Der König und sein Gefolge hatten fast zwei Wochen gebraucht, um im Februar 1945 von Riad im Zentrum der Arabischen Halbinsel nach Dschidda am Roten Meer zu gelangen. Dort wartete das US-Kriegsschiff USS Murphy auf Abdel Asis ibn Saud, den Herrscher über das Königreich Saudi-Arabien, das Ibn Saud 1932 nach langen Kämpfen gegen rivalisierende Beduinenstämme unter seiner Führung geeint hatte. Die Murphy sollte den König zum Großen Bittersee im Sueskanal bringen. Dort wünschte ihn US-Präsident Franklin D. Roosevelt auf der Rückreise von der Jalta-Konferenz zu treffen.

Doch die Saudis hatten eigene Vorstellungen von einer Schiffsreise. Zum Entsetzen des Kapitäns nahm Ibn Saud Dutzende Gefolgsleute, außerdem eine halbe Herde Schafe mit an Bord. Nach stürmischer Überfahrt erreichte das Schiff am 14. Februar den Bittersee, wo der absolute Herrscher eines Landes, das bislang kaum mit der Moderne in Berührung gekommen war, dem Führer der demokratischen Weltmacht Amerika begegnete. Trotz aller kulturellen Unterschiede verliefen die Gespräche in bester Atmosphäre. Zum Abschied schenkte der Präsident, der seit einer späten Kinderlähmung im Rollstuhl saß, dem leicht hinkenden König ein gleiches Gefährt – und eine DC-3 Dakota, Saudi-Arabiens erstes Verkehrsflugzeug.

Roosevelt hatte handfeste Gründe für das Treffen. Der zu Ende gehende Zweite Weltkrieg ließ die künftige Bedeutung der Ölquellen des Mittleren Ostens klar zutage treten. Saudi-Arabien fiel eine Schlüsselrolle bei der Energieversorgung der USA und Westeuropas zu. Bereits 1933 hatte Ibn Saud der kalifornischen Standard Oil Company gegen eine jährliche Pacht von 25.000 Dollar und 1 Dollar pro Tonne Öl Bohrungen am Persischen Golf gestattet. Allerdings hatte es fünf Jahre gedauert, bis das erste profitable Feld angezapft worden war.

Wegen der hohen Kosten hatten sich 1944 mehrere US-Ölkonzerne unter dem Namen Arabian American Oil Company, kurz Aramco, zusammengeschlossen. Auch die Saudis waren am Aufbau der Ölindustrie sehr interessiert, denn das Wüstenreich verfügte bis dahin nur über eine einzige echte Einnahmequelle: die Pilgerfahrten nach Mekka. Die Amerikaner waren willkommene Partner. Im Unterschied zu ihren britischen Konkurrenten hatten sie keine kolonialen Interessen. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges stimmten die auf ihre Souveränität bedachten Saudis sogar einem US-Luftwaffenstützpunkt in Dhahran nahe den Aramco-Ölfeldern am Golf zu.

Gern verschenkt König Feisal die »Protokolle der Weisen von Zion«

Öl war nicht das einzige Thema zwischen Roosevelt und Ibn Saud. Als der Präsident das Gespräch auf Palästina brachte, forderte der König das Ende der jüdischen Einwanderung. Wenn die Juden einen eigenen Staat wollten, dann bitte nicht in Palästina, sondern in Deutschland; schließlich seien nicht die Araber, sondern die Deutschen für die Leiden des jüdischen Volkes verantwortlich. Roosevelt versprach, die USA würden nichts tun, was den Arabern schaden könnte. Als sein Nachfolger Harry S. Truman 1948 Israel diplomatisch anerkannte, war der König außer sich über diesen »Verrat«. Auf einen Bruch mit den USA konnten es die Saudis indes nicht ankommen lassen. Das Reich brauchte die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit.

Aber auch die Amerikaner erkannten schnell, dass die Saudis ein wichtiger Verbündeter waren. »Unser Ziel ist es«, fasste 1951 ein Memorandum des State Department die Interessen in einem Satz zusammen, »für uns wie für unsere Freunde und Verbündeten die strategischen Vorteile zu sichern, die sich aus Saudi-Arabiens geografischer Lage, seinen Erdölreserven und der fortgesetzten Abneigung der Saudis gegen den Kommunismus ergeben.« Das Haus Saud sei die wichtigste proamerikanische Stimme in einer den USA ansonsten eher feindlich gesinnten Region und müsse militärisch und politisch unterstützt werden. Die Souveränität des Landes sei ebenso zu respektieren wie sein Status als Hüter der Heiligen Stätten des Islams – Mekka und Medina – und seine »lokalen Sitten«. Jeder Anschein, man wolle das Land dominieren, müsse unbedingt vermieden werden. In der Tat übte die Supermacht USA gegen keinen anderen Klientelstaat so viel politische und kulturelle Rücksichtnahme wie gegen Saudi-Arabien.

Die Saudis wollten Unterstützung bei der wirtschaftlichen Entwicklung, modernstes Kriegsgerät und sicherheitspolitische Rückendeckung im Streit mit ihren regionalen Rivalen, wachten aber stets eifersüchtig über ihre Souveränität und schotteten sich so weit wie möglich gegen den Einfluss westlicher Kultur ab. Schon der Konzessionsvertrag mit Standard Oil von 1933 verwahrte sich gegen jede Einmischung. Gleichzeitig erwarteten die Saudis, dass die Amerikaner nicht nur nach Öl bohrten, sondern Straßen, Schulen und Hospitäler bauten. Die Verpflichtung, möglichst viele einheimische Arbeitskräfte zu beschäftigen, war für die im Lande tätigen US-Firmen lange Zeit schwer zu erfüllen. Der größte Teil der Bevölkerung konnte weder lesen noch schreiben, geschweige denn mit moderner Technik umgehen. Die Amerikaner achteten gleichwohl peinlich darauf, den Stolz der Araber nicht zu verletzen. Aramco praktizierte in den fünfziger Jahren eine Sprachregelung, der zufolge Saudi-Arabien niemals als »rückständig« oder »unterentwickelt« bezeichnet werden durfte, sondern stets als eine Nation, die »an der Schwelle einer neuen Ära« stand.