Bischöfin Ilse Junkermann"Manche Täter waren auch Opfer"

Die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann plädiert für eine neue Aufarbeitung des DDR-Unrechts: Erst dann sei Versöhnung möglich von Wolfgang Thielmann

DIE ZEIT: Frau Junkermann, war die DDR ein Unrechtsstaat?

Ilse Junkermann: Ja, ohne Zweifel. Sie kannte keine Gewaltenteilung. Sie hat im Rahmen ihres Rechts Recht gesprochen, das nicht auf demokratischem Weg zustande gekommen ist. Die bürgerlichen Rechte waren massiv eingeschränkt.

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ZEIT: Sie wollen Versöhnung. Ihre Gegner plädieren dafür, erst einmal die Geschichte des Unrechtsstaates zu schreiben. Sind Sie dagegen?

Junkermann: Nein. Ich habe auch bei der letzten Podiumsdiskussion mit Marianne Birthler im Februar in Erfurt dafür plädiert: Es ist falsch, wenn Medien mich mit einem »Aufruf zur Versöhnung« zitieren. Nach meinem Amtsantritt 2009 gewann ich den Eindruck, dass in der Kirche und den Gemeinden Schritte zur Versöhnung noch mehr vor uns liegen als hinter uns. Um Versöhnung bitten, das ist ein Auftrag Gottes an die Christen. Jesus hat gesagt, dass wir uns versöhnen sollen, bevor wir zu Gott beten. Das gehört zu unserem Glauben an einen vergebenden Gott: auch selbst vergeben und den Bruder, die Schwester um Vergebung bitten. Versöhnung geht nicht, ohne Unrecht und Verletzungen aufzuarbeiten. Ich hatte bei meinem Aufruf, nach Schritten zur Versöhnung zu suchen, zuerst Christen im Blick, die von Verfolgung und Bedrückung, von Verrat und Ausspionierung betroffen waren. Zur Aufarbeitung gehört auch, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die auf der Seite der Täter stehen, die das Unrecht für richtig gehalten haben. Und es gilt zu differenzieren. Eine Diktatur drängt Individualität zurück oder leugnet sie um eines größeren Ideals willen. Aber die Geschichten von Menschen sind individuell, auch wenn sie in einem gemeinsamen Unrechtssystem und nach einem gemeinsamen Schema stattfanden. Wir müssen diese Differenzierungen hinbekommen, um den Menschen gerecht zu werden.

ZEIT: Wie ist Ihr Aufruf bei den Menschen angekommen? Gab es viel Widerspruch?

Junkermann: Es gab viele Reaktionen, Zuspruch sowie Widerspruch. Als ich mit Marianne Birthler darüber diskutierte, unterstrich sie, dass die Opfer des Systems bis heute leiden und ihnen zu wenig Empathie entgegengebracht wird. Deshalb könnten sie keinen Schlussstrich ziehen. Da stimme ich ihr ganz zu. Ich beobachte eine Mauer des Schweigens. Die Opfer werden nicht beziehungsweise zu wenig angehört. Beim Thema sexueller Missbrauch ist klar geworden, wie lange es dauert, bis traumatisierte Opfer überhaupt anfangen können zu sprechen. Zwanzig Jahre ist daran gemessen noch früh. Und zum Gespräch braucht es Empathie auch in der Gesellschaft. Es braucht Räume, es braucht Menschen, die die Ohren öffnen und zuhören und die sich die Geschichten der Opfer noch einmal zu Herzen gehen lassen. Marianne Birthler hat mir allerdings auch entgegengehalten, es sei nicht Aufgabe einer Bischöfin, auch Empathie mit Tätern zu zeigen.

ZEIT: Mit Tätern?

Junkermann: Ja. Die Bereitschaft zur Versöhnung muss jedem Menschen gelten. Wir Christen unterscheiden Werk und Person. Die Person kann ihre Würde vor Gott weder mit Taten erringen noch mit Untaten verspielen. Der Mensch, auch ein Täter, ist mehr als die Summe seiner Taten. Vielmehr ist er im Kern ein Gegenüber von Gott, einer, zu dem Gott Ja sagt. Es ist schwer, das angesichts von schwerem Unrecht durchzuhalten. Aber gerade da sind wir als Christen gefordert.

Leserkommentare
  1. Natürlich müssen sich die Täter darüber klar werden, welches Unrecht sie persönlich begangen haben. Nur so ist Vergebung möglich. Aber auch Unbeteiligte und sogar Opfer sind hier gefordert, den Menschen hinter der Tat zu sehen, Zitat: "Der Mensch, auch ein Täter, ist ... im Kern ein Gegenüber von Gott".

  2. Die kann was, diese neue Bischöfin. Sie gefällt mir sehr!

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  • Schlagworte Marianne Birthler | Roland Jahn | DDR | Diktatur | Kirche | Opfer
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