Der Mann, der ein Hoffnungsträger für Sachsens Linke sein will, weiß, wie man sich ganz unten fühlt. Sebastian Scheel hat als junger Mann von 19 Jahren Müll sortiert. Er stand als Leiharbeiter an einem Förderband in Berlin und stocherte in Hausabfällen. Der Dreck der Hauptstadt zog an ihm vorbei. "Einmal habe ich ein paar entsorgte Bücher mitgenommen", sagt Scheel. Um die habe es ihm leidgetan.

Heute sitzt er in einem dunklen Anzug von Calvin Klein bei einem Milchkaffee im Sächsischen Landtag. Ein schlanker Mittdreißiger, der ein weißes Hemd mit Manschettenknöpfen, Seidenkrawatte und italienische Schuhe trägt. Nichts erinnert mehr an jene Zeit, als er sich mit Hilfsarbeiterjobs etwas dazuverdiente. Salonkommunist nennen ihn Spötter heute. Scheel lächelt darüber. "Im Herzen bin ich Punk geblieben", sagt er. Ein Punk mit Designerbrille.

Ihn wollen viele in der sächsischen Linken für die Landtagswahl 2014 zum Spitzenkandidaten ausrufen. "Wenn die Partei mich will, kann ich mir eine Kandidatur gut vorstellen", sagt Scheel. Für manchen ist er schon "Tillichs härtester Gegner" (Bild) . Doch Härte ist nicht sein auffälligstes Merkmal. Scheel ist ein Suchender. Er testet gern. Sich selbst und andere.

Er war Mormone und mag Che Guevara . Er begreift sich als Sozialist und fährt Mercedes. Scheel gehört zu einer Generation, die ihre Pubertät in den Nachwendejahren erlebt hat. Als ihre Rebellenphase begann, fiel die Mauer. Als sie nach Antworten suchte, verschwamm alles. Vertreter dieser Generation schätzen klare Konturen und sind trotzdem kompromissfähig. Sie stellen die Sache über die Ideologie.

Selbst politische Gegner loben sein Fachwissen in Finanzfragen

"Da unten läuft eine absurde Debatte", sagt Scheel mit Blick auf den Plenarsaal. "Das Parlament diskutiert über den Solidarpakt, obwohl keine Fraktion an den Hilfen für Ostdeutschland zweifelt." Dies sei, da Sachsen so viele Probleme habe, vergeudete Zeit. Seit 2009 leitet Scheel den Haushaltsausschuss. Er hat sich als Chefankläger im Untersuchungsausschuss zur Sächsischen Landesbank einen Namen gemacht und kennt so ziemlich alle Tricks der Finanzbuchhaltung. Selbst politische Gegner loben sein Fachwissen.

"Im Haushaltsausschuss wirkt Scheel immer moderat", sagt sein Stellvertreter an der Spitze des Gremiums, Peter Patt (CDU). "Aber bei seinen Parlamentsreden nehme ich ihn anders wahr. Darin bürstet er die Landesregierung brüsk ab. Man merkt, dass er die Zustimmung seiner Parteibasis sucht."

Tatsächlich hadern an der Basis vor allem ältere Genossen mit dem Gedanken, Scheel höhere Ämter zu übertragen. Die Linke ringt seit dem Rücktritt ihrer Parteivorsitzenden Gesine Lötzsch um die Richtung. Scheel gehört zu den jungen Ostdeutschen, die mit pragmatischer Politik an die Macht streben. "Wir können nicht ewig mit DDR-Nostalgie und Dagegen-Sein punkten", sagt er. "Eine nachhaltige Linke muss anders auftreten." Begriffe wie Solidarität und Gleichheit seien der Markenkern. "Doch wir dürfen die Freiheitsrechte nicht vergessen."

Weder SED-Vergangenheit, noch Stasiakte

Realos wie er haben weder eine SED-Vergangenheit, die man ihnen vorhalten könnte, noch eine Stasiakte. Man kann sie nur fragen, warum sie in jungen Jahren nicht Sozialdemokraten geworden sind, sondern der PDS beitraten, dieser seltsamen Partei aus Altkommunisten und linken Träumern. Bei Scheel hat darüber eine Mischung aus Fügung und Sinnsuche entschieden. 1975 im brandenburgischen Wriezen geboren, wächst er in Frankfurt (Oder ) auf. Als er fünf Jahre alt ist, kommt sein Vater ums Leben. Für den Jungen ist es ein Schock. Die Mutter, noch keine 30 Jahre alt, sucht sich einen neuen Partner und wechselt oft ihren Job. Sebastian Scheel findet Halt und Anerkennung in der Schule. Er wird Mitglied der Pionierorganisation und sammelt Münzen im Klub der jungen Numismatiker.

