", kommentiert Polt, "ist banal, aber es ist wunderbar." Was soll man schon groß sagen?

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Leserkommentare
    • csuess
    • 07. Mai 2012 11:47 Uhr

    ... Herr Polt, ich soll Ihnen auch die herzlichsten Glückwünsche ausrichten von: der Mai Ling, dem Rüdiger Löhlein, dem Herrn Berzelmeier, dem Rudi, der Frau Waguscheid, dem Heinz-Rüdiger, dem Deutelmoser, dem Bemmerl, dem Willi, dem Erwin, dem Nikolausi, dem Osterhasi und vom Sam Ismeier!
    Der Dillinger ist allerdings immer noch ned da!

    Der Hindemith hat heut früh ein paar Spreißel aus der Vitrine rausgehauen, freut sich aber ebenfalls mit. Die Herren Rösner und Frau Zitzl-Dumont sind zur Zeit nicht erreichbar.

    In diesem Sinne: Ventilatione!

    Chr Suess

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    ...mit ihm auf den Tennisplatz gehen, an Noel, Schabracken schimpfen.

    heißt glaub ich Winfried - weil ich Depp war auch noch per Du mit diesem... :)

    • csuess
    • 07. Mai 2012 13:02 Uhr

    Der Dillinger kommt anscheinend am Freitag! (Wenn's nicht regnet)

  1. ...mit ihm auf den Tennisplatz gehen, an Noel, Schabracken schimpfen.

    Antwort auf "Ähhhh ... "
  2. heißt glaub ich Winfried - weil ich Depp war auch noch per Du mit diesem... :)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Ähhhh ... "
    • csuess
    • 07. Mai 2012 13:02 Uhr

    Der Dillinger kommt anscheinend am Freitag! (Wenn's nicht regnet)

    Antwort auf "Ähhhh ... "
  3. Ich hatte das Glück, selbst hier im hohen Norden Gerhard Polt insgesamt dreimal auf der Bühne erleben zu dürfen. Was für eine Bühnenpräsenz! Da wirkt selbst einfaches auf der Bühne sitzen und in die Ferne starren unglaublich komisch.

  4. Lieber Herr Polt! Nachträglich noch alles Gute zu Ihrem Geburtstag. Ich hatte das Glück, Sie und die inzwischen leider nicht mehr existierende Biermösl Blasn vor kurzem in der Oper in Hannover zu sehen und zu hören. Dies war übrigens das bisher einzige Mal, das ich mich in eine Oper getraut habe. Ich würde mir wünschen, dass süddeutsche (und andere regional eher beschränkte) Künstler öfter einmal ihren Horizont überschreiten würden.

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  5. da kommt freude auf habe mit gefeiert.und dem programm mit diesem urgstein der menschenlichen komik genossen.leider werden solche komiker zu selten.und in begleitung der drei musialen einfach toll.

    ich werde mir auch eine mei ling suchen.

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