Als die Mauer fällt, verschwindet sein SED-treuer Geschichtslehrer in den Westen; und der Direktor fliegt als Stasispitzel auf. Scheel ist irritiert: Welche Wahrheiten gelten jetzt? Wogegen rebelliert man, wenn alles diffus ist. Mit kaum 16 Jahren trifft er auf die Mormonen. Die Glaubensgemeinschaft fasziniert ihn, er tritt bei. "Die konnten mir Englisch beibringen, sie gaben Struktur und Antworten über den Tag hinaus", sagt Scheel. Er wird sogar zum Priester ordiniert. Doch ihm fehlt der Glaube an Gott. 1995 stellt er die Zahlung des Zehnten wieder ein.

Er ist alleinerziehender Vater – in der Politik eine absolute Rarität

Doch Scheel braucht etwas, dem er sich zugehörig fühlen kann. Im Brandenburger Landesschülerrat engagiert er sich für die Einführung des Unterrichtsfachs Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde. Er wirbt für ein Fach ohne Zensuren, "weil man Weltanschauungen nicht benoten soll". Für diese Politik sucht Scheel eine verbündete Partei. Die in Brandenburg regierende SPD scheidet aus. Die PDS bietet sich an und unterstützt ihn. So schafft er es in einem Jahr von einer Organisation, die Erlösung durch Gott verspricht, zu einer anderen, die etwas Ähnliches durch den Sozialismus prophezeit.

"Ich glaube, dass es ein Leben nach dem Kapitalismus geben kann, ohne im Steinzeitkommunismus zu enden", sagt Scheel. Er muss für eine halbe Stunde wieder ins Landtagsplenum. Dort hält er eine Rede zum Solidarpakt: Er sagt, die Debatte über die Notwendigkeit von Finanzhilfen für den Osten sei "von Krämer-Seelen losgetreten worden", und kehrt nach lauem Applaus wieder zurück.

Scheel kann sich eine Senkung des Solidaritätszuschlages vorstellen; er hat diesen Gedanken in seiner Rede aber ausgespart. Das Thema tauge nicht für den Schlagabtausch, sagt er. Dieses Jahr nimmt der Bund durch den Soli 14,5 Milliarden Euro ein, doch nur acht Milliarden fließen über den Solidarpakt in den Osten. "Wenn die Hilfen wie geplant weiter gekürzt werden, kann man die Steuer von 2013 an tatsächlich senken, um die Einkommen zu entlasten", sagt Scheel. Geld abschöpfen würde er woanders: bei Erben und Vermögenden.

Schon als Gymnasiast hatte Scheel ein Faible für Zahlen. Vielleicht, weil auch in Umbruchzeiten eins und eins gleich zwei bleibt. Er besuchte in Frankfurt (Oder) eine Schule mit Wirtschaftsprofil. Nach dem Abitur entschied er sich für ein Studium der Politikwissenschaften in Leipzig . Wirtschaft belegte er nur im Nebenfach. "Dort haben sie zu viele vermeintliche Wahrheiten erzählt", sagt Scheel. "Das gefiel mir nicht so gut."

An einem Frühlingstag 2012 rauscht Scheel in seinem schwarzen Mercedes auf der A13 von Dresden aus nach Norden. Immer auf der Überholspur. Er will kurz nach Hause, um sein iPhone zu holen, das er am Morgen vergessen hat. Der Politiker lebt in Radeburg bei Meißen. Er hat ein Fachwerkhaus im historischen Ortskern gekauft, ein hellblau getünchtes Kleinod aus dem frühen 18. Jahrhundert. "Dort wohnt der Gerd, dort der Heinz und dort der Andy", sagt Scheel und zeigt auf die Nachbarhäuser. Wie er dann vor seiner Tür steht, sieht er aus wie ein Versicherungsvertreter auf der Durchreise.

Die Traditionalisten in der Linken spotten über ihn

Er führt in den ersten Stock. Über dem Bett im Schlafzimmer hängt ein Che-Guevara-Poster, im Kinderzimmer stapeln sich Spielsachen. "Die Wand dazwischen habe ich selbst eingebaut und tapeziert", sagt Scheel, "damit mein Sohn ein eigenes Zimmer hat." Scheel ist alleinerziehender Vater – eine absolute Rarität in der deutschen Politik. Vor einem halben Jahr hat er sich von seiner Frau getrennt. "Für mich stand fest, dass unser Sohn eine feste Heimat braucht", sagt Scheel. Ein geteiltes Sorgerecht kam für ihn nicht infrage. So verzichtete seine Exfrau, und er übernahm die volle Verantwortung für das Kind. Es soll mehr Halt bekommen, als er selbst hatte.

Nun finden viele abendliche Parteirunden ohne ihn statt, weil er seinen vierjährigen Sohn ins Bett bringen muss. Scheel nimmt das in Kauf. "Ich würde mir Vorwürfe machen, wenn ich ihn nicht aufwachsen sähe", sagt er. Aber kann man als Alleinerziehender Spitzenkandidat für eine Landtagswahl werden? Und was, wenn es am Ende für eine rot-rot-grüne Mehrheit reicht? Wenn SPD und Grüne über ihren Schatten sprängen, würde er Ministerpräsident. Ginge das mit Kind? Es wäre ein Wagnis, aber auch ein Zeichen: In einem modernen Land können sogar alleinerziehende Väter regieren.

Auf dem Rückweg zum Landtag erzählt Scheel, dass seine Partei mehr für junge Frauen tun müsse. "Trotz Quote sitzen auf den entscheidenden Posten oft noch die Silberrücken." Mit einem dieser Silberrücken hatte er selbst seine Not. Während des Studiums ließ er sich in den Leipziger Stadtrat wählen. Doch die graue Eminenz der städtischen PDS, der langjährige Vorsitzende Dietmar Pellmann, sorgte mit dafür, dass diese Karriere nicht von Dauer war.

Pellmann lebt in Leipzig-Grünau, wo viele Rentner und Hartz-IV-Empfänger ihr Zuhause haben. Der Altgenosse macht keinen Hehl daraus, dass ihm vieles an Scheel fremd ist: "Ihm fehlt die linke Seele." Vor etwa einem Jahr sprach Scheel in der Presse erstmals über seine Vorliebe für feine Kleider und zückte auch einen Montblanc-Füller, Neuwert: rund 400 Euro. "Davon müssen in meinem Stadtteil manche Menschen einen Monat lang leben", grantelt Pellmann. Aber er wolle Scheel sein politisches Talent nicht absprechen. "Wenn meine Partei ihn zum Spitzenkandidaten macht, werde ich ihn unterstützen", sagt er. Es klingt nicht so, als wolle er es so weit kommen lassen.

Pellmann und Scheel sind zwei linke Antipoden. Auf der einen Seite der Strickjacken-Sozialist mit Bürgerbüro im Plattenbau. Auf der anderen Seite der junge Aufsteiger im Designeranzug. "Meine Kleidung ist auch eine Referenz gegenüber der Demokratie", sagt Scheel. Er wolle dem Parlament Achtung entgegenbringen. Das klingt sehr anständig, aber auch nach Phrase. Vielleicht ist es ja auch so, dass Scheel seine Genossen testet. Wie viel Armani kann man der Linken zumuten?

Es hat ihn schon als junger Mann geärgert, wenn Einstellungen an Äußerlichkeiten festgemacht wurden. In Frankfurt (Oder) hatte er Freunde in der Hausbesetzerszene. "Wenn man dort nicht mit zerrissenen Jeans ankam, hat man nicht dazugehört", sagt Scheel. "Das war auch eine Art der Uniformierung."

In seinem Haus in Radeburg hängt über der Tür zum Wohnzimmer ein asiatisches Kampfschwert. Scheel kann Ninjutsu, will jetzt zu Aikido wechseln. "Dort wandelt man die Kraft des Gegners in seinen eigenen Vorteil um", sagt er. Je heftiger die Traditionalisten in der Linken über ihn spotten, umso stärker wird Scheel. Er denkt nicht daran, seinen Stil zu ändern. Im Grunde sieht er längst wie ein Spitzenkandidat aus.